Thomas Piketty, der sture linke Weltstar

  • Der Pariser Ökonom Thomas Piketty will allen eine Jobgarantie geben und eine Erbschaft von 120.000 Euro – seine Bücher sind Weltbestseller.
  • Ist er ein Kommunist? Nein. Ein Träumer? Schon eher.
  • Er selbst sieht sich als Pragmatiker, der einfach nur den Kapitalismus grundlegend reformieren will.
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Ein Journalist aus Deutschland hat Fragen? Da stellt Thomas Piketty gleich mal eine Gegenfrage: Ob man sich mal mit dem Lastenausgleich von 1952 beschäftigt habe.

Lastenausgleich: Das deutsche Wort findet sich – unübersetzt – auch in einem der jüngsten Aufsätze von Piketty in „Le Monde“. Der weltberühmte Pariser Ökonom ist fasziniert von Schlichtheit und Effizienz der Maßnahmen der damaligen CDU-geführten Regierung in Bonn.

Mit dem Lastenausgleichs­gesetz wurden Milliarden umverteilt. Begünstigt wurden Kriegsgeschädigte, Vertriebene und Spätheimkehrer. Zahlen mussten jene, denen ein erhebliches Vermögen geblieben war.

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Kundgebung zum Regierungsentwurf zum Lastenausgleich 1951 in Bonn. © Quelle: dpa

„Das war ein wichtiges Element für Deutschlands erfolgreichen Wiederaufbau“, betont Piketty diese Woche gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Der Lastenausgleich sei eine ambitionierte progressive Vermögenssteuer – die heute dummerweise von vielen abgelehnt wird.

Ungleichheit als Wurzel des „Ethno­nationalismus“

Umverteilung ist Pikettys Lebensthema. Der Franzose, Jahrgang 1971, schaffte mit 16 den Bachelor, mit 22 war er Doktor der Wirtschaftswissenschaften, dann Professor in den USA. Derzeit arbeitet er in Paris, an drei Instituten gleichzeitig. Rastlos durchforsten seine Teams ökonomische Daten aus aller Welt und sammeln immer neue Beweise für Pikettys Kernthese: Soziale Ungleichheit ist die Wurzel allen Übels.

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Trump? Brexit? Populismus? Piketty rechnet vor, warum ökonomische Brüche die tiefere Ursache des „Ethno­nationalismus“ sind, wie er das nennt. Al-Kaida? „Islamischer Staat“? Auch hier verweist Piketty aufs Ökonomische, den grotesken Unterschied zwischen Arm und Reich im Mittleren Osten, namentlich in den auf makabre Art regierten Öldiktaturen.

Pikettys Gegenmaßnahmen klingen radikal. Milliardenvermögen will er mit bis zu 90 Prozent besteuern – und dafür jeder und jedem 25-Jährigen 120.000 Euro aushändigen: als Grundstock zum Kauf von Eigentum, auch als Kapital für ein eigenes kleines Unternehmen. In Frankreich zum Beispiel käme das rechnerisch hin, glauben er und seine Teams.

Die Jacht „Black Pearl“: Ein Schiff wie dieses, nur noch etwas länger, soll Jeff Bezos, der mit 187 Milliarden Dollar Privatvermögen reichste Mann der Welt, bei der Werft Oceanco in den Niederlanden bestellt haben – zum Preis von 500 Millionen Euro. © Quelle: Oceanco

Nie und nimmer werde es so etwas geben, sagen traditionell denkende Ökonominnen und Ökonomen. Schon oft hat Piketty das gehört. Als Autor des Weltbestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat er jedoch mittlerweile eine Flughöhe, in der ihn reflexhaft abgefeuerte Schüsse dieser Art schon gar nicht mehr erreichen.

Zudem hat er ja jetzt neue Verbündete in den USA. Emmanuel Macron, amüsiert sich Piketty, werde gerade von der amerikanischen politischen Szene links überholt.

Tatsächlich schlägt in der neuen globalen Steuerdebatte nicht etwa Europa den Takt, sondern die neue amerikanische Finanzministerin Janet Yellen. Ihr Vorschlag einer weltweiten Mindeststeuer für Konzerne in Höhe von 21 Prozent beschäftigt derzeit sämtliche Vorbereitungsrunden für den G‑20-Gipfel Ende Oktober in Rom.

Jobgarantie für alle statt „Politik der Angst“

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Piketty sieht darin überfällige Schritte. Aus seiner Sicht hätte der Globalisierung der Märkte längst auch eine systematische Globalisierung der sozialen Gerechtigkeit folgen müssen. Dazu genüge aber nicht der eine oder andere Dreh an der Steuerschraube. Es gehe um eine sehr tief gehende Reform. Wie lange die Politik noch hinnehmen wolle, dass der moderne Kapitalismus eine wachsende Zahl von Menschen frustriert und verunsichert, zugleich aber den Reichtum der Milliardäre binnen Jahresfrist verdoppelt, sei ihm ein Rätsel.

Ist Piketty ein Kommunist? Nein. Privat­eigentum, auch an Firmen, will er nicht abschaffen, sondern effizienter einsetzen, mit größt­möglichem Nutzen für den Eigentümer oder die Eigentümerin und für die Gesellschaft. Ist er ein Träumer? Schon eher. Seine Wunschzettel werden immer länger. Im jüngsten Beitrag in „Le Monde“ plädierte er für eine Umverteilung des Wohlstands auf der Grundlage von drei Säulen: Grundeinkommen für alle plus garantierte Beschäftigung für alle plus – da schlucken immer viele, die es zum ersten Mal hören – die besagte Erbschaft für alle.

Es beflügelt Picketty, dass er weltweit immer neue Mitstreitende findet. Derzeit legt er allen ein Buch der amerikanischen Ökonomin Pavlina Tcherneva ans Herz. Unter dem Titel „Plädoyer für eine Jobgarantie“ rechnet sie ab mit den schädlichen Wirkungen einer „Politik der Angst“, die sich stets die Drohung mit Entlassungen zunutze mache – und nur durch massive Umverteilung überwunden werden könne. Die Wirtschaft brauche, als begleitendes, sozial und ökologisch sehr hilfreiches Element, einen subventionierten Arbeitsmarkt, der jedem einen Job für 15 Dollar pro Stunde garantiere.

Eine Mitstreiterin aus den USA: Manche sehen in der Wirtschafts­wissenschaftlerin Pavlina Tcherneva und ihren Thesen zur Jobgarantie „das nächste große Ding“. © Quelle: Polity Press

Ganz nebenbei, sagen die Befürworterinnen und Befürworter der Jobgarantie, erledige sich dann wohl auch manches Problem der sogenannten Abgehängten, vom einstigen Braunkohlekumpel in der Lausitz bis zum muslimischen Jugendlichen in der Pariser Vorstadt.

Das nötige Geld für Projekte wie dieses, glaubt Piketty, ließe sich durchaus mobilisieren. Man müsse sich nur durchringen zu einem weltweiten funktionierenden Kapitalsteuersystem – und dieses dann mit einem dynamisch zugreifenden Tarif ausstatten.

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„Von Joe Bidens neuen Steuerplänen bis zur weltweiten Kapitalsteuer ist es noch ein weiter Weg“, erklärte Piketty diese Woche dem RND. Zugleich aber zeigte er sich optimistisch – und stur: Am Ende werde man das Ziel erreichen. „Es ist die einzige Möglichkeit, mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen auf faire und demokratische Art umzugehen.“

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