• Startseite
  • Politik
  • Thanksgiving in den USA: Beim Truthahn richtig über Trump reden

Thanksgiving in den USA: Beim Truthahn richtig über Trump reden

  • Vielerorts droht am uramerikanischen Familienfest Streit über die Amtsenthebung des Präsidenten.
  • Politiker und Medien überbieten sich mit Tipps für kluge Gesprächsstrategien am Esstisch.
  • Ein Ratgeber erklärt die Ukraine-Affäre sogar mit Messer und Gabel.
|
Anzeige
Anzeige

Washington. Der Herbstwind pfeift vor den Fenstern, der Truthahn brutzelt in der Röhre, und um den Esstisch versammelt sich glücklich die aus dem ganzen Land angereiste Verwandtschaft: Der heutige Thanksgiving-Tag ist DAS Familienfest in den Vereinigten Staaten.

Doch seit im Weißen Haus ein Präsident regiert, der die Gesellschaft immer stärker polarisiert, ist es mit der Gemütlichkeit manchenorts bald vorbei. Immer wieder gibt es harte Zerwürfnisse zwischen verwandten Trump-Anhängern und -Gegnern. Deshalb überschütten Politiker, Verbände und Medien die Amerikaner zum Fest mit guten Tipps und Ratschlägen, wie sie Schlachten am Büfett vermeiden können.

„Bevor Sie mit Freunden und Familie um den Thanksgiving-Tisch streiten, (…) kann Folgendes nie schaden“, riet Ex-Präsident Barack Obama am Mittwoch in einem Tweet: „Hören Sie den Leuten zu, bringen Sie sie dazu, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken, und betonen Sie die gemeinsame Menschlichkeit.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Zwar erwähnte Obama seinen Amtsnachfolger nicht persönlich. Aber sein Tweet war – Zufall oder nicht – mit der Karikatur zweier Boxer illustriert. Wenige Stunden zuvor hatte Donald Trump ein bearbeitetes Foto von sich in „Rocky“-Pose gepostet.

Gespräche über Politik sind in Amerika stets heikel. Viele Ratgeber empfehlen daher in diesen aufgewühlten Zeiten, kontroverse Themen besser gleich wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Dafür sei die Debatte über die Zukunft des Landes zu wichtig, halten die Psychologin Karin Tamerius und der Konfliktlösungsspezialist David Campt in der „New York Times“ dagegen. Sie empfehlen, sich auf die Diskussion mit der richtigen Strategie vorzubereiten, und haben dazu eigens einen interaktiven „Böse-Onkel-Bot“ kreiert.

Anzeige

Zu Beginn kann man wählen, ob der Onkel beinharte konservative oder linke Ansichten vertreten soll. Dann gibt es verschiedene Varianten der Gesprächseröffnung. Wenig überraschend ist der Small Talk mit dem rechten Onkel schnell zu Ende, nachdem sein Neffe ihn aufgefordert hat, mit ihm über „Donald Trump, den korruptesten Präsidenten in der Geschichte“ zu reden.

Wesentlich besser fährt man mit der Einleitung: „Es wird gerade viel über das Impeachment gesprochen. Was denkst du darüber?“ Natürlich hält der Onkel das Amtsenthebungsverfahren für einen „jämmerlichen Versuch, die Wahl von 2016 rückgängig zu machen“. Jetzt empfiehlt sich die Nachfrage: „Was meinst du genau?“

Anzeige
Video
Impeachment-Ermittlungen: Justizausschuss lädt Trump ein
1:00 min
Die Impeachment-Ermittlungen gegen Donald Trump gehen nach den Zeugenanhörungen in eine neue Phase, mit einer Einladung an den Präsidenten.  © Karl Doemens/dpa

So geht das eine Weile weiter. Am Ende ist der Onkel zwar nicht überzeugt, aber immerhin ist das Geschirr noch heil. Friedlich einigt man sich, bei diesem Thema nicht einer Meinung zu sein.

Den Aktivisten von der Bewegung „Need to impeach“ um den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Tom Steyer, die seit Langem für die Amtsenthebung des Präsidenten kämpfen, reicht ein solcher Waffenstillstand natürlich nicht. Sie wollen überzeugen und haben einen regelrechten Ratgeber zusammengestellt, wie man an Thanksgiving über Impeachment diskutieren kann. Dort werden nicht nur die Kritikpunkte der Republikaner mit Musterargumenten gekontert. Im Anhang sind auch die wichtigsten Aussagen der bisherigen zwölf Zeugen verlinkt.

Den originellsten Beitrag zum politischen Erntedankfest hat aber der Chicagoer Abgeordnete Mike Quigley vorgelegt, der für die Demokraten persönlich bei den Anhörungen des Geheimdienstausschusses dabei war. „Bring dich auf den aktuellen Stand vor dem unvermeidlichen Streit mit deinem verrückten Onkel Jim“, riet er auf Twitter und legte vier Sprechzettel mit den wichtigsten Namen, Daten und Fakten zur Ukraine-Affäre vor.


Anzeige

Im Kern geht es darum, ob Trump die zugesagte Militärhilfe für die Ukraine von einer Schmutzkampagne Kiews gegen seinen Rivalen Joe Biden abhängig gemacht hat. In der hitzigen amerikanischen Debatte wird dieses Koppelgeschäft als Quid pro quo bezeichnet, was aber die wenigsten Bürger verstehen dürften.

Quigley liefert deshalb ein eingängiges aktuelles Beispiel: „Quid pro quo ist, wenn du von deinem Onkel einen Truthahnschenkel forderst, bevor du das Kartoffelpüree weiterreichst.“ So grausam kann die große Weltpolitik sein.