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Teures Thanksgiving in den USA: Wenn sich der Truthahn plötzlich rar macht

  • Das amerikanische Thanksgiving-Fest verlangt Köchen und Familienangehörigen schon immer einiges ab.
  • Doch in diesem Jahr kommen auch noch Preissteigerungen und Lieferengpässe hinzu.
  • Die Republikaner haben den vermeintlich Schuldigen schon gefunden: Präsident Joe Biden.
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Washington. Der Geflügelhändler am Eastern Market in Washington drängt zu einer raschen Entscheidung. „Die habe ich noch nachgeordert“, sagt er und deutet auf die zwei Dutzend in Plastikfolie eingeschweißten Truthähne in seiner Vitrine: „Aber heute Abend werden die weg sein.“ Ausgeräumt ist bereits das Regal mit Pekannüssen und getrockneten Cranberries beim Trader Joe‘s-Laden um die Ecke. Und bei der Filiale der Supermarktkette Giant gibt es keinen Maissirup mehr.

Es ist mal wieder Ende November und damit die Zeit des amerikanischsten aller Feste: Thanksgiving. Seit Wochen überbieten sich die Zeitungen mit Sonderbeilagen, in denen Tipps für die richtige Bratenfüllung, die unverzichtbaren Beilage und die klebrig-süßen Pies sowie die passenden Weine gegeben wird. Präsident Joe Biden hat im Rosengarten des Weißen Hauses wie üblich ein Exemplar des Federviehs begnadigt. An den Flughäfen herrscht Chaos. Millionen Amerikaner sind unterwegs, um an diesem Donnerstag mit Angehörigen und Freunden zu feiern.

Freiheit für den Gockel „Peanut Butter“: Präsident Biden in der vorigen Woche bei der traditionellen Truthahnbegnadigung im Rosengarten des Weißen Hauses. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Auch wenn die Rückführung des Erntedankfestes auf die 1620 angelandeten Pilgerväter historisch umstritten ist und eher ein Mythos des späteren 19. Jahrhunderts sein dürfte, der später mit kräftiger Unterstützung der Geflügel- und der Sirupindustrie befeuert wurde: Thanksgiving gehört zu Amerika wie das Stars-and-Stripes-Banner und die Freiheitsstatue.

Truthahn-Lieferengpässe an Thanksgiving

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Traditionell ist der vierte Donnerstag im November einer harmonischen Familienzusammenkunft und einem kulinarischen Festessen gewidmet. Dass beides bisweilen eher dem Wunsch als der Wirklichkeit entspricht, hat Woody Allen in seinem Klassiker „Hannah und ihre Schwestern“ schon vor mehr als drei Jahrzehnten meisterhaft vorgeführt. Doch in diesem Jahr ist der Frieden nicht nur durch Verirrungen der Herzen und Verbrennungen am Herd gefährdet: Die unberechenbaren Ausschläge der Corona-Pandemie, die massiven Lieferengpässe in ihrer Folge und die aktuelle Rekordteuerung in den USA drohen manchenorts die Feierlaune zu verderben.

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„Das einzige, mit dem der Truthahn dieses Jahr ausgestopft wird, ist die Inflation“, wettert nicht nur der republikanische Kongressabgeordnete Ben Cline. Seit Wochen posten seine Parteifreunde in den sozialen Medien Fotos von Festbraten mit Dollar-Zahlen. „Bidens Thanksgiving-Steuer“ steht daneben. Seit eine Moderatorin des linksliberalen Senders NBC ihren Zuschauern halb scherzhaft empfohlen hat, auf das Geflügelfleisch zu verzichten, ist das Thanksgiving-Fest endgültig mitten in den Kulturkampf geraten, der das Klima in den USA immer mehr vergiftet. „Das ist krank“, twitterte Trumps einstiger Innenminister Chad Wolf: „NBC hat den Verstand verloren!“

Truthahn an Thanksgiving: Rund ein Viertel teurer als im vergangenen Jahr

Zur Wahrheit gehört freilich, dass Truthahn – solange man sich mit der gängigen, konventionellen Variante aus der Tiefkühltruhe zufriedengibt – ein relativ preisgünstiges Fleisch ist. Nach Berechnungen des amerikanischen Bauernverbandes ist der Durchschnittspreis für einen sieben Kilogramm schweren Vogel in diesem Jahr um 24 Prozent auf 23,99 Dollar gestiegen. Zusammen mit den Beilagen würde ein Essen für zehn Personen damit 53 Dollar kosten.

Der Aufschlag fällt mit 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr zwar heftig aus. Pro Kopf macht die Teuerung jedoch gerade mal 46 Cent aus. Da dürften die um mehr als 50 Prozent gestiegenen Benzinpreise bei der Heimfahrt deutlich mehr ins Gewicht fallen. Auch Mietwagen sind so teuer wie lange nicht, und die Kosten für Flugtickets zeigen ebenfalls deutlich nach oben, seit sich die Ausbreitung der Corona-Pandemie in den USA im Spätsommer zu verlangsamen schien.

Inzwischen weist die Kurve mit den Infektionen wieder nach oben und bewegt sich auf die Marke von 100.000 pro Tag zu. Doch viele Amerikaner wollen, nachdem sie im vorigen Jahr zu Hause geblieben sind, dieses Mal nicht auf die Familienfeier verzichten.

Thanksgiving in den USA: Jeder Dritte will im ganz großen Kreis feiern

Rund 53 Millionen Menschen sind nach Schätzungen des Automobilclubs AAA in dieser Woche unterwegs. Das sind wieder fast so viele wie im Vor-Corona-Jahr 2019. Mehr als jeder Dritte will an einem Essen mit zehn oder mehr Personen teilnehmen. Im vergangenen Jahr waren es nur 19 Prozent gewesen.

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Entsprechend ist die Nachfrage nach Truthähnen, Füllung und den unverzichtbaren Beilagen gestiegen. Im Zusammenspiel mit den Problemen durch den anhaltenden Arbeitskräftemangel und die stotternden Lieferketten hat das manchenorts zu leeren Truhen oder Regalen geführt. Der Vorrat an Truthähnen war nach einem Bericht des Wall Street Journal schon Anfang des Monats auf 40 Prozent des Normalwerts gesunken. Ausgesprochen knapp ist auch das Cranberry-Kompott und die vorgefertigte Bratensauce, weil diese in Dosen verkauft werden, es derzeit aber Probleme beim Nachschub mit Aluminium gibt.

Ab in den Ofen: Die Zubereitung des gefüllten Truthahns gelingt nicht jedem Hobbykoch. © Quelle: imago/Westend61
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Die nervige Suche nach den Zutaten kommt also noch zum aufwendigen Kochvorgang dazu, den die New York Times auf vier Stunden veranschlagt, wenn man das von Fachleuten empfohlene mehrtägige Einlegen in Lake nicht mitrechnet und sich mit einem simplen Rezept begnügt, das etwa statt frischen nur getrocknete Kräuter aus der Dose verwendet.

Das alles sei ganz schön viel Aufwand, merkte der Kolumnist David Von Drehle neulich mutig in der „Washington Post“ an. Hinzu komme: „Ganz gleich, welche Zubereitungsart oder Temperatur Sie wählen, endet alles nach ein paar Stunden in einem mediokren Ergebnis. (...) Ich sage nicht, dass Truthahn schlecht schmeckt. Ich sage, dass er fast geschmacklos ist.“ Man kann nur ahnen, was am Tag danach in der Leserbriefredaktion der Zeitung los war.

Von Drehle hat nicht unrecht: Tatsächlich findet sich der Vogel mit gutem Grund außerhalb des Thanksgiving-Festes in keinem anspruchsvollen amerikanischen Restaurant auf der Karte. Doch die Qualität des Essens spielt bei der Thanksgiving-Tradition offensichtlich nicht die entscheidende Rolle.

„Es ist das Ritual, auf das es ankommt“, räumt der kulinarische Ketzer am Ende seines Truthahn-Rants selber ein. Das Ritual aber trotzt nicht nur dem Urteil des Gaumens. Es wird sich auch von Inflation und Lieferengpässen nicht unterkriegen lassen.

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