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Die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer, oder: Wann ist eine Frau eine Frau?

Tessa Ganserer bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen in Nürnberg.

Tessa Ganserer bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen in Nürnberg.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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die Frauenzeitschrift „Emma“ hat jetzt, nicht zum ersten Mal übrigens, eine Debatte eröffnet, die gerade linksliberalen Kreisen sauer aufstößt. In der vorigen Woche hat sie einen Artikel über die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer publiziert mit dem Titel „Die Quotenfrau“. Dabei geht es um die Frage, ob die 44-Jährige überhaupt eine Frau sei – eine Frage, die es so im Hohen Haus noch nicht gegeben hat.

Die 44-Jährige aus Zwiesel im bayerischen Wald, die früher den Vornamen Markus trug, ist von Beruf Volkswirtin und saß von 2013 bis 2021 für die Grünen im bayerischen Landtag. Dort hat Ganserer, die seit 2001 mit einer Frau zusammenlebt und zwei Kinder hat, im Jahr 2019 erklärt, künftig als Frau leben zu wollen. Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) bat die anderen Abgeordneten darum, sie auch als Frau zu behandeln. Auf einem Frauenplatz trat Tessa Ganserer schließlich bei der Bundestagswahl an – und wurde gewählt. Sie ist die erste Transfrau im Parlament seit 1949.

Eine Initiative namens „Geschlecht zählt“, über die Alice Schwarzers „Emma“ berichtet, hält die Zuschreibung Frau nun für falsch. Die Initiative hat nach eigenen Angaben nichts gegen Transfrauen. Sie beklagt aber, dass die Grünen etwa in ihrem Frauenstatut als Kriterium dafür, ob jemand als Frau gelten kann und darf, allein dessen eigenes Gefühl betrachten wollen statt objektivierbare Kriterien heranzuziehen. So habe sich Tessa Ganserer nicht einmal rechtlich zur Frau erklären lassen.

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Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sieht den Text in der Frauenzeitschrift kritisch. „Es ist schon bemerkenswert, dass gerade die Emma ein überkommenes Verständnis davon an den Tag legt, wann eine Frau eine Frau sei“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir als Grüne sagen da sehr klar: Frau ist, wer sich selbst als Frau definiert. Diesen Maßstab legen wir auch an, wenn wir als Ampel das Transsexuellen- durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzen werden.“

Irene Mihalic (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages.

Irene Mihalic (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Deutschen Bundestages.

Genau hier sieht David Allison die eigentliche Gefahr. Der 60-Jährige aus der Nähe von Reutlingen in Baden-Württemberg, der vor über 30 Jahren aus London nach Deutschland zog, sagte dem RND: „In dieser vereinfachten Form ist das problematisch. Man braucht objektive Kriterien.“ Er stört sich unter anderem an einem Satz, den Tessa Ganserer der linken ‚tageszeitung‘ gesagt hatte: „Ein Penis ist nicht per se ein männliches Sexualorgan.“

Allison betont: „Ich habe nichts gegen Transmenschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber das kann nicht bedeuten, dass wir die Rationalität abschaffen. Wenn man behaupten kann, dass ein Penis kein männliches Geschlechtsorgan sei, dann kann man alles Mögliche behaupten.“ Dies werde sich auf andere Debatten, in denen es um Rationalität gehe, niederschlagen.

Allison hat die Probe aufs Exempel gemacht. Er hat für den grünen Kreisvorstand in Reutlingen kandidiert – mit der Behauptung, eine Frau zu sein. Der geborene Brite, der längst deutscher Staatsbürger ist, durfte antreten. Er wurde aber nicht gewählt. Denn manche sagten, Allison sei doch gar keine Frau, brachten also objektive Kriterien ins Spiel. Damit, sagt er, sei die Behauptung, eine Frau sei bereits, wer sich als Frau begreife, ad absurdum geführt.

Allison, der für eine grüne Landtagsabgeordnete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war, wurde nach seiner Kandidatur gekündigt. Die Initiative „Geschlecht zählt“ wiederum hat beim Wahlprüfungsausschuss des Bundestages, der Tessa Ganserer als Frau führt, Einspruch eingelegt. Das Parlament fühlt sich nicht zuständig und hat laut einer Sprecherin an den Bundeswahlleiter verwiesen.

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Tessa Ganserer im Jahr 2019 bei einer Plenarsitzung im Bayerischen Landtag.

Tessa Ganserer im Jahr 2019 bei einer Plenarsitzung im Bayerischen Landtag.

Tessa Ganserer sagte dem RND unterdessen: „Nach derzeit gültigem Transsexuellengesetz müsste ich für eine rechtliche Änderung meines Personenstandes und damit der Staat mich als die Frau akzeptiert, die ich bin, einen Antrag bei Gericht stellen, einen Translebenslauf vorlegen sowie zwei psychologische Gutachten – und intimste Fragen über mich ergehen lassen.“

Sie halte das für „einen unzulässigen Eingriff“ in ihre Persönlichkeitsrechte und mache sich deshalb für ein Selbstbestimmungsgesetz stark. „Ich möchte, dass kein Mensch mehr ein solch entwürdigendes Verfahren durchlaufen muss.“

Weiter sagte Ganserer: „Mir meine Geschlechtszugehörigkeit und mein Frausein in Abrede zu stellen, ist keine Kritik, sondern ein infamer Angriff. Das ist psychische Gewalt, die hier gegen mich ausgeübt wird, und dafür habe ich kein Verständnis.“

 

Politsprech

Das ist schon ein dickes Pfund. 94,5 Prozent – so was hätte ich selbst gern mal gehabt.

Markus Söder,

CSU-Vorsitzender, über das Wahlergebnis des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz

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Als der letzte CDU-Vorsitzende Armin Laschet für das Amt des Bundeskanzlers kandidierte, da verging kaum ein Tag, an dem ihm der Vorsitzende der „Schwesterpartei“ CSU, Markus Söder, nicht ganz und gar unschwesterlich das Leben schwer machte. Es war nicht zuletzt der neue CDU-Chef Friedrich Merz, der wissen ließ, was er davon hält: nichts.

Anfang Januar haben sich Söder und Merz dann zu einem Spaziergang getroffen – so wie einst Franz Josef Strauß und Helmut Kohl. Wenn der Franke jetzt seinen Neid kundtut auf das Wahlresultat des Sauerländers, dann ist das ein gar nicht so kleiner Kotau zum Zwecke der Harmonie – und überdies einfach wahr. Denn Söders Stern, so sagen manche, habe längst begonnen zu sinken.

Markus Söder, CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern.

Markus Söder, CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern.

 

Wie das Ausland auf die Lage schaut

Zur Haltung Deutschlands in der Ukraine-Krise schreibt die belgische Zeitung „De Standaard“:

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„Die deutsche Regierung stellt sich nicht an die Seite jener Länder, die die Ukraine mit Waffen unterstützen. Zur Verärgerung von Falken im eigenen Land predigt sie Vorsicht und Diplomatie. Kritiker meinen deshalb, es gebe in Berlin zu viele ‚Russlandversteher‘.

Aufgrund seiner Vergangenheit – wozu auch gehört, dass ein Teil des Landes unter den Fittichen des Kremls stand – hat Deutschland ein kompliziertes Verhältnis zu Russland. SPD-Bundeskanzler Willy Brandt rief noch zu mehr Verständnis und zur Annäherung an Ostdeutschland und Moskau auf. Man kann ihn heute zu den ersten ‚Russlandverstehern‘ zählen.

Vor laufenden Kameras vermitteln die Außenminister Deutschlands und der USA das Bild einer gemeinsamen Front, doch in Wirklichkeit gehen ihre Meinungen darüber, wie Russland zur Räson gebracht werden sollte, deutlich auseinander. Die Amerikaner liefern Waffen an Kiew, und ihr Ton wird immer drohender, die Deutschen halten sich derweil soweit wie möglich zurück.“

Soldaten der ukrainischen Territorialen Verteidigungskräfte und freiwillige Militäreinheiten der Streitkräfte nehmen an einer Militärübung in einem Stadtpark teil.

Soldaten der ukrainischen Territorialen Verteidigungskräfte und freiwillige Militäreinheiten der Streitkräfte nehmen an einer Militärübung in einem Stadtpark teil.

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Zum selben Thema schreibt die konservative Londoner Zeitung „The Telegraph“:

„Letzte Woche wurden britische Panzerabwehrwaffen in die Ukraine geliefert, wobei der deutsche Luftraum merkwürdigerweise umgangen wurde. Deutschland hat sogar versucht, Russland zu beschwichtigen, und damit die Versuche untergraben, eine starke westliche Antwort zu geben. Berlin hat sich geweigert, den Ukrainern Waffen zu liefern, und Salz in die Wunde gestreut, indem es anbot, stattdessen ein Feldlazarett zu schicken – und es hat Berichten zufolge sogar Waffenlieferungen des Nato-Verbündeten Estland blockiert.

Berlin ist heute eines der schwächsten Kettenglieder der Nato. Und einige Experten sagen, dass seine kläglichen Kompromisse einen Konflikt wahrscheinlicher machen, statt ihn zu verhindern.“

 

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