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Terroropfer von Berlin: „Unser Vertrauen ist verspielt worden“

  • Am 19. Dezember jährt sich der Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz zum dritten Mal.
  • Die Berlinerin Astrid Passin, die 2016 ihren Vater verlor und heute für die Opfer und Hinterbliebenen spricht, beklagt nach wie vor Mängel bei deren Versorgung.
  • Jetzt will sie daraus Konsequenzen ziehen.
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Berlin. Frau Passin, der Anschlag am Breitscheidplatz liegt fast drei Jahre zurück. Wie blicken Sie auf diese Zeit?

Wir verspüren eine permanente Anspannung. Es reiht sich eine Fülle von Skandalen aneinander, mit denen wir nach wie vor umgehen müssen. Die letzte erschütternde Nachricht war, dass auch der Bundesnachrichtendienst schon deutlich vor dem Anschlag von der Gefährlichkeit des späteren Attentäters wusste – und dass ein Kriminalbeamter aus Nordrhein-Westfalen die Warnungen seiner Quelle unterschlagen sollte, laut Anweisung des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière und eines BKA-Beamten. Wir sind ständig mit der Frage beschäftigt, wie es zu diesem Anschlag kommen konnte. Und wir wünschen uns, dass noch mehr Menschen wie der nordrhein-westfälische Kriminalbeamte den Mut zur Aussage finden.

Sie glauben, da wird etwas versteckt?

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Wir haben das Gefühl, dass uns nicht die Wahrheit gesagt wird. Teilweise müssen Abgeordnete ja sogar vor dem Bundesverfassungsgericht klagen, um an Akten, Bild- oder Videomaterial zu kommen. Das darf nicht sein und vermittelt das Bild einer Blockade und Hinhaltetaktik. Unser Vertrauen ist verspielt worden.

Ist das Ihr Hauptanliegen: die Aufklärung?

Ja, wir finden sonst keine Ruhe. Das ist ja das Problem. Wir bleiben deshalb sehr hartnäckig und haben uns mittlerweile eine enorme Präsenz in der Öffentlichkeit erarbeitet – sowie in den Gesprächen mit Obleuten und Behörden. Von den Spitzenpolitikern sind wir enttäuscht, und vom Bundesnachrichtendienst und vom Verfassungsschutz ebenfalls. In deren Darstellungen gibt es nach wie vor viele Widersprüche. Darunter leiden wir. Im Übrigen sind viele von uns weiterhin so sehr mit ihrer Gesundheit und den Anträgen auf Entschädigung beschäftigt, dass schon allein die Beschäftigung damit krank macht. Wenn es so weitergeht, dann wird es Sekundäropfer geben. Das ist dramatisch.

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Was meinen Sie damit?

Ich meine, dass es immer noch nicht funktioniert, für die Opfer zu sorgen – und zwar für deren weiteres Leben zu sorgen. Als wir uns das letzte Mal mit Herrn Seehofer getroffen haben, sind in erster Linie Betroffene zu Wort gekommen, Opfer, die Zeugen des Massenmordes wurden. Sie haben nach wie vor Probleme, vor allem mit dem LaGeSo. Sich um die Einzelfälle zu bemühen ist der falsche Ansatz – es sollte endlich für alle eine Lösung gefunden werden.

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Das LaGeSo ist das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Ja. Da wurde sehr deutlich, wie schwer es ist, in diesem Behördendickicht voranzukommen und seine Ansprüche geltend zu machen. Wenn man erwerbsunfähig geworden ist, dann sollte es einfacher werden, einen Berufsschadensausgleich zu bekommen. Den gibt es teilweise immer noch nicht. Es gibt deshalb auch Existenzängste. Manche Betroffene wissen nicht mehr, wie sie weiterleben sollen, und rutschen in das Hartz-IV-Niveau! Unverschuldet!

Weil sie keine Erwerbsquellen mehr haben?

Ja, teilweise sind sie durch den Terroranschlag gesundheitlich massiv eingeschränkt. Es gibt einige, die sich nur noch mit Tabletten aufrechthalten. Denen muss geholfen und ein würdiges Leben ermöglicht werden – ohne finanzielle Nöte. Man sollte sich jedenfalls nicht wundern, wenn Beteiligte, die ständig mit ihrem Trauma konfrontiert sind, irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie nicht mehr leben wollen. Das wäre fatal.

Aber die Mittel sind doch aufgestockt worden. Und Gesetzesänderungen werden vorbereitet.

Ja, die Aufstockung der Mittel betrifft aber mehr die Pauschale für die Hinterbliebenen. Sie wurde von 10.000 Euro auf 30.000 Euro erhöht. Und selbst dieser Kreis der Begünstigten wird eingeschränkt. Bei der Opferrente wird es nach der Gesetzesreform auch diverse Erhöhungen geben; aber sie kommt erst 2024 zum Tragen. Bis dahin klafft eine viel zu große Lücke, in der noch das alte Gesetz gilt. Ersthelfer fallen komplett durch das Raster und werden kaum berücksichtigt. Denen müsste man einen roten Teppich ausrollen!

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Wie groß ist denn die Zahl der Betroffenen?

Es gibt zwei Gruppen. Die erste Gruppe sind die Hinterbliebenen. Da geht es um Dinge, die mit den Getöteten in Zusammenhang stehen. Wir wollen den anderen nicht zumuten, dass diese Themen dort auf sie einwirken. In der zweiten Gruppe sind mittlerweile auch viele Opfer anderer Terroranschläge. Insgesamt geht es um 80 bis 100 Menschen. Das ist eine ziemlich große Gruppe, die alle mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Schon im letzten Jahr sind Deutsche, die von Terroranschlägen im Ausland betroffen waren, mit zum Gedenktag gekommen. Sie haben keine Möglichkeit, in dem Land, in dem sie jemanden verloren haben, eine Art Würdigung zu erfahren. Sie stehen uns zur Seite und fühlen sich selbst wiederum bei uns aufgehoben. Diese Menschen spielen sonst keine Rolle mehr. Auch das muss sich ändern.

Sollte es für diese Menschen separate Gedenkveranstaltungen geben?

Ich werde im nächsten Jahr eine Organisation gründen für deutsche Terroropfer im In- und Ausland. Darin will ich all die genannten Gruppen organisieren. Mein erstes Ziel ist, einen nationalen Gedenktag für alle Terroropfer einzuführen. So etwas gibt es bisher nicht. Alle Betroffenen haben das Recht zu trauern. Der Fokus liegt oft auf dem Breitscheidplatz. Ich kann mir vorstellen, dass sich da einige benachteiligt fühlen. Die Idee zur Gründung der Organisation und zu dem Gedenktag hat sich aus Gesprächen mit anderen Betroffenen entwickelt. Dabei geht es auch um die Menschen, die es in Zukunft treffen wird.

Was passiert jetzt am Jahrestag?

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Um 19 Uhr wird eine offizielle Andacht in der Gedächtniskirche stattfinden. Im Anschluss wird es eine Kranzniederlegung an dem Gedenkort geben. Pfarrer Martin Germer wird die Namen der zwölf Todesopfer verlesen und den Ersthelfern danken. Eine Familienangehörige aus Israel wird für die Gruppe der Hinterbliebenen sprechen. Um 20.02 Uhr werden zwölfmal die Glocken läuten. Das wird vom Berliner Senat organisiert. Allerdings ist das alles sehr kurzfristig. Die Einladungen sind immer noch nicht verschickt worden. Dabei braucht es Zeit, um sich auf so eine Gedenkfeier innerlich und auch ganz praktisch vorzubereiten.

Wie gehen Sie selbst mit alldem um?

Ein Traumatherapeut sagt, dass Hinterbliebene sich Bilder vom Anschlag selbst im Kopf zusammenbauen. Die Beteiligten, die das Attentat miterleben mussten, müssen hingegen lernen, mit den realen Bildern umzugehen. Die Psyche reagiert da sehr unterschiedlich. Der Jahrestag ist aber für uns alle ein schwerer Weg. Es gibt einige, die erstmalig dorthin kommen werden. Manche müssen mit ihren Traumatherapeuten regelrecht üben, um an den Tatort zurückkehren zu können.