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  • Talibanexperte warnt: Enge Verbindung mit Al-Kaida in Afghanistan

„Taliban sind eng mit Al-Kaida verbunden“: Wird Afghanistan jetzt zur Brutstätte für Terroristen?

  • Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hatten die Islamisten angekündigt, dass aus dem Land keine Terrorgefahr ausgehen werde.
  • Doch was ist von diesem Versprechen zu halten?
  • Der Talibanexperte Hans-Jakob Schindler verweist auf die enge Verbindung zwischen den Taliban und Al-Kaida und warnt: „Die Gefahr eines Terroranschlags besteht weiter“.
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Kabul. Nahezu kampflos haben die Taliban Afghanistan innerhalb kurzer Zeit eingenommen. In der Öffentlichkeit haben sie immer wieder betont, dass sie nicht zulassen werden, dass sich Terrorgruppen in Afghanistan ausbreiten und dem Westen gefährlich werden können. Hans-Jakob Schindler traut den Taliban aber nicht. Er war bis 2018 Koordinator des Al-Kaida und Taliban Monitoringteams des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Er warnt im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die Gefahr eines Terroranschlags besteht weiter“.

Herr Schindler, Sie haben jahrelang für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Taliban und Al-Kaida beobachtet. Trauen Sie den Taliban zu, ein Land zu regieren?

Die Ankündigung einer inklusiven Regierung mit Politikern aus der früheren Regierung war ein geschickter Schachzug der Taliban. Denn für andere Staaten ist es sehr schwer, Sanktionen gegen die künftige Talibanregierung zu rechtfertigen, wenn diese auch aus Politikern besteht, welche in der vorherigen Regierung bedient haben. Zum Beispiel wenn der frühere Außenminister Afghanistans weiterhin Teil der Regierung bleibt. Die Taliban sichern sich dadurch den Fluss der Hilfsgelder aus dem Ausland.

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„Es ist ein Wunschdenken, dass die Taliban nach 20 Jahren enger Verbindung damit beginnen würden, Al-Kaida zu kontrollieren.“

Hans-Jakob Schindler, Senior Director des „Counter Extremism Project“ (CEP)

Gleichzeitig gäbe eine solche Regierungszusammensetzung den Taliban Zeit, ihre Entwaffnungsaktion, die schon in Kabul stattfindet, im ganzen Land fortzusetzen und somit potenzielle interne Oppositionen zu neutralisieren. Aktuell gehen sie von Haus zu Haus in Kabul und sammeln alle Waffen ein. Wir dürfen nicht vergessen, dass unter den Taliban genau wie früher schlimmste Gewalttaten jederzeit möglich sind. Die Schüsse auf Demonstranten in Dschalalabad und an anderen Orten in Afghanistan zeigen dies.

+++Alle Entwicklungen in Afghanistan im Liveblog+++

Großspurig hatten die Taliban zuletzt angekündigt, keine anderen Terrorgruppen im Land zuzulassen. Ist das für Sie glaubhaft oder droht eine neue Gefahr durch Al-Kaida in Afghanistan?

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Al-Kaida und die Taliban waren bis 2001 in einer symbiotischen Beziehung. Al-Kaida bildete auch Kämpfer für die Taliban aus. Danach änderte sich auch nach 2001 kaum etwas und Al-Kaida-Trainer arbeiteten bei den Taliban. Bei den Verhandlungen mit dem Westen in den letzten Jahren haben die Taliban jeden Schritt mit Al-Kaida abgestimmt. Nach der Machtübernahme in Kabul gab es sogar Glückwünsche von Al-Kaida-Gruppierungen zum Sieg über die USA. Es ist ein Wunschdenken, dass die Taliban nach 20 Jahren enger Verbindung damit beginnen würden, Al-Kaida zu kontrollieren. Im Gegenteil: Die Taliban sind eng mit Al-Kaida verbunden.

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Auf einem Evakuierungsflug hat eine afghanische Frau kurz nach der Landung in Ramstein ein Kind im Frachtraum einer C-17 zur Welt gebracht.  © Reuters
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Warum gibt es diese enge Verbindung zwischen den Taliban und Al-Kaida?

Die Taliban verstanden sich schon immer als Teil der einer globalen dschihadistischen Bewegung. Da sie selbst aber nur Ansprüche für Afghanistan pflegen, brauchen sie eine Verbindung zum Netzwerk nach außen – diese Rolle nimmt Al-Kaida für die Taliban ein.

„Die Gefahr eines Terroranschlags besteht weiter“

Hans-Jakob Schindler, Senior Director des „Counter Extremism Project“ (CEP)
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Zahlreiche Untergruppen von Al-Kaida sind bereits in Afghanistan. Es besteht die Gefahr, dass sich diese Gruppen weiter vernetzen, unter den Taliban erneut eine eigene Infrastruktur im Land aufbauen und Anschläge planen.

Sind die Versprechen der Taliban, keine Terroranschläge aus Afghanistan auf den Westen zuzulassen, also nichts wert?

Die Taliban haben eine sehr schwammige Formulierung verwendet. Denn was ist mit jemandem, der aus Deutschland nach Afghanistan fliegt, sich dort in einem Terrorcamp ausbilden lässt, zurück nach Deutschland fliegt und vier Monate später ein Anschlag verübt? Zählt dies dann auch als ein Anschlag aus Afghanistan heraus oder nur wenn ein Terrorist direkt aus Afghanistan kommt? Die Gefahr eines Terroranschlags besteht weiter, das zeigt auch ein Beispiel aus dem letzten Jahr. In Deutschland wurde eine Zelle aus Tadschikistan verhaftet, welche aktuell in Düsseldorf vor Gericht steht. Anscheinend wurde diese Zelle aus Afghanistan heraus angeleitet, Anschläge in Deutschland zu verüben.

Die Taliban orientieren sich derzeit in Richtung China, Russland, Türkei und Pakistan. Wie soll sich der Westen zu den Taliban positionieren?

Es braucht ein abgestimmtes Vorgehen des Westens. Klar ist: Es dürfen keine Hilfsgelder ohne Bedingungen an die Taliban fließen. Wir können schließlich nicht finanzieren, dass die Taliban Frauen aus dem Berufsleben und Bildungswesen entfernen. Rein humanitäre Hilfe wird aber auf jeden Fall weitergehen müssen.

Sind Verträge mit den Taliban überhaupt etwas wert?

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Zumindest wissen wir, dass sie sich an den Vertrag mit den USA gehalten haben, der im Gegenzug den Truppenabzug vorsah. Aber es besteht immer die Option, Hilfsgelder kurzfristig einzufrieren, wenn sich die Taliban nicht an potenzielle Bedingungen halten.

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Ist Afghanistan denn auf die Hilfsgelder angewiesen?

Ja, das konnten wir in den vergangenen Jahren sehr gut sehen: Immer, wenn die Taliban einen Distrikt erobert haben, wurden zwar wichtige Schlüsselpositionen, wie Polizei, Justiz und Geheimdienst ausgetauscht. Aber Schulen, Wasserleitungen, Krankenhäuser und andere Infrastruktur wurden kaum angetastet und weiterhin vom westlichen Geld aus Kabul finanziert. Doch jetzt sind diese ganzen internationalen Hilfsgelder zunächst gestoppt worden.

Welche Rolle spielt der Drogenhandel bei der Finanzierung?

Die Ankündigung der Taliban, die Drogenproduktion einzudämmen, halte ich für bloße Propaganda. Denn es gibt viele Kommandeure der Taliban, die ihre Kämpfer nur durch die Einnahmen aus dem Drogenhandel bezahlen können. Die Drogen sind schon lange ein Rekrutierungsinstrument der Taliban für neue Kämpfer: Die Bauern bekommen Samen von den Taliban, verschulden sich bei ihnen und müssen die Schulden als Talibankämpfer abarbeiten. Auch die ausländischen Truppen und die vorherige Regierung haben immer versucht, Afghanistan von den Drogen zu befreien und sind gescheitert. Schon lange gibt es abseits des Drogenhandels keine großen Wirtschaftszweige in Afghanistan.

Und viele Menschen flüchten aus Afghanistan.

Wir sehen Demonstrationen und massive Fluchtbewegungen in Afghanistan. Ein Geheimnis, warum die Taliban so locker mit flüchtenden Menschen am Kabuler Flughafen umgehen, ist: Jeder Afghane, der weg ist, bedeutet ein potenzieller Talibankritiker weniger. Sie könnten ja auch sagen, dass jeder mit afghanischem Pass nicht ausreisen darf, sondern das Land mit aufbauen muss. Das tun sich derzeit aber nicht. Das Fenster schließt sich jedoch.

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Trotzdem drängen die Taliban darauf, dass die amerikanischen Truppen am Abzugstermin Ende August festhalten.

Die Taliban wollen verhindern, dass die USA über längere Zeit den Flughafen betreiben und sich dieses letzte Fenster Afghanistans so schnell wie möglich schließt. Schon jetzt gehen die Taliban aber von Haus zu Haus auf der Suche nach Angehörigen des afghanischen Militärs und Geheimdienstes, um diese auszuschalten. Ich rechne damit, dass sich dies bald ausweiten wird: Angehörige internationaler Organisationen und Botschaftsmitarbeiter sind dann nicht mehr sicher. Wenn die Tausenden Soldaten den Kabuler Flughafen verlassen haben, werden die Taliban nicht mehr so tolerant sein wie jetzt.

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