“Taiwans Angela Merkel” lässt sich nicht unterkriegen

  • Sie gilt als nervenstark, intelligent und stur – allen Drohungen aus China zum Trotz.
  • Taiwans Präsidentin Tsai Ing-Wen tritt heute feierlich ihre zweite Amtszeit an.
  • In vielen Punkten, von der Virenabwehr bis zur Wirtschaftspolitik, ist ihr Land ein Vorbild für die Welt.
|
Anzeige
Anzeige

Es war einer dieser Tage, an denen mal wieder die Besonnenheit und die Festigkeit von Tsai Ing-Wen getestet wurden. Gerade hatte das mächtige China sich wieder einmal durchgesetzt mit dem Wunsch, Taiwan von der Jahresversammlung der Weltgesundheitsorganisation auszuschließen. Alles war eigentlich wie immer, und Tsai, Taiwans Staatspräsidentin, konnte daran nichts ändern. Doch sie ließ wissen, ebenfalls wie immer, dass Taiwan ungeachtet dieses Rückschlags “unbeirrt an dem Ziel festhalten wird, in weltweiten Organisationen mitzuarbeiten”. Vor allem werde Taiwan sich nicht herabwürdigen lassen von der Regierung in Peking.

Sie weist Drohungen zurück und pocht auf die Unabhängigkeit ihres Landes: Tsai Ing-wen, Präsidentin von Taiwan. .

Schon seit vielen Jahrzehnten geht das nun so. Taiwan strebt nach Unabhängigkeit und sieht sich als souveräne Nation. China indessen spricht von einer abtrünnigen Provinz, die man eines Tages wieder zurückholen werde. Deshalb dürfe keine Nation Taiwan diplomatisch als eigenen Staat anerkennen; geschieht dies doch, wird der betreffende Staat mit dem Abbruch der Beziehungen zu China bestraft – was sich aus ökonomischen Gründen fast niemand erlaubt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Trotz dieses massiven Drucks lässt Tsai sich nicht unterkriegen. Im Gegenteil. Ihr sturer, aufrechter Kurs gegenüber Peking brachte ihr einen Erdrutschsieg bei den jüngsten Wahlen in Taiwan ein, mit 57 Prozent der Stimmen. Als in Hongkong die Proteste lauter wurden, hatte ihr Gegenkandidat nach dem Geschmack der Taiwaner allzu viel Verständnis für die Zentralregierung in Peking gezeigt. Insofern wurde die Wahl von Tsai quer durch Asien als weiteres Zeichen eines unerschrockenen Aufbegehrens gegen Peking gedeutet.


Anzeige

Ein akademischer, kühler Stil

Tsai, zwei Jahre jünger als Angela Merkel, wird oft mit der deutschen Kanzlerin verglichen. Das gilt vor allem für den Stil. Beide, die deutsche Physikerin und die taiwanische Wirtschaftsjuristin, diskutieren Fragen aller Art in einer für Außenstehende mitunter verblüffenden Sachlichkeit. Von einer gewissen akademischen Kühle wird berichtet, die beide Frauen umgebe.

Anzeige

Es gibt weitere Parallelen:

- Tsai glänzte in Asien bei der Virenabwehr, Merkel sah in Europa zumindest vergleichsweise gut aus. Beide Regierungschefinnen setzten auf maximale Transparenz und gaben der Wissenschaft großen Einfluss. Den Taiwanern half ihr maximales Misstrauen gegenüber Peking: Schon Ende Dezember 2019, als Chinas Regierung noch abwiegelte, sah Taiwan die Gefahr kommen und leitete zur Verwunderung des Rests der Welt sehr frühe Einreisebeschränkungen ein.

- Tsai und Merkel beheimaten in ihren Staaten extrem innovative, weltweit führende Unternehmen und haben oft auch selbst eher ökonomische und technologische als ideologische Ziele vor Augen, etwa einen schnelleren Übergang zu erneuerbaren Energien oder die Förderung künstlicher Intelligenz.

- Beide zeigen eine bemerkenswerte Sturheit gegenüber mächtigeren Staaten in ihrer Nachbarschaft. Merkel mutet dem russischen Präsidenten im Ukrainekonflikt weiterhin Wirtschaftssanktionen zu, die die EU derzeit alle sechs Monate verlängert, stets auf deutschen Druck. Tsai will ihr Land stärker gegen “asymmetrische” Attacken aus China rüsten. Und in ihrer heutigen Rede will sie noch einmal das chinesische Konzept “ein Land, zwei Systeme” ausdrücklich zurückweisen.

Beide brauchen am Ende die USA

Beide allerdings brauchen am Ende, darin liegt ihr spezielles Drama, die Unterstützung der USA – zumindest im Sinne einer verlässlichen militärischen Abschreckung. Was mit Deutschland und Taiwan geschehen würde, wenn Washington, etwa aus einer Laune des amtierenden Präsidenten heraus, sich künftig in Europa wie in Asien aus allem heraushalten würde, weiß kein Mensch. Auch das ist eine der vielen Parallelen zwischen Tsai und Merkel. Beide Frauen agieren in weltpolitisch ungewöhnlich prekären Regionen, mit hoher Militärdichte und rund um die Uhr rotierenden Radarschirmen. Seit vielen Jahrzehnten liegen hier wie dort Spannungen in der Luft, deren Entladung kein lediglich regionales Ereignis wäre, sondern die ganze Welt verdüstern würde.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen