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Experten klären auf

Sanktionen, Verluste, „Einzelfehler“: Was China aus Putins Krieg in der Ukraine bereits gelernt hat

Taiwan als ausgemachtes Ziel: Chinas Staatspräsident Xi Jinping beobachtet die Entwicklungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine genau.

Bangkok.Tote Soldaten, zerstörte Panzer, ein gesunkenes Kriegsschiff: Im Krieg gegen die Ukraine muss Russland offenbar unerwartete militärische Verluste einräumen, Truppen abziehen und neu gruppieren. Die ganze Welt beobachtet das genau - ein ganz besonderes Augenmerk aber hat China auf den Entwicklungen.

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Wie Russland hat auch China sein nach Sowjetmanier aufgestelltes Militär ehrgeizig reformiert, und Staatschef Xi Jinping analysiert nach Einschätzung von Experten jetzt sorgsam die Schwachpunkte, die sich bei der russischen Invasion in die Ukraine zeigen. „Die große Frage, die sich Xi und die Führung der Volksbefreiungsarmee im Licht der russischen Operationen in der Ukraine stellen müssen, ist, ob ein Militär nach umfassenden Reformen und Modernisierung auch zu Operationen in der Lage ist, die noch weit komplexer sind als die, die Russland während seiner Invasion in der Ukraine durchgeführt hat“, sagt M. Taylor Fravel vom Massachusetts Institute of Technology.

Xi dränge sich womöglich auch die Überlegung auf, ob die Beurteilungen, die er über Militärreformen in China bekommt, wirklich zutreffen, sagt Fravel, der Direktor des Programms für Sicherheitsstudien am MIT. „Xi könnte sich besonders fragen, ob er genaue Berichte über die wahrscheinliche Schlagkraft in einem Konflikt hoher Intensität erhält.“

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Die Außenminister Russlands und Chinas bezeichneten die Strafmaßnahmen am Mittwoch als illegal und kontraproduktiv, erklärte das russische Außenministerium.

Annahme über schnellen Sieg gegen Ukraine war Putins „größter Einzelfehler“

Im Ukraine-Krieg wurde international immer wieder der Informationsstand des russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Fähigkeiten seiner Streitkräfte und die ukrainischen Verteidigungsmöglichkeiten in Zweifel gezogen. Putin habe für seine sogenannte Spezialoperation bis zur vergangenen Woche nicht einmal einen eigenen Kommandeur bestimmt, offenbar in Erwartung eines schnellen Sieges und in völliger Fehleinschätzung des ukrainischen Widerstands, sagt Euan Graham vom International Institute for Strategic Studies (IISS).

Der Krieg sei für Putin ein sehr persönlicher, sagt der IISS-Sicherheitsexperte mit Sitz in Singapur. „Und ich denke, die Erwartung, dass dies ein Kinderspiel sein würde, ist offensichtlich der größte Einzelfehler“, urteilt Graham.

Chinas Armee lange ohne Einsatz

Für China ist all das umso interessanter, weil es seine Streitkräfte selbst seit langem nicht auf die Probe gestellt hat. Es habe zuletzt keinen größeren Konflikt gegeben, in dem China seine militärischen Fähigkeiten hätte messen können, erklärt David Chen, führender Berater beim US-Sicherheitsdienstleister Centra Technology. Der letzte größere Einsatz sei 1979 gegen Vietnam gewesen.

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„Der Weckruf für die Zentrale Militärkommission lautet, dass es in solchen Feldzügen mehr unbekannte Faktoren gibt, als viele sie erwarten mögen“, sagt Chen. Die Erfahrungen Russlands in der Ukraine zeigten, dass das, was in der Militärakademie ganz eingängig erscheine, in der Wirklichkeit viel komplizierter sei.

Xi‘s Militärreform hat Ziel, „Kriege zu führen und zu gewinnen“

Xi, der Sohn eines Revolutionskommandeurs, leitete 2015 Militärreformen in China ein, drei Jahre nach seiner Übernahme der Leitung der Zentralen Militärkommission des Landes. Die Gesamtstärke der Truppen wurde um 300.000 auf knapp zwei Millionen reduziert, die Zahl der Offiziere um ein Drittel gesenkt und die Rolle von Unteroffizieren bei der Führung im Feld gestärkt. Die Militärbezirke wurden umstrukturiert, die Logistik neu organisiert, um die Effizienz zu steigern. Das Verhältnis von Unterstützungs- zu Kampftruppen wurde erhöht und mehr Gewicht auf mobile und amphibische Einheiten gelegt.

Auch der grassierenden Korruption in den Streitkräften sagte Xi den Kampf an. Der Militärapparat ist allerdings undurchsichtig und steht außerhalb der Zuständigkeit ziviler Justiz und Korruptionsermittler, sodass kaum nachzuvollziehen ist, wie durchschlagend das gelungen ist.

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Das Geschoss wurde im Nordwesten Russland abgefeuert und traf Ziele auf der Kamtschatka-Halbinsel im Fernen Osten des Landes.

Erklärtes Ziel der chinesischen Militärreform ist es, „Kriege zu führen und zu gewinnen“ gegen einen „starken Feind“ - ein Euphemismus, der weithin als Referenz auf die Vereinigten Staaten verstanden wird. Peking hat enorme Geldsummen in Ausrüstung gepumpt, realistischere Ausbildungsszenarien ins Programm genommen und versucht, seine Kampfdoktrin mittels Studiums der US-Einsätze im Irak, in Afghanistan oder auch im Kosovo zu reformieren.

Militärexperte: China beobachtet Krieg in der Ukraine - wegen Taiwan

Jetzt richtet China den Blick auf den russischen Angriffskrieg. „Ich weiß nicht, welche Lehren sie daraus ziehen werden“, erklärte vergangene Woche der Kommandant des US-Marinekorps, David Berger. Peking sei aber „zweifelsohne darauf konzentriert, zu lernen, weil sie das in den letzten 15 Jahren so getan haben.“

Berger betonte zugleich die Wichtigkeit starker Bündnisse im Pazifikraum, um Chinas Ambitionen mit Blick auf Taiwan in Schach zu halten. Peking betrachtet Taiwan als widerspenstige Provinz und beansprucht die Insel für sich. Erst im Oktober bekräftigte Xi, dass „die Wiedervereinigung der Nation verwirklicht werden muss und auf jeden Fall verwirklicht werden wird“.

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Ähnlich wie bei Putins mutmaßlicher Einschätzung zum Ukraine-Feldzug scheint auch China nicht zu glauben, dass Taiwan einem Angriff großen Widerstand entgegensetzen würde. Die komplett staatlich kontrollierten Medien verbreiten die Lesart, dass Taiwan nicht gewillt wäre, gegen die „chinesischen Landsleute“ in den Kampf zu ziehen.

Plant China Eroberungstest auf Insel vor Taiwan?

Welche Folgerungen China indes aus dem schnellen internationalen Schulterschluss mit koordinierten Sanktionen gegen Russland und Waffen für die Ukraine für seine Taiwan-Ambitionen ziehen könnte, darüber sind sich die Experten uneins. Dies könnte Xi dazu bringen, seine Haltung zu überdenken, meint MIT-Experte Fravel. „Xi wird in Bezug auf Taiwan wahrscheinlich vorsichtiger sein und weniger ermutigt“, erklärt er.

Centra Technology-Berater Chen hingegen glaubt, dass China seinen Zeitplan beschleunigen könnte. Denkbar sei ein begrenzter Angriff, beispielsweise die Einnahme einer vorgelagerten Insel, als Praxistest für die eigenen Streitkräfte. Strategisch sinnvoll wäre eigentlich zunächst die weitere Schärfung der Institutionen und Abläufe in der Volksbefreiungsarmee, sagt Chen. „Aber die Welt hat ja gesehen, dass ein zentraler Führer mit einem bestimmten Ziel und einem sich schließenden Zeitfenster die Sache auf verwegene Art kurzschließen kann.“

RND/AP

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