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Chinas Muskelspiele vor Taiwan

Wie wahrscheinlich ist ein Krieg, und kann sich Taiwan verteidigen?

Auf diesem Bild, das aus einem Video des chinesischen Fernsehsenders CCTV stammt, wird ein Projektil von einem nicht näher bezeichneten Ort in China abgeschossen.

Die chinesischen Streitkräfte haben am Donnerstag mit den bisher größten Militärmanövern rund um Taiwan begonnen. Sie zielten nach Angaben der chinesischen Regierung auf eine See- und Luftblockade der Insel. Zudem werde seit den Morgenstunden (12 Uhr Ortszeit) eine militärische Eroberung Taiwans geübt. „Sechs große Gebiete rund um die Insel wurden für diese Kampfübung ausgewählt, und während dieser Zeit sollten Schiffe und Flugzeuge die Gewässer und Lufträume nicht betreten“, berichtete der staatliche Sender CCTV.

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Mehrere Raketen wurden auf den östlichen Teil der Meerenge zwischen dem Inselstaat und China abgefeuert – ins Wasser. „Dies sind klar kalkulierte militärische Einschüchterungsversuche Chinas, die gegenwärtig nicht darauf zielen, Taiwan – immerhin ein freies Land – selber anzugreifen“, so die Einschätzung von Militärexperte Maximilian Terhalle, Gastprofessor an der London School of Economics. Für China sei dies eine notwendige Strafaktion dafür, dass mit Nancy Pelosi nach 25 Jahren erstmals eine Spitzenpolitikerin der USA Taiwan besucht habe.

„Alleine ist Taiwan in keiner Weise in der Lage, sich gegen einen chinesischen Angriff zu verteidigen“, so der Experte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). China hat mit mehr als 350 Kriegsschiffen die größte Marine der Welt, die drittgrößte Luftwaffe und über zwei Millionen Soldaten. Taiwan hat dagegen nur einen Bruchteil davon. Ohne die amerikanische Abschreckung und militärische Hilfe ist Taiwan laut Experte Terhalle nicht verteidigungsfähig. Jede Bewegung in Richtung eines Angriff wäre sofort erkennbar für die amerikanische Aufklärung. Die USA haben seit Jahren verschiedene Angriffsszenarien durchgespielt. „Sie wissen genau, wann die Chinesen ernst machen, und könnten sehr robust einschreiten.“

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„Ein Krieg zwischen China und Taiwan ist völlig unwahrscheinlich.“

Maximilian Terhalle,

Militärexperte und Gastprofessor an der London School of Economics

China arbeite deshalb daran, Taiwan von der Unterstützung durch die USA zu blockieren, sagte Terhalle. „Aber die Blockade der Insel ist noch nicht so perfekt, dass sie für eine Invasion reicht.“ Dass die USA diese Blockade überhaupt zulassen, sei aus seiner Sicht „eine große Fehlannahme“. Er warnt: Sollte China tatsächlich die militärischen Signale eines Angriffs senden, ließe sich der nicht auf Taiwan begrenzen. „Die Frage ist, ob China sich zutraut, gegen die USA in den Krieg zu treten.“

Taiwan meldet unbekannte Flugkörper aus China über Kinmen-Inseln

Die stark befestigten Kinmen-Inseln gehören politisch zu Taiwan, liegen aber nahe vor der südöstlichen Küste Chinas bei der Stadt Xiamen.

Das Verteidigungsministerium in Taipeh beklagte, dass Chinas Militär die Manövergebiete in Lage und Ausmaß so ausgewählt habe, dass Taiwans Status quo verletzt und der regionale Frieden untergraben werde. Einige Manöver finden nur 20 Kilometer vor der Insel statt.

„Taiwan wird entweder zum Symbol für chinesisches Durchsetzungsvermögen oder für amerikanisches Hegemoniebestehen in der Region.“

Maximilian Terhalle,

Militärexperte und Gastprofessor an der London School of Economics

Dass es jetzt zu einem Krieg kommt, halten Fachleute für nahezu ausgeschlossen. China wolle den Konflikt mit Taiwan derzeit nicht so weit eskalieren, dass er außer Kontrolle gerät. „Das Letzte, was Xi will, ist ein versehentlicher Krieg“, sagte Titus Chen, Politologe an der National Sun Yat-Sen University in Taiwan, der Nachrichtenagentur AFP. Laut Experte Terhalle heißt das aber nicht, dass Xi Jinping von seinem Ziel ablässt, Taiwan einzunehmen. „Nach dem Herbst, wenn sich Xi Jinping zum dauerhaften Führer Chinas machen will, halte ich einen Angriff auf Taiwan für möglich.“

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Doch es ist ein Unterschied, Taiwan anzugreifen oder die Insel zu erobern. Es habe die Chinesen beeindruckt, wie die Ukrainer Mariupol verteidigt haben, so Terhalle. Etwas Ähnliches könnte in Taiwan drohen. „Es wäre ein Guerillakrieg, der sehr schwierig wäre“, sagt der Experte. „Aus militärischer Sicht würde China mit einer Kombination aus Artillerie-, Luftlande- und Amphibienoperationen angreifen.“ Dies werde für China nicht leicht, denn die Taiwaner wüssten genau, dass sie ihre Insel von jeder Seite verteidigen müssen.

Inzwischen setzt Taiwan zunehmend auf mobile Defensivwaffen, wie sie sich in der Ukraine bewährt haben. Mobile Mehrfachraketenwerfer wie Himars und Luftabwehrraketen wie die Stinger sollen das Kräfteverhältnis zugunsten von Taiwan verschieben. Doch nur wenn China die Unterstützung der USA verhindern kann, wäre ein Angriff auf Taiwan denkbar. Dies hält der Militärexperte von der London School of Economics für unwahrscheinlich.

China startet Militärmanöver vor Taiwan

China macht die Drohung wahr. Als Reaktion auf den Besuch von US-Politikern Nancy Pelosi in Taiwan feuerte das chinesische Militär mehrere Raketen ab.

„Die Amerikaner haben 60 Prozent ihrer Militärstreitkräfte in Ostasien stationiert und rüsten dort weiter auf.“ In den letzten Jahren waren weitere Kampfverbände und Flugzeugträger dazugekommen. Doch die Möglichkeiten der USA sind begrenzt. „Selbst wenn sie sich voll und ganz an der Verteidigung Taiwans beteiligen, haben die Vereinigten Staaten wenig oder gar keine Möglichkeiten, groß angelegte Angriffe chinesischer Kampfflugzeuge und konventioneller taktischer ballistischer Raketen auf Taiwan zu verhindern“, heißt es in einer Analyse des Bulletin of the Atomic Scientists. Doch Angriffe der extrem leisen amerikanischen Atom-U-Boote könne China ebenso wie Schiffsabwehrraketen von Langstreckenbombern kaum verhindern.

China versuche laut Terhalle zwar seit einiger Zeit systematisch, die amerikanischen Kampfverbände mit kleinen Nadelstichen zu stören. Doch die USA sind mit genügend Streitkräften vor Ort, so der Militärexperte, um Taiwan schützen zu können. Hinzu kommt, dass die Chinesen militärisch höchst unerfahren sind. „Sie haben keine Kampferfahrung, aber glauben eine militärische Übermacht zu sein.“

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„Ich glaube, dass die Chinesen den Krieg gegen die USA in den nächsten zwei bis fünf Jahren wollen.“

Maximilian Terhalle,

Militärexperte und Gastprofessor an der London School of Economics

Der Konflikt um Taiwan läuft auf die Frage hinaus, ob China und die USA einen großen Krieg führen wollen. Von Xi ist bekannt, dass er sich das zumindest vorstellen kann. Er hatte stets klargemacht, dass er Taiwan eingliedern möchte und US-Politikerin Pelosi bekräftigte bei ihrem Besuch: „Wir bleiben eisern in unserem Einsatz zur Verteidigung der Demokratie in der Welt und in Taiwan.“ Terhalle rechnet daher mit einer Eskalation in den kommenden Jahren. „Ich glaube, dass die Chinesen den Krieg gegen die USA in den nächsten zwei bis fünf Jahren wollen.“ Auch deshalb würden sie gerade sehr genau hinschauen, wie militärisch stark und durchhaltefähig sich die Gesellschaften des Westens für die Ukraine gegen Russland positionieren. Friedensverhandlungen und einen Waffenstillstand in der Ukraine würde China nach Einschätzung des Experten als Schwäche des Westens und als eine Ermunterung zur Invasion Taiwans wahrnehmen.

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