Tagebau Garzweiler: der letzte Bauer von Lützerath

  • Vor dem Dorf am Tagebau Garzweiler stehen schon die Bagger. Aber Eckardt Heukamp will bleiben.
  • Der Kampf um den Ort ist ein Symbol für die ungelösten Fragen des deutschen Kohleausstiegs – und die Konflikte in der Berliner Koalition.
  • Ein Besuch an der Kante.
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Dort vorne stand die Gerste. Und dort, auf dem Acker rechts, waren die Möhren. Und daneben die Petersilie. Der Wind treibt den Regen in schweren Schwaden übers Land, Eckardt Heukamp steht am Rand der Felder und zeigt, wo er was angebaut hat. Wo er noch im Herbst mit seinem Trecker unterwegs war, um zu ernten. Und wo sich nun die Schaufeln des Tagebaubaggers weiter und weiter in die Äcker graben.

„Sie greifen in mein Leben ein“, sagt Heukamp und sieht hinaus, auf die nassen grauen Felder, die nach ein paar Dutzend Metern abbrechen in das mächtige Loch, das die Bagger schon geschaffen haben. Was wo war, das kann Eckardt Heukamp erzählen. Aber was nun wird, das weiß er nicht.

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Heukamp ist der letzte Bauer von Lützerath

Eckardt Heukamp ist ein Mann von 57 Jahren, dessen volles dunkles Haar der Regen nun immer enger an den Kopf legt, Landwirt, und einer der wenigen Menschen, die es in den Koalitionsvertrag geschafft haben, den SPD, Grüne und FDP miteinander ausgehandelt haben.

Das heißt: Er kommt nicht mit Namen darin vor – und wird doch direkt erwähnt. „Die im dritten Umsiedlungsabschnitt betroffenen Dörfer im Rheinischen Revier wollen wir erhalten“, steht im Kapitel über den Kohleausstieg, auf Seite 59. „Über Lützerath werden die Gerichte entscheiden.“ Und Lützerath, das ist jetzt im Großen und Ganzen: Heukamp. In Lützerath wohnten einmal 90 Menschen. Jetzt ist es nur noch einer. Eckardt Heukamp, der letzte Bauer von Lützerath.

Die Geschichte, die hier spielt, in diesem Weiler am Rand des Tagebaus Garzweiler, handelt von einem der ehrgeizigsten energiepolitischen Projekte der kommenden Jahre, von ungelösten Fragen und vom Streit, den es in der Ampelkoalition geben dürfte. Von einem persönlichen Drama handelt sie auch.

Hof in der vierten Generation

An der Ziegelsteinwand seines Hofs, Baujahr 1763, hängen ein Schild vom Denkmalschutz und ein riesiges gelbes Plakat, „1,5 Grad heißt: Lützerath bleibt“. Heukamp geht hinein, in den Raum mit knarzenden Dielen und Balkendecke. „Vierte Generation“, sagt er. So lange ist der Hof in Familienbesitz.

Eckardt Heukamp ist gleichsam im Schatten des großen Tagebaubaggers aufgewachsen. „Früher haben wir gedacht, die Atomkraft würde die Braunkohle überflüssig machen“, sagt er. Aber jetzt überlebt die Kohle sogar die Kernenergie. „Dann dachten wir, über die A61 geht der Tagebau nie rüber, das ist die Grenze.“ Aber dann wurde eben einfach die Autobahn verlegt.

Dass der Bagger also eines Tages auf Lützerath zu rücken würde, das war seit Jahren absehbar. Aber mit der Zeit wuchs der Trotz bei Eckardt Heukamp. Ein Trotz, der sich aus mehreren Quellen speist. Am Anfang konnte er sich mit RWE schlicht nicht einigen, sagt er. Die Böden, die man ihm als Ersatz anbot, seien längst nicht so gut wie der lössreiche Bördegrund rund um seinen Hof. Einmal, sagt er, hat man ihm einen Hof in Brandenburg angeboten, extra hingeflogen habe man ihn. Aber Heukamp sagt: „Ich wusste nicht, was ich dort sollte.“ Viel zu sandig, sagt er.

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Wider das „Krebsgeschwür“

Und je mehr Zeit verging, desto mehr ärgerte sich Heukamp, dass er aufgeben sollte, was er nicht aufgeben wollte. „Ich soll mein Leben umstellen, damit RWE Geld verdienen kann?“, sagt er. Das passte ihm nicht. Vom „ewigen Krebsgeschwür“ spricht er und meint den Braunkohletagebau, seinen „stetigen Landfraß“, vor dem die Ortschaften reihenweise wegsterben. In seinem Zimmer steht ein Modell des Immerather Domes, der 2018 für die Kohle abgerissen wurde. Heukamp hat zugesehen, nachdem er sich zuvor noch den Grabstein seiner Familie vom dortigen Friedhof gesichert hatte.

Jetzt steht seinem Hof dasselbe Schicksal bevor. Die Äcker, die er bewirtschaftet hat, sind zum 31. Oktober zur Abbaggerung an RWE gegangen. Ihm ist nur der Hof geblieben, sein früheres Elternhaus, ein weiteres Gebäude, eine große Wiese. Gegen deren „bergbaurechtliche Inanspruchnahme“ hat er beim Oberverwaltungsgericht Münster einen Eilantrag eingereicht. RWE brauche Lützerath nicht, argumentiert er und zeigt eine Karte, die den Ort einfach ausspart. In der Vorinstanz, beim Verwaltungsgericht Aachen, ist er damit gescheitert. Jetzt wollen die Richter bis zum 7. Januar entscheiden. Bis dahin hat auch RWE zugesagt abzuwarten. Was dann passiert, ist offen.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg (r.) spricht neben Luisa Neubauer bei einem Pressetermin im Tagebaudorf Lützerath vor dem Hof von Bauer Heukamp. © Quelle: Henning Kaiser/dpa

Bauer Heukamp wurde zur Symbolfigur

„Die Bauern sind immer die Letzten“, sagt Heukamp. Weil es mit den Bauern immer am kompliziertesten ist. Aber von den Letzten ist er nun der Allerletzte. Man kann diese Haltung stur nennen. Aber hat jemand, der seine Heimat verlassen soll, vielleicht auch das Recht, stur zu sein?

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Jedenfalls wurde Eckardt Heukamp mit seinem Trotz gegenüber der Kohle zur Symbolfigur einer globalen Bewegung, der es um weit mehr geht als um den Erhalt von Lützerath. Im September kam Greta Thunberg zu Besuch. Ende Oktober demonstrierten 5000 Menschen vor seinem Hof. Auf der Wiese, die ihm geblieben ist, haben Aktivistinnen und Aktivisten ein Camp errichtet, aus Hütten und Baumhäusern, mit „Café Lützi“, einer „UnräumBAR“, Küche und Corona-Teststation, um eine Abbaggerung zu verhindern. Und so hat sich hier, am Rand von Garzweiler, eine eher ungleiche Allianz zur Verteidigung des Weilers Lützerath zusammengefunden.

Allianz mit den Ökoaktivisten

Da ist also Bauer Heukamp, der die Braunkohle für „klimapolitisch höchst fragwürdig“ hält, „schließlich haben wir längst Alternativen“. Der aber auch kein Hehl daraus macht, dass er kein geborener Ökoaktivist ist. In seiner Werkstatt repariert er gerade ein 30 Jahre altes Mercedes-Cabrio, das er zwar selten, aber gerne fährt, und er kann ausgiebig darüber referieren, warum die ökologische nicht automatisch besser als die konventionelle Landwirtschaft ist.

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Auf seiner Wiese wiederum leben derzeit mindestens 100 Menschen, von denen viele zusammen mit der Braunkohle gerne auch den Kapitalismus überwinden würden. „Indigo“ nennt sich eine 26-jährige Baumpflegerin aus Berlin, die durch das Camp führt. „Wir wollen für eine Wirtschaftsweise streiten, in der es um menschliche Bedürfnisse und nicht um Profit geht“, sagt sie. Weiter Kohle zu fördern und zu verbrennen sei menschenverachtend – und wenn RWE die Räumung veranlasse, „dann werden wir in den Baumhäusern sein“ und „mit unseren Körpern“ verhindern, dass das Abbaggern weitergeht.

Die Aktivisten haben ein Lied auf Bauer Heukamp gedichtet, „Eckardt, der Letzte“. Heukamp gibt zu, dass er mit ihren politischen Ideen wenig anfangen kann. Aber er sagt auch: „Ohne sie wäre der Widerstand hier nicht möglich. Sonst könnte man sagen: Den Heukamp hauen wir platt.“ Zusammen sind sie jetzt ein durchaus mächtiges Gespann.

Denn tatsächlich drohen bei einer Räumung des Camps auf Bauer Heukamps Wiese ähnliche Szenen wie bei der Räumung des Hambacher Forsts 2018 am Hambacher Tagebau, die Gerichte nachträglich als rechtswidrig bewerteten. In einem halben Jahr wählt Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag. Bilder einer gewaltsamen Räumung in Pandemiezeiten dürften da niemandem gelegen kommen.

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Proteste gegen Braunkohleabbau in Nordrhein-Westfalen
0:59 min
In Nordrhein-Westfalen haben Demonstranten versucht, den Tagebau Garzweiler zu stürmen.  © Reuters

Außerdem taugt das winzige Lützerath durchaus als Symbol für den noch ungewissen weiteren Kurs Deutschlands in der Klimapolitik. Das Kohleausstiegsgesetz sieht derzeit das Aus für die Braunkohle in Deutschland für 2038 vor. „Idealerweise“ will die Koalition nun den Ausstieg auf 2030 vorziehen. Braucht man die Kohle unter Bauer Heukamps Hof da überhaupt noch?

RWE setzt Tagebau fort

RWE beteilige sich nicht an Was-wäre-wenn-Szenarien, teilt ein Sprecher mit. Die Bundesregierung will bis Ende 2022 geprüft haben, ob ein vorgezogener Ausstieg möglich ist. „Bis darüber entschieden ist, setzen wir unseren Tagebau planmäßig und auf der Grundlage geltenden Rechts fort“, erklärt RWE. Zuletzt hatte das Unternehmen signalisiert, man könne sich mit einem früheren Ausstieg anfreunden – wenn die Entschädigung stimmt.

Ähnlich argumentieren die Mitarbeiter, 1400 sind es im Tagebau Garzweiler. „Wir Braunköhler sperren uns nicht gegen einen vorgezogenen Ausstieg“, sagt Betriebsrat Klaus Emmerich. Auch wenn er Zweifel habe, dass die erneuerbaren Energien den Bedarf so schnell decken könnten. Was ihn am Protest gegen die Kohle am meisten stört, sind die Attacken der Radikalsten, die jüngst Feuerwerkskörper auf Kollegen geworfen hätten. „Es kann nicht sein, dass meine Kollegen zu Zielscheiben des Protests werden.“

Aber entscheidend scheint ihm etwas anderes: „Für uns ist wichtig, dass keiner bei einem vorgezogenen Ausstieg auf der Strecke bleibt. Keiner darf ins Bergfreie fallen“, also einfach arbeitslos werden, „und die Jüngeren brauchen eine Perspektive für die Zukunft.“

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wiederum hat errechnet, dass Deutschland, wenn es seine eigenen Klimaschutzvorgaben erreichen und das 1,5-Grad-Ziel einhalten will, auf Lützerath verzichten könnte und sogar sollte. Eine „energiewirtschaftliche Notwendigkeit“ sehen die Forscherinnen und Forscher nicht. Heißt: Strom gibt es ohne Lützerath genug.

Grüne haben erste Zweifel

Die Bundesregierung wiederum will erst bis Ende 2022 ausreichend geprüft haben, wie es weitergeht. Bis dahin könnten Lützerath und Heukamps Hof schon verschwunden sein. Auch deshalb gehen manche Grüne schon zu diesem Satz im Koalitionsvertrag auf Distanz: Lützerath, ein Fall für die Gerichte?

„Um den sozialen Frieden nicht zu gefährden“, sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger, die aus der Region stammt, „wäre es richtig, dass wir innehalten, bevor etwas zerstört wird, was vielleicht gar nicht nötig wäre.“ Lützerath solle bleiben. Bis die Regierung weiß, was sie in Sachen Kohleausstieg will. Und was überhaupt geht.

Eines der Felder von Lützerath, unmittelbar am Tagebau. © Quelle: imago images/Wassilis Aswestopoulos

Bauer Heukamp muss die Ungewissheit wenig aushalten. In seinem Hof jedenfalls sieht es nicht so aus, als lebe er auf gepackten Koffern, als rechne er jeden Moment mit der Räumung. Aber gesetzt, sein Protest hätte Erfolg, das Land und RWE würden ihm den Hof lassen, Lützerath bliebe: Was will er dann als Einziger in dem ausgestorbenen Dorf?

„Leben“, antwortet Eckardt Heukamp, ohne nachzudenken. „Einfach leben.“ Und er schaut dabei, als fände er allein schon die Frage tatsächlich reichlich abwegig.

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