“Tag der Befreiung”: Soll der 8. Mai ein Feiertag werden?

  • Vor 75 Jahren wurde Deutschland vom Nationalsozialismus befreit.
  • Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano fordert, den 8. Mai zum Feiertag zu machen.
  • FDP, Grüne und Linke unterstützen den Vorschlag.
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Berlin. Berlin bekommt in diesem Jahr einen weiteren Feiertag – zumindest einmalig. Der Grund: Am 8. Mai 2020 jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.

An diesem Tag wurde die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet. Die alliierten Truppen kamen nicht als Befreier – befreit hatten sie Länder wie Frankreich, Belgien und die Niederlande – sie kamen als Sieger. Die Deutschen hatten es nicht aus eigener Kraft vermocht, den Nationalsozialismus zu stürzen. Je größer der zeitliche Abstand zur Niederlage wurde, desto stärker trat der Begriff der Befreiung in den Vordergrund.

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Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) gibt sein Statement zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.  © Alexander Abel, Jan Sternberg, Alexander Krenn/RND
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In der DDR stellte man sich früh auf die Seite der Sieger und feierte den "Tag der Befreiung". Im Westen machte Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Anfang, der 1985 sagte: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Weizsäcker sagte aber auch: "Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern."

35 Jahre später könnte sich das ändern. In einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano dafür ausgesprochen, den 8. Mai zu einem gesetzlichen Feiertag zu erklären. „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden. Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann“, erklärte Bejarano, die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland ist.

Dieser Feiertag würde helfen, „endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes“. Dies sei seit sieben Jahrzehnten überfällig, sagt die 95-Jährige.

Grüne, FDP und Linke unterstützen Forderung

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Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt unterstützt Bejaranos Forderung: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung, der das demokratische Deutschland erst möglich machte. Der 8. Mai als Feiertag mahnt uns, die deutschen Verbrechen nicht zu relativieren und wäre ein bleibender 'Pflock' in der deutschen Erinnerungskultur", sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Linksfraktionschef Dietmar Bartsch plädiert für einen bundesweiten Feiertag am 8. Mai. „Die Befreiung vom Hitler-Faschismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges – die bedingungslose Kapitulation – bilden die Grundlage des demokratischen Deutschlands“, sagt Bartsch dem RND. Der 8. Mai sei ein Tag des Gedenkens und ein Auftrag für die Zukunft. „'Nie wieder' ist eine Mahnung, die uns allen gilt und der wir am 8. Mai einen gemeinsamen Tag einräumen sollten“, sagte der Fraktionschef der Linken.

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Katja Kipping, die Vorsitzende der Linken, pflichtet Bartsch bei. Sie ergänzt: „Ob der Tag zum ausgelassenen Feiern, zum stillen Gedenken oder zum Besuch einer Gedenkstätte genutzt wird, hängt dann von jedes einzelnen Familiengeschichte und der jeweiligen persönlichen Verbindungen zu diesem Tag ab."

Auch FDP-Fraktionsvize Michael Theurer befürwortet eine Feiertagslösung. „Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges in Europa ein so zentraler Tag in der europäischen Geschichte“, sagte Theurer. „Der 8. Mai sollte ein Feiertag werden – am besten europaweit.“

Als Alternative nannte Theurer den 9. November als gesetzlichen Feiertag. „Das Gedenken an die Ausrufung der Weimarer Republik, die Reichspogromnacht und den Mauerfall sollte ebenso aufrechterhalten werden“, sagte der Vize-Chef der FDP-Bundestagsfraktion. Auch der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar käme laut Theurer in Frage.

"Keine Fraktionsmeinung" in der SPD

Aus der Bundestagsfraktion der SPD wurde dem RND bestätigt, dass es viele unterschiedliche persönliche Meinungen zu dem Thema gebe. Auf eine „Fraktionsmeinung" hätte man sich noch nicht verständigt. Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe spricht sich dagegen für den Feiertag aus: „Es ist unsere Verpflichtung gegenüber allen Ermordeten und Überlebenden dafür zu sorgen, dass Antisemitismus in unserem Land niemals mehr geduldet und akzeptiert wird. Dazu kann ein Feiertag einen wichtigen Beitrag leisten", sagte sie dem RND.

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