Suu Kiys hohle Worte

Die Friedensnobelpreisträgerin und faktische Regierungschefin von Myanmar, Aung San Suu Kyi, hat die Verbrechen an den Rohingya verurteilt – doch als Marionette des Militärs weckt sie mit ihrer Rede falsche Erwartungen, meint unser Korrespondent.

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Bangkok. Myanmar gegen den Rest der Welt - das ist die Lagermentalität, mit der die Bevölkerungsmehrheit des südostasiatischen Landes auf die massiven Vorwürfe aus dem Ausland wegen der Vergewaltigungen von Rohingya-Frauen und der Vertreibung von 400 000 Angehörigen der islamischen Minderheit nach Bangladesch reagiert. Aung San Suu Kyi, die faktische Regierungschefin des Landes, hat wochenlang geschwiegen – und ist am Dienstag bei dem Versuch gescheitert, angemessene Worte für die Verbrechen zu finden. Die Verachtung, die ihr selbst vonseiten früherer Bewunderer entgegenschlägt, wird nach ihrer Rede noch wachsen. Suu Kyi hielt lediglich das lahme Angebot bereit, ihr Land wolle einige der Vertriebenen wieder aufnehmen. Wie ihr Miniplan umgesetzt werden soll, verriet sie nicht. Tatsächlich haben die Militärs längst Fakten geschaffen.

Die Friedensnobelpreisträgerin demonstrierte vor allem, wie sehr sie der Wirklichkeit entrückt ist. Allen Ernstes versuchte sie der Welt weiszumachen, es gebe seit zwei Wochen keine Militäraktionen gegen die Rohingya mehr. Beobachter am Grenzfluss bezeugten von Bangladesch aus jedoch das Gegenteil. Aung San Suu Kyi verschließt vor den Verbrechen zwar nicht die Augen, wie es ihr Amnesty International vorwarf. Aber ihr Blick ist offenbar von einer Wolke aus Halbwahrheiten und Falschinformationen vernebelt. Die Ankündigung Suu Kyis, die Täter zu bestrafen, ist ehrenwert. Aber als Gefangene der vom Militär bestimmten Machtverhältnisse sollte sie besser nicht solche falschen Erwartungen wecken.

Willi Germund ist Korrespondent mit Sitz in Bangkok.

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Von Willi Germund