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Streit um Klima-Kosten? Die Politik hat’s immer noch nicht kapiert

  • An diesem Freitag soll die Bundesregierung endlich Nägel mit Köpfen machen.
  • Wie will Deutschland konkret dazu beitragen, dass Natur und Klima nicht länger zerstört werden?
  • Die Debatte ist jahrzehntealt – doch echtes Umdenken nicht zu erkennen, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Am Morgen des 26. Juli 2019 um 7:55 Uhr setzte der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt einen Tweet ab. Darauf sah man Reiner Haseloff mit einer Gießkanne in der Hand und in gebückter Haltung einem Baum Wasser spenden - direkt gegenüber seinem Wohnhaus in der Lutherstadt Wittenberg. Die Sonne brannte an diesem Freitag schon wieder erbarmungslos vom Himmel. Das Foto war bei Twitter mit dem Satz versehen: "Und bitte die Straßenbäume nicht vergessen."

Haseloff reagierte auf die Dürre, die auch sein Land im zweiten Jahr leiden lässt. Zugleich könnte man auf den Gedanken kommen, der CDU-Politiker und Katholik habe tätige Reue geleistet. Er hatte nämlich nicht nur lange Zeit und nachvollziehbarer Weise der Braunkohle die Treue gehalten; sie sichert in Sachsen-Anhalt Arbeitsplätze.

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Haseloff warf Klima-Demonstranten "Rechtsbruch" vor

Er hatte knapp vier Monate vor dem Gießkannen-Einsatz - genauer: am Abend des 31. März - auch einen denkwürdigen Auftritt bei Anne Will in der ARD. Dort warf er den "Fridays for Future"-Aktivisten weniger nachvollziehbar "Rechtsbruch" vor, und zwar wegen der Schulstreiks, die sich am Freitag zu einem globalen Klimastreik auswachsen dürften.

Das Foto und die ihm voran gehenden Worte stehen sinnbildlich für das Verhältnis der Politik wie vielleicht des modernen Menschen überhaupt zur Natur. Es ist widersprüchlich. Und es ist - die Gießkanne belegt es - hilflos geworden. Dass der bayerische Ministerpräsident Söder neuerdings gegenüber Bäumen nach dem Motto agiert "Dein Freund, der Markus", ändert daran gar nichts.

Das Mensch-Natur-Verhältnis hat sich durch die Jahrhunderte gewandelt. Mal dominierte die Vorstellung völliger Harmonie, mal jene vom Menschen als Krone der Schöpfung. Das Gefühl der Dominanz blieb. Die Natur galt im Zweifel als unzerstörbar - und der Wald den Deutschen als jene Zone, in der sie sich erholen konnten. Die Klimakrise stellt all das radikal in Frage. Die Natur ist nicht mehr Verheißung und das Areal, in dem wir Schutz finden - sondern etwas, das uns Angst macht, durch "Starkregen", Stürme und Dürren. Deutsche Angst im deutschen Wald.

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Trotz Angst vor dem Klimawandel ändert sich wenig

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Nur: Obwohl dieser Wandel fundamental ist, ändert sich sonst im Wesentlichen nichts, im Gegenteil. Es wird weiter munter drauflos geflogen. Die Zahl der verkauften SUVs sinkt nicht, sie steigt. Der FDP-Vorsitzende Christian Linder sorgt sich gar ums Schnitzel. Und eine bekannte Boulevardzeitung fragt im Jahr 2019 allen Ernstes: "Was ist wichtiger - Klima oder Freiheit?" Eine Alternative aus der Hölle.

Unterdessen scheint es manchmal, als bräuchten wir in Deutschland bloß eine CO2-Steuer einzuführen - und schon wäre alles geritzt. Ohnehin ist das Ökologie-Thema kurioserweise bereits vor Jahrzehnten auf der Links-Rechts-Achse gelandet, so als könnten die Grünen nicht ohne Natur, Christdemokraten und Liberale aber schon.

Die Natur als Grundlage menschlichen Lebens ist uns jedenfalls völlig aus dem Blick geraten - und zwar selbst da, wo sie uns längst existenziell gefährdet. Artensterben? Kein Thema. Klimaschutz erscheint als lediglich vorübergehende Aufgabe. Zugleich wird etwa die Freiheit des Fliegens nicht ins Verhältnis gesetzt zur Freiheit, sich in einem gesunden Wald physisch und psychisch zu erholen. Diese Freiheit wird als gegeben vorausgesetzt.

Der Mensch muss die Natur um ihrer selbst willen schützen

Unsere kaputte, weil instrumentelle Beziehung zur Natur offenbart sich wohl am deutlichsten da, wo die Natur verteidigt werden soll. So sagte Kanzlerin Angela Merkel vorige Woche im Bundestag: "Der Klimaschutz wird Geld kosten. Dieses Geld ist gut eingesetzt. Wenn wir ihn ignorieren, wird es uns mehr kosten."

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker wusste es besser. "Mit wachsender Härte zwingen uns die Probleme umzulernen", sagte er. "Noch immer erscheint die Natur im Haushalt des Menschen nur als ein Rechnungsposten unter vielen. In Wahrheit aber ist der Mensch selber nur ein Faktor unter anderen im Haushalt der Natur. Er gehört der Natur an und muss lernen, das Ganze zu wahren, dessen Teil er ist. Er muss die Natur um ihrer selbst willen schützen."

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1989 war das - vor 30 Jahren. Es ist erschütternd wahr, weil erschütternd folgenlos geblieben.

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