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Die russische Flagge in 4261 Metern Tiefe

Auf dünnem Eis: der Streit um die Arktis

Sein Territorium weckt die Interessen vieler Mächte: Eisbär im Nordpolarmeer.

Sein Territorium weckt die Interessen vieler Mächte: Eisbär im Nordpolarmeer.

Das Prestigeprojekt der russischen Arktisforschung heißt „Nordpol“: 83 Meter lang und 22 Meter breit ist die schwimmende Plattform mit eiförmigem Rumpf. 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und dazu eine 14-köpfige Crew finden Platz auf der Forschungsstation und können sich durchs Nordpolarmeer driften lassen – oder auch mit eigenem Antrieb ein wenig nachjustieren.

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Doch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat vieles verändert. Wer will sich noch an Bord einer von höchsten russischen Stellen abgesegneten Unternehmung begeben? Westliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedenfalls nicht. Dabei hätte die „Nordpol“ den Russen viel Renommee einbringen können.

Das „Nordpol“-Projekt klingt noch spektakulärer als die „Mosaic“-Expedition im Winter 2019/2020. Damals machte das Forschungsschiff „Polarstern“ des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 20 Nationen an einer Eisscholle fest.

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Arktischer Rat hat Arbeit eingestellt

Doch hat der Arktische Rat, ein Zusammenschluss der Arktis­anrainer­staaten, seine Zusammenarbeit mit Russland eingestellt. Norwegen, Schweden, Finnland, Island, Kanada, die USA und Dänemark wollen nicht mehr mit den Russen kooperieren. Russland hat aber noch bis Mai 2023 den Vorsitz im Rat inne. Sitzungen finden nicht mehr statt. Die grenzübergreifende Wissenschaft ist auf Eis gelegt.

Umkämpft: ein Eisberg in der Arktis

Umkämpft: ein Eisberg in der Arktis

„Kein Gebiet ist stärker von der Erderwärmung betroffen als die Polarregion“, sagt Anne Morgenstern, AWI-Koordinatorin für Russland. Sie macht sich große Sorgen: „Wie sollen zukünftige Entwicklungen modelliert werden, wenn die Datenlage immer dünner wird?“ Nur noch aus langer Zusammenarbeit geborene Kontakte auf individueller Ebene würden heute funktionieren.

Gerade rückt die Arktis militärisch mehr denn je ins Blickfeld. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte jüngst: „Die Nato muss ihre Präsenz in der Arktis erhöhen.“ Moskau sei dabei, Stützpunkte aus Sowjetzeiten wieder zu öffnen und dort neue hochmoderne Waffen wie Hyperschallraketen zu stationieren.

Gas, Öl, Edelmetalle

Russland reagierte schnell und verschnupft. Es werde seine Sicherheitsbedürfnisse in der Arktis wahren und seine wirtschaftlichen Aktivitäten fortsetzen. Damit ist zuerst der Anspruch auf Rohstoffe wie Gas, Öl, seltene Erden und Edelmetalle gemeint. Bodenschätze, die bislang weggeschlossen wie in einer Gefriertruhe lagerten, sind durch den Temperaturanstieg in Griffweite gerückt. Das schmelzende Eis macht zudem Schiffsrouten wie die legendäre Nordwestpassage passierbar, ebenso die Ostroute am nördlichen Rand Russlands.

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Schon lange vor dem Ukraine-Krieg waren die Begehrlichkeiten in der Arktis gewachsen. Bereits 2007 hatten drei Russen an Bord eines Mini-U‑Boots in 4261 Metern Tiefe ihre Nationalflagge in den Meeresboden am Nordpol gerammt und mit der Fahne aus Titan symbolisch von ihm Besitz ergriffen. Mit der Tauchfahrt meldete Moskau seinen Anspruch auf beinahe 1,2 Millionen Quadratkilometer Gebiet in der Polarregion an – ein Gebiet etwa doppelt so groß wie Frankreich.

Auch die Amerikaner haben Fotos von atomgetriebenen U‑Booten um die Welt geschickt, die meterdicke Eisplatten durchstoßen. Den USA geht es ebenfalls darum, Präsenz zu zeigen – und die Fähigkeit zu demonstrieren, dass sie von überall Raketen abschießen können.

Friedliche Nutzung der Antarktis

Bis zum Krieg in der Ukraine bestand immerhin noch die Hoffnung, dass die fernab gelegene Region vielleicht doch aus den politischen Konflikten herausgehalten werden könne. Schließlich ist das – zumindest bis heute – am anderen Ende der Welt, am Südpol, gelungen. Laut Antarktisvertrag darf diese Region ausschließlich friedlich genutzt werden und soll vorrangig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorbehalten bleiben.

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Die 1961 in Kraft getretene und bis heute von mehr als 50 Staaten unterzeichnete Abmachung war das erste internationale Abkommen nach dem Zweiten Weltkrieg, das auf dem Prinzip der friedlichen Koexistenz beruhte. Allerdings ist das Einvernehmen inzwischen auch dort in Gefahr: In der Antarktis locken nicht nur Bodenschätze, sondern auch reiche Fischgründe.

Neue Player melden Ansprüche an beiden Polen an. Besonders China prescht vor und definiert sich mal eben als „Near Arctic State“, als naher Arktisstaat. Dabei ist der nördlichste Hafen der Volksrepublik Tausende Kilometer vom Nordpol entfernt. Ein Eisbrecher namens „Schneedrache“ durchkreuzt schon jetzt das Eismeer.

Und doch bestand bis zum Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 noch Hoffnung. Der Sicherheitsexperte Michael Paul schließt sein Buch „Der Kampf um den Nordpol. Die Arktis, der Klimawandel und die Rivalität der Großmächte“ mit einer Frage, in der Optimismus mitschwingt: „Vielleicht wandelt sich die Arktis zu einem neuen zivilisatorischen Ziel und der Kampf wird zum Wettstreit um bessere und nachhaltigere Lösungen für die globalen Folgen des Klimawandels?“

Paul musste sein Buch abschließen, bevor die Auswirkungen des Krieges deutlich wurden. Inzwischen hat er einen Aufsatz über die „Zeitenwende im hohen Norden“ nachgelegt. Nüchtern resümiert er darin: „All dies bedeutet, dass ein Konflikt in der Arktis als Ergebnis von Ereignissen außerhalb der Region nicht mehr ausgeschlossen werden kann.“

Und doch merkt er an, dass es ohne Russland auf Dauer nicht geht: „Zu Russland gehören etwa die Hälfte der Bevölkerung und des Territoriums der Arktis.“ Paul benennt einige unstrittige Themen, auf die sich womöglich alle einigen könnten: den Umgang mit ziviler Kernenergie, die Bekämpfung von Ölkatastrophen oder Rettungseinsätze in dieser unwirtlichen Region.

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Nach Russland übernimmt Norwegen im nächsten Jahr den Vorsitz im Arktischen Rat. Wer mag, kann darin Symbolisches für die sich zuspitzende Lage sehen: Der Erste, der durchs Nordpolarmeer driftete, war der Norweger Fridtjof Nansen. Bei seiner 1893 gestarteten Expedition ließ er das eigens für diesen Zweck konstruierte Holzschiff „Fram“ im Packeis einfrieren. Nansen hoffte, den geografischen Nordpol zu erreichen.

Das gelang ihm auch dann nicht, als er sich zu Fuß Richtung Norden aufmachte. Nach einem Gewaltmarsch schaffte er es zusammen mit Fredrik Hjalmar Johansen drei Jahre später schließlich zu Fuß zurück bis nach Franz-Josef-Land und wurde dort von einer anderen Expedition aufgelesen. Heute gehört das Archipel zu Russland, das dort seinen nördlichsten Militärstützpunkt betreibt, ausgestattet mit Raketen und Radar.

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