Stille Nacht, einsame Nacht

  • Junge Leute reden mit neuer Offenheit über ein Tabu: Einsamkeit.
  • Das Problem wird in Corona-Zeiten noch gesteigert, die Politik muss sich einer neuen Herausforderung stellen.
  • Und jetzt steht ein ganz besonders einsames Weihnachten bevor.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

alles begann mit einem Text unter der Überschrift „Die Einsamkeit und ich“. Veröffentlicht im Wirtschaftsblatt „Financial Times“, geschrieben von Claire Bushey, einer Autorin, die sich ansonsten mit Boeing oder Börsenturbulenzen beschäftigt. Der Artikel hatte eine gewaltige Resonanz – er trifft offenbar einen Nerv. Junge Leute – erfolgreiche Berufstätige, oft bestens vernetzt – reden mit neuer Offenheit über ein jahrzehntelang gehütetes Tabu: Einsamkeit. RND-Chefautor Matthias Koch macht in seinem Report einen globalen Trend aus – verstärkt durch Corona.

Corona habe die realen Probleme aller ohnehin gesellschaftlich Isolierten noch gesteigert, analysiert Koch. Doch immerhin rede man jetzt über das Thema – und die Politik erkenne zunehmend die Herausforderung, die dahintersteckt. Studien belegen etwa, dass immer mehr jüngere Menschen unter Einsamkeit leiden. Sie haben ein massiv erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken. Das Rote Kreuz nannte das Phänomen eine „Epidemie im Verborgenen“. Was also tun? Am weitesten vorgeprescht sind die Briten. Sie richteten 2018 ein Einsamkeits­ministerium ein. In Deutschland gibt es immerhin ein Versprechen im Koalitionsvertrag: „Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und Vereinsamung bekämpfen.“ Besonders erfolgreich war man dabei offensichtlich noch nicht.

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Weihnachten als Herausforderung

Einsamkeit wird vor allem zu Weihnachten als besonders quälend empfunden – und dieses Jahr dürften auch viele junge Leute allein feiern, weil sie ihre Eltern oder Großeltern nicht besuchen können oder bewusst auf ein Fest im größeren Kreis verzichten. Oder ist wegen Weihnachten nicht doch eine Abkehr von der eingeübten Corona-Vorsicht angemessen?

Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, appelliert angesichts der weiterhin dramatischen Corona-Lage, auch über Weihnachten alles dafür zu tun, dass die Zahl der Neuinfektionen sinkt: „Ich bitte Sie eindringlich darum, die Tage zwischen den Jahren in Ruhe und wirklich nur im kleinsten Familienkreis zu verbringen. Bitte schränken Sie Ihre Kontakte auf das Nötigste ein. Verreisen Sie nicht!“, sagt er. Die Bürgerinnen und Bürger sollten nur so gerade so viele Menschen wie unbedingt nötig treffen, „und wenn, dann nur immer dieselben Menschen. Und treffen Sie sich möglichst draußen.“

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RKI appelliert an Bürger: „Verreisen Sie nicht!“
2:08 min
Das Robert-Koch-Institut (RKI) sieht auch nach einer Woche Lockdown keine Trendwende bei den Infektionen in Deutschland.   © Reuters
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Die Sorge vor der mutierten Variante des Coronavirus hat die Stimmung vor Weihnachten noch einmal deutlich verdüstert und dazu geführt, dass Großbritannien praktisch komplett isoliert ist. Aber wie gefährlich ist die Mutation wirklich?

Und: Ist sie schon in Deutschland angekommen? Die Aussagen der Experten sind noch abwartend bis widersprüchlich. Auch Christian Drosten, die wohl wissenschaftlich wichtigste Autorität in der Virologie, trägt gerade nicht zur Klarheit bei. Die RND-Wissenschafts­experten haben den Stand der Diskussion über die Mutation zusammengefasst.

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Zitat des Tages

Wir können uns ab Ostern auf eine ganz neue Welt freuen.

Boris Johnson über die Aussichten auf eine Überwindung der Corona-Krise dank der Impfungen

Leseempfehlungen

„Jerks“, die Comedyserie um Christian Ulmen und Fahri Yardim, wurde – wie viele andere TV-Produktionen – von Corona ausgebremst. Die vierte Staffel läuft deshalb erst im Sommer 2021 bei Joyn, ab heute gibt’s immerhin eine ausgekoppelte Doppelfolge vorab. Hauptdarsteller und „Tatort“-Ermittler Fahri Yardim hat seinen Humor aber nicht verloren, wie er im Gespräch mit RND-Redakteur Thomas Kielhorn beweist. Dass man ihm heute keine Franzbrötchen mehr schenkt, erklärt sich der Schauspieler mit seiner manchmal fiesen Rolle in „Jerks“ – und dass dieses Jahr kein „Tatort“ mit ihm und Til Schweiger gedreht wurde, lag natürlich ganz allein an seinem Corona-Bauch.

Es ist der 23. Dezember, ein Tag vor Heiligabend. Und einer Umfrage zufolge freuen sich 60 Prozent der Deutschen nicht aufs Weihnachtsfest. Dabei sollte es doch die schönste Zeit des Jahres sein. Manchmal kommt es jedoch nur auf den Blickwinkel an. Wir möchten Ihnen gegen den Corona-Blues einige Dinge für ein weniger beschwertes Weihnachten mit auf den Weg geben.

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Die neuen Coronavirus-Varianten in Großbritannien und Südafrika sorgen zum Jahresende noch einmal für ordentlich Wirbel in der Reisewelt. Welche Rechte haben betroffene Reisende? Die Kolleginnen vom Reisereporter geben einen Überblick.

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Über solche Zahlen würden manche Kommunen sich aktuell freuen: Bei einem Wert von 24,9 liegt die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner im Landkreis Uelzen. Die Region im Nordosten Niedersachsens ist damit deutschlandweit der Kreis mit den geringsten Covid-19-Ansteckungswerten und einer von lediglich zwei verbliebenen grauen Flecken auf der fast durchweg roten Karte des Robert-Koch-Instituts. Ähnlich gut steht nur noch der Kreis Plön in Holstein da. In Uelzen hält sich die vergleichsweise niedrige Inzidenz seit Wochen. Was macht der niedersächsische Landkreis richtig, was andere falsch machen? Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ hat nachgeschaut und bei den politisch Verantwortlichen nachgefragt.

Die Termine des Tages

Im Prozess gegen den Journalisten Can Dündar wegen Terrorunterstützung sowie Spionage in der Türkei wird heute das Urteil erwartet. Hintergrund des Verfahrens ist ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 2015, in dem die Zeitung „Cumhuriyet“ geheime Informationen veröffentlichte, die Waffenlieferungen der Regierung an Rebellen in Syrien belegen sollten. Damals war Dündar Chefredakteur der „Cumhuriyet“. Der Journalist lebt inzwischen in Deutschland.

In Israel könnten heute die Weichen für eine Neuwahl des Parlaments im März gestellt werden. Nach Scheitern eines letzten Vorstoßes zur Lösung einer Regierungskrise wird mit der vierten Parlamentswahl in Israel binnen zwei Jahren gerechnet. Ein Knesset-Ausschuss begann schon vor Auflösung des Parlaments mit Beratungen darüber, wie die Wahl im März während der Corona-Pandemie sicher abgehalten werden kann.

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Wer heute wichtig wird

Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) hat in dieser Pandemie eine schwierige Aufgabe nach der anderen zu bewältigen. Einen Tag vor Heiligabend kommt es noch einmal ganz besonders auf Spahn an: Der Minister muss sicherstellen, dass der Impfstart am 27. Dezember in Deutschland auch wirklich gelingt. Sind genug Impfdosen aus Belgien angekommen? Klappt die Verteilung auf die einzelnen Bundesländer? Vor Ort liegt die Verantwortung bei den Ländern und den regionalen Gesundheitsbehörden. Aber was taugt das Impfversprechen, wenn Deutschland zu wenig Dosen aus der Biontech/Pfizer-Produktion hat und wenn die Logistik nicht stimmt? Spahn hat erklärt, dass es am Anfang „ruckeln“ könnte. Schon im eigenen Interesse wird er alles unternehmen, dass man davon nicht viel merkt. © Quelle: imago images/Future Image

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Jörg Kallmeyer

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