Sterbehilfe in Spanien: Leben wollen, sterben können

  • Spanien ist ab diesem Freitag das siebte Land der Welt, das die Sterbehilfe straffrei stellt.
  • Rafael Botella ist vom Hals abwärts gelähmt.
  • Das neue Gesetz nimmt ihm eine große Sorge.
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Madrid. „Der Rollstuhl ist mein Leben“, sagt Rafael Botella. „Anfangs ist er dir ein bisschen peinlich, aber wenn du dann mit Freunden ausgehst, verliert sich das. Sich nicht bewegen zu können ist kompliziert, aber es ist nicht das Ende der Welt. Wenn du dich nicht bewegen kannst, wird dir schon jemand anderes zu essen geben oder dich kratzen.“

Doch als die Schmerzen kamen, veränderte sich alles. „Die Schmerzen musst du ganz allein aushalten, 24 Stunden am Tag, da kann dir niemand helfen. Niemand kann dir anbieten: Gib mir deine Schmerzen für eine halbe Stunde und ruh dich ein bisschen aus.“

Botella erlitt einen Autounfall

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Rafael Botella ist 36 Jahre alt. Mit 19 erlitt er als Beifahrer einen Autounfall. Seine Freundin Cristel, die hinter ihm saß, kam ums Leben, er selbst ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt, ein Tetraplegiker. Er lebt bei seiner Mutter in einem Dorf nahe Valencia. Per Videokonferenz spricht er mit Auslandskorrespondenten in Madrid. Auf seiner Nasenspitze klebt ein weiß reflektierender Fleck, der ist seine Computermaus.

Rafael Botella in seinem Zuhause. © Quelle: Rop Zoutberg

Die Schmerzen begannen vor sieben Jahren, Botella vergleicht sie mit den Phantomschmerzen eines Amputierten, keine ärztliche Kunst hat sie bisher zum Verschwinden gebracht.

Vor gut zwei Jahren nahm er mit dem Verein „Recht auf Würdiges Sterben“ Kontakt auf. Dessen Präsident, Javier Velasco, erinnert sich: „Er bat um Information, um zu erfahren, wie er sein Leben beenden könnte. Ich glaube, ich konnte ihm helfen. Ich sagte: Rafa, was du willst, ist den Schmerz kontrollieren. Mal sehen, was wir tun können.“

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Eine Schmerzklinik in Barcelona nahm sich seiner an. Aber das war nicht das Wichtigste. Velasco sagt: „Rafa öffneten sich neue Horizonte.“ Er lernte neue Leute kennen. Er besuchte Rockkonzerte und Motorradrennen. Er wagte einen Fallschirmsprung. Er bekam wieder Lust zu leben.

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„Für mich ist das Leben immer das Größte gewesen“, sagt Botella. „Auch mit Schmerzen ist es etwas Schönes. Ein Arzt sagte mir: Warte nicht darauf, dass der Schmerz weggeht, um deine Pläne zu machen. Mach deine Pläne, um zu sehen, ob damit vielleicht der Schmerz weggeht. Und das tue ich.“

Aber er will sterben können, wenn der Moment gekommen ist.

Gesetz zu Sterbehilfe tritt in Spanien in Kraft

An diesem Freitag tritt in Spanien ein Gesetz in Kraft, mit dem es das siebte Land der Welt (nach Benelux, Kolumbien, Kanada und Neuseeland) sein wird, das die Sterbehilfe nicht mehr bestraft. „Recht auf Würdiges Sterben“ hat dafür 37 Jahre lang gekämpft. Die ganz große Mehrheit der Spanier ist froh über dieses Gesetz, deutlich mehr als 80 Prozent.

„Es gibt eine eher starke als zahlreiche Opposition“, sagt Vereinspräsident Velasco. Stark deswegen, weil ihr Einfluss auf die Politik groß genug war, die Liberalisierung der Sterbehilfe immer wieder hinauszuzögern.

Im vergangenen Dezember überwand sich schließlich eine Mehrheit des spanischen Parlaments, das lange erwogene Gesetz zu verabschieden. Es ist ein vorsichtiges Gesetz, das zwischen den Todeswunsch und dessen Erfüllung einige (überwindbare) Hürden stellt. Aber sein Inkrafttreten ist ein großer Schritt, um die bisher unvollständige Patientenautonomie zu komplettieren, sagt Velasco.

Botella: „Ich kann mir nicht das Leben nehmen“

„Ich kann mir nicht das Leben nehmen“, sagt Rafael Botella. „Ich kann mich nicht bewegen und müsste jemanden um Hilfe bitten.“ Doch auch wenn er könnte, wollte er nicht sterben. Nicht jetzt. Er müsste sich von den Menschen verabschieden, die er liebt, „das hält mich ab“. Angst vor dem Tod hat er keine. „Das Leiden nimmt dir die Angst“, sagt er.

Eine andere Sorge hat ihm das Gesetz zur Sterbehilfe genommen. Ohne dieses Gesetz „wäre ich nervös und könnte mich nicht auf meine Vorhaben konzentrieren, weil ich nur daran denken würde: Und was tue ich, wenn es mir schlechter geht?“

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Eines Tages, glaubt er, wird der Moment kommen: „Wenn ich alles getan habe, was ich mir vorgenommen habe, werde ich – vielleicht mit denselben Schmerzen wie jetzt oder mit mehr oder weniger – sagen: Ich glaube, meine Zeit in diesem Leben ist abgelaufen. Ich will gehen.“ Diesen letzten Wunsch soll ihm keiner mehr abschlagen können.

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