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Steinmeier trifft Kritiker der Corona-Politik: “Die zweite Welle sind wir im Zweifel alle”

  • Wie Umfragen zeigen, stimmt die Mehrheit der Bundesbürger der Corona-Politik der Bundesregierung zu.
  • Doch nicht wenige sind auch wütend über die Härte der Maßnahmen, anderen gehen sie nicht weit genug und wieder andere sind besonders betroffen.
  • Acht dieser Bürger und Bürgerinnen hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun zu einem Gespräch getroffen – mit überschaubarem Erfolg.
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Berlin. Es sind andere Bilder als die von den turbulenten Anti-Corona-Demonstrationen, die in den letzten Wochen in vielen deutschen Städten stattgefunden haben, aber Thema und Teilnehmer sind zum Teil dieselben. Acht Bürger und Bürgerinnen hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an diesem Dienstag an eine festlich geschmückte Kaffeetafel ins Schloss Bellevue geladen, um über die aktuelle Corona-Politik zu debattieren – und vielfältiger könnten die Meinungen kaum sein: Allein vier der Gäste haben die Einladung einem mehr oder weniger wütenden Brief zu verdanken, den sie jeweils dem Bundespräsidenten geschrieben hatten.

Zwei der Briefschreiber waren erzürnt über die Härte der Corona-Maßnahmen und darüber, dass kritische Stimmen dazu totgeschwiegen würden. Ein dritter arbeitet als Arzt an einem Universitätsklinikum und war nach einer stressigen Woche mit Covid-19-Intensivpatienten empört darüber, ein Urlaubsfoto von Steinmeier sehen zu müssen, auf dem der ohne Gesichtsmaske mit Fremden posiert. Für den Lapsus hatte der Bundespräsident neben dem Protestbrief des Arztes schon viel Kritik kassiert und sich reumütig entschuldigt. Ein vierter Briefeschreiber beklagte, es werde zu wenig über die verschiedenen Meinungen zu Corona gestritten. Es komme ihm vor, als gebe es Sprechverbote.

Alle Gäste fühlen sich wertgeschätzt, aber nicht alle verstanden

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Das zumindest wollte Steinmeier ändern: Er bat die Kritiker der Corona-Auflagen, die Gegner zu schneller Lockerungen sowie Betroffene – eine Schülerin, einen Lehrer, einen Kultur-Event-Manager - sowie als wissenschaftlichen Beistand einen Virologen an einen Tisch. Die Kritik sei immerhin legitim, man müsse einander zuhören, betonte der Bundespräsident, und die Demonstrationen hatten sich wegen der Präsenz von Rechtsradikalen und Verschwörungsgläubigen als ungeeignete Plattform dafür erwiesen.

Am Ende der anderthalbstündigen Debatte fühlten sich zwar alle durch die Einladung wertgeschätzt – aber nicht alle verstanden.

Die Nürnberger Apothekerin Cornelia Schielein, eine der Briefschreiberinnen, hatte zum Beispiel an der Berliner Großdemonstration teilgenommen – weil es ihr das Herz breche, wie heftig viele Menschen unter dem Lockdown zu leiden hätten: Angehörige, die sich von Sterbenden nicht verabschieden konnten oder Altenheimbewohner ohne jeden Besuch etwa. Dabei seien die Krankenhäuser doch nie überlastet gewesen. Wie man sich denn von den Reichsbürgern auf der Demo hätte distanzieren sollen, fragt sie auf Steinmeiers Einwurf. Einfach gehen?

Kritik an “Panikmache” der Medien

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Medien und Politik würden die Kritiker in schlechtes Licht rücken und ansonsten Panikmache betreiben, sagt sie. Die hohe Zustimmung für die Corona-Politik sei eine Folge dieser ständigen Bevormundung.

Auch Cornelia Steinert aus Bad Oldesloe bei Lübeck, politisch aktive Schuldnerberaterin, die sich immer als linke Christin gesehen und etwa für Afrika engagiert habe, hält die Angst für falsch, in die das ganze Land getrieben werde – allein schon durch die Maskenpflicht und die ständigen Ermahnungen zum Händewaschen.

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Zugleich gerieten Menschen in Deutschland in Existenznöte und in Afrika gebe es Hungertote durch die strengen Corona-Auflagen. Die Anti-Corona-Maßnahmen würden mehr Opfer fordern als das Virus, sagt sie - wie ihre Vorrednerin in bedachtem, leisen, aber leidenschaftlichem Tonfall. In den Medien höre man davon nichts, und kein Politiker vergieße deshalb auch nur eine Träne.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) und seine Frau Elke Büdenbender (2.v.l.) sitzen zusammen mit den Teilnehmern der Kaffeetafel im Schloss Bellevue. © Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Eine Schülerin, ein Lehrer und ein Eventmanager halten dagegen

Es gibt auch die Gegenstimmen am Tisch: Die Berliner Schülerin Luisa Regel, 19, die strengere und schlüssigere Hygienevorgaben für Unterricht und Pausen fordert – aus Angst vor einem zweiten Lockdown, in dem wieder die Sozialkontakte und der Unterricht der Jüngeren einfach gestrichen würden. Ein Opfer der Jüngeren, das kaum jemand würdige.

Oder der schwäbische Lehrer, der einheitliche Regeln für alle Schulen fordert, weil man sonst die Lehrer alleinlasse – übrigens ohne Luftfilter und oft genug mit Fenstern, die man aus Sicherheitsgründen gar nicht öffnen könne.

Und Eventmanager Alexander Schulz, der im Hamburg das Musik-Großevent “Reeperbahn-Festival” organisiert - und nun dafür wirbt, dass der Staat die Kulturbranche dabei unterstützt, Corona-Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, um wenigstens einen Teilbetrieb wieder aufnehmen zu können. “Die Geduld in der Branche ist am Ende”, klagt er. Fakt sei: Wegen der Auflagen sei bei den meisten Events nur noch ein Fünftel der Auslastung möglich, das reiche nicht zum Überleben.

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Steinmeier warnt vor zweiter Welle

Von den Journalisten, die in zweiter Reihe zugehört hatten, wird Steinmeier im Anschluss gefragt, welche Argumente der Kritiker ihn ein wenig zum Umdenken gebracht hätten – und ob er angesichts der steigenden Infektionszahlen einen zweiten Lockdown in Deutschland erwarte.

Zwei Fragen, auf die es keine gemeinsame Antwort geben kann, jedenfalls nicht für Steinmeier. “Die zweite Welle sind wir im Zweifel alle”, antwortet er.

Alle Bürger seien dazu aufgerufen, die bisherigen Erfolge gegen die Corona-Pandemie nicht zu gefährden. Trotz aller berechtigten Kritik an Kollateralschäden gebe es in Umfragen eine hohe Zustimmung zur gegenwärtigen Corona-Politik, und gerade im Vergleich auch zu den europäischen Nachbarn sei diese doch auch sehr erfolgreich gewesen, betont der Bundespräsident. Er jedenfalls hoffe, dass Deutschland Erfahrungen wie in Frankreich oder Spanien erspart bleiben.

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