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Ein bisschen Flugscham: Steinmeier reist mit dem Zug zum Staatsbesuch nach Prag

  • Im legendären Speisewagen der tschechischen Bahn, bewirtet vom ebenso legendären Oberkellner: Bundespräsident Steinmeier reist stilvoll zum dreitägigen Besuch in der Tschechischen Republik.
  • Als Statement zur Verkehrswende will man das in Bellevue explizit nicht verstanden wissen.
  • Dennoch kann ein bisschen Flugscham nicht schaden, finden auch andere Präsidentinnen und Präsidenten.
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Berlin/Prag. Am Tag nach dem Bahnstreik verkehrt der Eurocity 379 „Berliner” wieder pünktlich von Kiel nach Prag. Im Unterdeck des Berliner Hauptbahnhofs steigen zwei prominente Reisende ein: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und First Lady Elke Büdenbender reisen in die tschechische Hauptstadt. Nicht privat, sondern zum dreitägigen Staatsbesuch.

Erstmals in seiner Amtszeit fährt Steinmeier mit dem Zug ins Ausland. „Die Reise ist nicht weit durchs schöne Elbtal”, freut sich der Reisende.

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Gut vier Stunden sind sie unterwegs im Großraumwagen der ersten Klasse der tschechischen Bahn, eingeplant sind Gespräche mit Grenzpendlern im (fürs normale Publikum geschlossenen) Speisewagen bei Lendenbraten mit Knödeln für alle, dem Klassiker in dieser Legende der rollenden Restaurants.

Steinmeier macht Werbung für die Bahn, aber nicht für die streikgeschüttelte DB. Sei’s drum, die Message ist gesetzt: Man muss nicht immer fliegen, auch nicht als Staatsoberhaupt.

Mit an Bord ist auch der Schriftsteller Jaroslav Rudis, der dem Eurocity, seinem Speisewagen und dessen Oberkellner Pavel Peterka ein literarisches Denkmal gesetzt hat, sein Buch „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen” (Piper-Verlag) erscheint in Kürze. Peterka hat eigens den Dienstplan getauscht, um den Präsidenten zu bewirten.

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Salonwagen wie in früheren Zeiten bekommen reisende Staatsoberhäupter Mitteleuropas in diesen Tagen nicht mehr, auch Streckensperrungen gibt es keine, wie sie für den DDR-„Staatszug” Ulbrichts und Honeckers im Elbtal und anderswo vorgeschrieben waren.

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Auch Präsidenten bekommen nun die Niederungen des Bahnalltags zu spüren. Die Delegation des grünen österreichischen Staatsoberhaupts Alexander van der Bellen etwa musste auf der Anreise zum Klimagipfel in Katowice improvisieren – der Wagen mit ihren Reservierungen fehlte.

So wird man volksnah. Oder man erntet Kritik, wie die Schweizer Staatspräsidentin Simonetta Sommaruga, die ihren Antrittsbesuch bei van der Bellen in Wien mit dem Nachtzug absolvierte. Elf Stunden durch die Alpen. „Zeitverschwendung!”, riefen die Populisten von der SVP. „Keine Zeitverschwendung”, konterte Sommaruga nach ihrer Ankunft in Wien, „ich habe gut geschlafen, das hätte ich zu Hause auch gemacht.”

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Solche Debatten möchte sich Frank-Walter Steinmeier ersparen. Für seine nächsten Auslandsreisen nach Bratislava (mit der Bahn elf Stunden durch die Nacht) und Stockholm (19 Stunden ohne Umsteigen) greift er wieder auf die Flugbereitschaft der Bundeswehr zurück. Nicht, dass die aus lauter Flugscham beschäftigungslos wird.

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