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  • Steigende Gewalt im öffentlichen Dienst: Mehr Respekt gefordert

Beleidigt, bespuckt, getreten: Gewalt im öffentlichen Dienst nimmt zu

  • Sie holen den Müll ab, versorgen Verletzte und löschen Brände – doch Beschäftigte im öffentlichen Bereich erleben immer häufiger Gewalt im Berufsalltag.
  • Nur bei wenigen Berufsgruppen werden solche Vorfälle systematisch erfasst.
  • Der DGB hat nun eine Initiative gestartet, die das Thema stärker ins öffentliche Bewusstsein holen soll.
Pauline Rabe
Laura Treffenfeld
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Berlin. Im Arbeitsalltag beleidigt, bespuckt oder getreten zu werden ist für sie Normalität: Mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst haben in den vergangenen zwei Jahren Beleidigungen und tätliche Angriffe erlebt. Das hat eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ergeben.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, hat der DGB nun die Initiative “Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch” gestartet und fordert darin, das Thema mehr ins öffentliche Bewusstsein zu tragen.

Für die DGB-Studie wurden insgesamt 2000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und des privaten Sektors – dazu gehören etwa Bahnangestellte – befragt. Viele gaben an, dass die Gewalt in den vergangenen zehn Jahren zugenommen habe. Als Ursache nennen sie mangelnden Respekt für Mitmenschen und Frust gegenüber dem Staat.

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Die Folgen für die Opfer von Übergriffen sind oft schwerwiegend. Neben Krankheitstagen benötigten laut der Umfrage 15 Prozent der Befragten eine stationäre oder psychotherapeutische Behandlung. Bei knapp 34 Prozent der Mitarbeiter entstand der Wunsch, die Arbeitsstelle zu wechseln.

“Dabei sorgen genau diese Menschen dafür, dass unser Alltag funktioniert – im Großen wie im Kleinen”, sagt Elka Hannack, stellvertretende Vorsitzende des DGB, am Mittwoch bei der Auftaktveranstaltung der Initiative in Berlin. Statt aber mehr Anerkennung für ihre Arbeit zu erhalten, würden sie immer häufiger mit Pöbeleien oder sogar Gewalt konfrontiert. “Sie sind der Prellbock für angestauten Ärger und Frustration.”

Plakate zeigen Betroffene

Teil der bundesweiten Initiative sind sieben emotionale Plakatmotive, die seit dem 18. Februar im ganzen Land hängen. Darauf zu sehen sind Betroffene in ihrer Arbeitskleidung – mit einem Spruch und einer Frage versehen.

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Auf dem Plakat der Krankenschwester Simone Witzel steht beispielsweise: „Ich versorge deine Wunden. Und du spuckst mich an?“ Große Hoffnung, dass die Kampagne tatsächlich etwas in der Gesellschaft bewirkt, hat die Berlinerin aber nicht.

Hier finden Sie die Studie im Original zum Download.

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Seit 36 Jahren arbeitet Witzel als Krankenschwester, 20 davon in Rettungsstellen. “Die Gewalt gegenüber uns Schwestern hat jedes Jahr zugenommen”, erzählt sie. Die Folge: Wo früher noch der Eingang frei zugänglich war, gibt es heute verschlossene Türen und einen Wachdienst rund um die Uhr. “Seit Kurzem haben wir sogar Notknöpfe, mit denen wir andere Kollegen dazurufen können.” Beleidigungen und körperliche Übergriffe, teilweise sogar mit Waffen, gehören mittlerweile zu ihrem Arbeitsalltag.

Wenig Unterstützung von Vorgesetzten

Laut DGB-Umfrage fühlen sich die Betroffenen häufig nicht von ihren Vorgesetzten unterstützt und bringen Beleidigungen deshalb nicht zur Anzeige. Jede zweite Dienststelle verfüge darüber hinaus nicht einmal über einen Notfallplan im Falle eines Übergriffs. Einige der bei der Auftaktveranstaltung anwesenden Polizisten schilderten, in ihrem Berufsfeld gelte das Credo, Beleidigungen gehörten zu ihrem Arbeitsalltag dazu und müssten hingenommen werden. Das will der DGB ändern.

Der Gewerkschaftsbund fordert eine systematische Erfassung aller Vorfälle in allen Bereichen des öffentlichen Sektors – bei Polizeibeamten und Rettungskräften wird dies bereits getan – sowie mehr Geld für Personal und Investitionen. Würde die Zufriedenheit der Bürger wieder steigen, könnten auch die Beleidigungen abnehmen.

Erste Sonderabteilung in Düsseldorf

Britta Zur, Polizeipräsidentin in Gelsenkirchen, war elf Jahre lang bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf tätig. Seit 2018 verfolgte sie dort im Dezernat 82 gezielt Übergriffe auf Personen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen. „Es war die erste Sonderabteilung dieser Art und wir hatten damals keinerlei Ahnung, worauf wir uns da eigentlich eingelassen haben“, berichtet Zur.

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Das Ausmaß sei durch fehlende Zahlen gar nicht absehbar gewesen. Zunächst habe daher nur sie in der Abteilung gearbeitet. Heute sind es drei Staatsanwälte und zwei Amtsanwälte. Der Grund: 1600 Verfahren im Jahr.

„Ich habe damals alles angeklagt, was nur möglich war“, erzählt Zur weiter. Damit wollte sie einerseits ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Menschen sich nicht alles erlauben können, andererseits den Betroffenen aber auch Unterstützung zusichern, die sie bis dato nicht bekommen haben. Häufig herrsche unter diesen noch die Einstellung, dass eine Anzeige sowieso zu nichts führe. „Niemand aber muss es sich gefallen lassen, sich beleidigen zu lassen.“

Laut Britta Zur kommt Fehlverhalten in allen Bevölkerungsschichten vor: „Das ist nicht nur der betrunkene junge Mann, der am Wochenende durch die Altstadt torkelt, der beleidigt. Das ist auch der Anwalt, dem es am Flughafen nicht schnell genug durch die Kontrolle geht, oder die Hausfrau, die sich bei einer Verkehrskontrolle einmal richtig Luft machen will.“

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