Steht Deutschland vor der zweiten Corona-Welle?

  • Mitten in der Urlaubszeit steigen in Deutschland die Corona-Infektionszahlen.
  • Bundesregierung , Robert-Koch-Institut und Ärztevertreter zeigen sich besorgt über eine mögliche zweite Welle.
  • Vor allem die schleichende Ausbreitung des Virus könnte eine Gefahr sein.
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Berlin. Helge Braun wirkt ruhig und gelassen, als er im siebten Stock des Kanzleramts vor die Kameras tritt. Seine Tonlage ist entspannt, der Blick freundlich. Dabei ist die Botschaft eine andere, eine, die ein bisschen Drama und Tremolo zuließe. “Es gibt schon Anlass zu Sorge”, sagt Braun.

Er hat gerade mit den Staatskanzlei-Vertretern der Bundesländer konferiert. Die Infektionszahlen sind angestiegen. Auch das Robert-Koch-Institut hat schon gewarnt.

Wenn der Kanzleramtsminister und Chef-Krisenmanager der Bundesregierung ausnahmsweise mal zu einer Pressekonferenz lädt, heißt das nichts anderes als: Vorsicht, hier kann etwas anbrennen. Braun versucht beides gleichzeitig: Warnen und keine Panik auslösen.

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Er wiederholt: Händewaschen, Abstand halten, Maske tragen, regelmäßig lüften. Auch bei Reisen und bei “Freizeitaktivitäten” solle man auf diese Vorsichtsmaßnahmen achten.

Sein Auftritt geht unter. Am selben Tag kündigt Gesundheitsminister Jens Spahn Corona-Tests für Reiserückkehrer an. Das ist konkreter, fassbarer, neuer.

Zehn Tage ist das her.

Steht Deutschland vor einer zweiten Corona-Welle? Werden Menschen zu Dutzenden an dem Virus sterben? Gehen dann auch die Beschränkungen wieder von vorne los – die leeren Straßen, die geschlossenen Geschäfte, Schulen, Kitas, Pflegeheime? Keine größeren Beerdigungen, keine Feste? Und was bedeutet das sonst?

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Eine düstere Ahnung

Um gut zehn Prozent ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal des Jahres eingebrochen. Wegen einer Fristverschiebung konnten Insolvenzanmeldungen verschoben werden. Die Regierung gibt so viel Geld auf einmal aus wie nie zuvor, um alles einigermaßen am Laufen zu halten oder zumindest das Ärgste abzufedern.

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Christian Drosten hatte schon Ende Juni eine Ahnung, was noch auf Deutschland zukommen könnte. “Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht”, sagte der Virologe der Berliner Charité da.

Seine Befürchtung: Die Pandemie werde sich wieder ausbreiten, und zwar zunächst praktisch unbemerkt. “In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten”, sagte Drosten.

In zwei Monaten – das wäre Ende August.

Aber schon jetzt befindet die Vorsitzende der Ärztevereinigung Marburger Bund Susanna Johna: “Wir befinden uns ja schon in einer zweiten, flachen Anstiegswelle.”

Ein Bild wie aus einem Alptraum

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt: “Wenn die Entwicklung nicht durch ein anderes Verhalten gestoppt wird, sind wir in acht Wochen wieder bei 5000 Fällen am Tag, es wäre die Arbeit von sechs Monaten verloren.” Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der immer zu den großen Warnern gehörte, findet, ebenfalls wie immer, besonders nachdrückliche Worte: “Corona kommt schleichend zurück, aber mit aller Macht.”

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Er beschwört ein Bild hervor wie aus einem Alptraum – von einer hinter der nächsten Hausecke lauernden Kohorte stacheliger Kugelmonster.

Das Problem mit der zweiten Welle ist allerdings zunächst einmal eines der Definition. Ein unkontrolliertes Ausbreiten des Virus wie zu Beginn der Pandemie, so lässt es sich verstehen. Aber passiert das gerade?

Ende März/Anfang April registrierten die Gesundheitsämter pro Tag weit über 6000 Neuinfektionen. Die Zahl sank dann im Juni auf wenige Hundert ab, seit Tagen steigt sie aber wieder an. Am vergangenen Samstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 955 Neuinfektionen – der höchste Wert seit Anfang Mai. Am Dienstag dieser Woche lag der Wert unverändert auf hohem Niveau bei 879.

Es ist aber nicht allein die absolute Höhe der Neuinfektionen, über die sich RKI besorgt zeigt. Es ist eine Entwicklung, die Drostens Befürchtung zu bestätigen scheint: Die Pandemie breitet sich im gesamten Bundesgebiet aus – ohne dass es sonderlich spürbar wäre.

Die Zahl der Landkreise, die über einen Zeitraum von sieben Tagen keinen einzigen COVID-19-Fall übermittelt haben, ist laut RKI in den letzten Wochen kontinuierlich zurückgegangen. 125 Kreise waren am 12. Juni ohne neue Fälle, nun sind es nur noch 78 Kreise.

Fleischfabrik und Gurkenhof

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Es sind nicht immer Infektexplosionen. Mal sind es nur 0,5 Fälle pro 100.000 Einwohner, mal zwei. Auf den Übersichtskarten des RKI sind diese Landkreise damit hellgrau eingefärbt. Das signalisiert: keine Gefahr.

Aber wenn sich diese Entwicklung kontinuierlich weiter fortsetzt, könnten schnell bundesweit kritische Marken erreicht werden. Bisher lag die Aufmerksamkeit auf einzelnen Hotspots: die Tönnies-Fleischfabriken in Gütersloh, ein Gurkenhof und dann auch eine Konservenfabrik im bayerischen Landkreis Dingolfing-Landau.

Aber auch jeder unerkannt Infizierte kann Ausgangspunkt für ein “Superspreader”-Ereignis sein – bei einem Besuch in der Kirche, bei Familienfesten oder einer Party. In Sachsen-Anhalt wurde dieser Tage ein Ferienlager aufgelöst, nachdem ein Kind positiv getestet worden war. Rund 90 Kinder und Erwachsene wurden nach Hause geschickt.

Das Kind, so stellte sich laut MDR heraus, war von einer Reise zurückgekehrt.

Die Souvenirs der Urlauber

Die Reiserückkehrer sind eine der Variablen, die die Entwicklung so unvorhersehbar machen.

Sie können sich im Ausland angesteckt haben und das Virus mitbringen, als unschönes Souvenir.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt dagegen auf verpflichtende Corona-Tests, zumindest nach Aufenthalt in einem Risikogebiet. Noch in dieser Woche will er dazu eine Verordnung auf den Weg bringen.

Reisende müssen dann entweder vor Abreise aus dem Aufenthaltsland oder nach Einreise nach Deutschland binnen 72 Stunden gegenüber ihrem Gesundheitsamt nachweisen, dass sie negativ getestet wurden oder sich positiv getestet in Quarantäne befinden.

Das dürfte sich positiv auf die Infektionszahlen auswirken.

Härtetest Schulanfang

Der eigentliche Härtetest steht aber erst noch aus: In einem Bundesland nach dem anderen startet die Schule wieder. Nach wie vor ist umstritten, wie stark Kinder und Jugendliche zur Ausbreitung des Virus beitragen. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach verweist auf eine neue Studie aus Chicago, die bestätige, dass Schulkinder wahrscheinlich doch so ansteckend seien wie Erwachsene.

Auch die These, wonach Kita-Kinder ungefährlich seien, lasse sich nicht mehr halten. Vielmehr sei bei ihnen die Viruslast sogar höher als bei Erwachsenen.

Lauterbachs Schreckensszenario: Über die Kitas verbreitet sich Corona auf Eltern und Geschwister.

Es klingt nach einem Drama.

Allerdings ist etwas anders als zu Beginn der Krise im März. Deutschland ist inzwischen weit besser aufgestellt als vor einem halben Jahr.

Was anders ist

Die Gesundheitsämter sind inzwischen geübt darin, Kontaktpersonen schnell nachzuverfolgen. Die Krankenhäuser haben Betten für die Behandlung von Corona-Patienten geräumt. Derzeit sind von rund 33.000 Intensivbetten etwa 12.200 Betten frei – immerhin eine Rate von 37 Prozent.

Zur Einordnung: Derzeit werden 270 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt, davon werden 130 beatmet. So schnell kann also das Gesundheitssystem nicht überlastet werden. Zugleich wird so viel getestet wie noch nie. Die Labore meldeten zuletzt den bisherigen Rekordwert von 528.441 Tests pro Woche.

Nach Angaben von Gesundheitsminister Spahn könnten pro Woche sogar 1,2 Millionen Tests geschafft werden.

Im Herbst soll dem Wirtschaftsministerium zufolge in Deutschland die Schutzmaskenproduktion angelaufen sein.

Das wird nötig sein: Ein Impfstoff gegen Corona wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.

Kanzleramtsminister Braun hofft vor allem auf Distanz, Händewaschen und Masken. Er hat eine neue Maßzahl ausgegeben. Unter 500 Neuinfektionen pro Tag müsse die Rate bundesweit wieder sinken, damit die erste nicht von einer zweiten Krise abgelöst werde.

Eine Kanzlerin im Urlaub

Im Kanzleramt ist es ruhiger als in anderen Jahren – aber das war schon vor dem Sommer so. Seit Beginn der Corona-Krise sind die Mitarbeiter dort in Teams eingeteilt, die wenig persönlichen Kontakt zueinander haben sollen. Wenn ein Team vom Virus lahmgelegt wird, so die Idee, steht noch eine gesunde Mannschaft bereit.

Derzeit hat die Kanzlerin eine Pause vom Kanzleramt. Angela Merkel hat Urlaub, wenn man das so nennen kann. Sie könne dann zumindest mal “etwas länger schlafen”, hat sie mal gesagt. Eigentlich aber sei sie immer im Dienst: “Wenn was ist, bin ich erreichbar.” Und eigentlich ist immer irgendwas.

Briefings bekommt Merkel im Urlaub weiterhin täglich. Sie telefoniert, vor ein paar Tagen erst mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Parlamentspräsident David Maria Sassoli.

Auch da ging es um Corona. Das Hunderte Milliarden Euro schwere Hilfspaket ist zwar bereits von den Staats- und Regierungschefs beschlossen worden. Aber das EU-Parlament muss noch zustimmen, und von dort hat es schon erhebliche Kritik gegeben. Es ist eine andere Art der Vorsorge – der Versuch, den erheblichen Wirtschaftseinbruch nicht zur Dauerkrise werden zu lassen.

In Berlin überwacht neben Braun ein ständiger Krisenstab von Beamten aus Bundesinnenministerium und Bundesgesundheitsministerium die Lage.

Für die Zeit nach der Sommerpause hat die Regierung eine Konferenz mit Gesundheitsvertretern und Oberbürgermeistern angekündigt. Ziel sei, “dass uns das nicht entgleitet”, so hat es die Kanzlerin formuliert.

Es ist die Frage, ob das Virus schneller ist als die Konferenzplanung. Schon jetzt klagen manche Gesundheitsämter über Überlastung. Es ist die Frage, ob weniger als 500 Neuinfektionen die richtige Marke ist – oder ob das Ziel nicht null sein soll, wie die Professorin für globale Gesundheitsversorgung, Devi Sridhar, die die schottische Regierung berät, im “Spiegel” empfahl.

Im siebten Stock im Kanzleramt, vor einem abstrakten Gemälde mit großen gelben Flecken, sagt Krisenmanager Braun, die Frage, ob Deutschland vor einer zweiten Corona-Welle stehe, könne man nicht solide beantworten. Aber klar sei: Wenn die Infektionszahlen weiter stiegen oder das Gesamtniveau dauerhaft hoch bleibe, “wird es uns im Herbst umso schwerer fallen, die Situation im Griff zu behalten”.

Braun macht jetzt erst mal Urlaub, nach einem halben Jahr Corona-Management. Die Kanzlerin ist ab nächster Woche wieder da und übernimmt. Braun wird erreichbar sein.

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