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  • Staatsterror in Myanmar: Social-Media-Beiträge helfen bei der Untersuchung von Verbrechen des Militärs

Myanmar: Staatsterror soll die Bevölkerung zermürben

  • Die Militärjunta in Myanmar setzt auf Staatsterror und greift damit auf alte Strategien zurück.
  • Die Zivilbevölkerung wird ermordet, die Leichen verscharrt, Beweise vertuscht.
  • Die Nachrichtenagentur AP und das Human Rights Center Investigations Lab an der Universität von Kalifornien untersuchen die Fälle, als Quelle nutzen sie Social-Media-Beiträge.
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New York. Um die Bevölkerung einzuschüchtern greift die Militärjunta in Myanmar auf alte Strategien zurück: Ermordete Zivilisten werden verscharrt, Beweise vertuscht. Im Internet und den sozialen Medien enthüllen Augenzeugen solche Verbrechen.

Zwei schwarze Pick-up-Trucks rasen eine leere Straße in Myanmar entlang. Plötzlich stoppen sie und Sicherheitskräfte schießen von der Ladefläche auf ein heranfahrendes Motorrad, auf dem drei junge Männer sitzen. Das Motorrad stürzt zu Boden, weitere Schüsse fallen. Zwei der Männer flüchten, während der dritte, Kyaw Min Latt, liegen bleibt. Die Beamten greifen sich den verletzten 17-Jährigen und werfen seinen kraftlosen Körper auf den Truck, bevor sie davonfahren.

Der Vorfall hat nur gut eine Minute gedauert und ist von Sicherheitskameras aufgezeichnet worden. Die Bilder verbreiteten sich wie so viele andere Fotos und Videos in den sozialen Medien und helfen dabei, die Brutalität der Militärjunta zu entlarven, die am 1. Februar in dem südostasiatischen Land die Macht an sich riss.

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Menschenrechtsverstöße werden analysiert

Die Nachrichtenagentur AP und das Human Rights Center Investigations Lab an der Universität von Kalifornien, eine Forschungseinrichtung zur Untersuchung von Menschenrechtsverstößen, analysierten gemeinsam, wie Polizei und Militär Gewalt erbarmungslos als Instrument des Terrors einsetzen. Dazu sichteten sie mehr als 2000 Tweets und Online-Bilder, sprachen mit Angehörigen und Augenzeugen und prüften Berichte örtlicher Medien.

Die AP und HCR Lab identifizierten mehr als 130 Fälle, in denen die Sicherheitskräfte Leichen und die Körper von Verwundeten benutzten, um in der Zivilbevölkerung Angst und Unsicherheit zu schüren. Mehr als zwei Drittel der Fälle wurden als glaubwürdig oder bestätigt eingestuft.

Die Unterstützerorganisation Politischer Gefangener AAPP, die von früheren politischen Häftlingen in Myanmar gegründet wurde, erklärt, seit dem Militärputsch Anfang Februar seien mehr als 825 Menschen getötet worden – das sind mehr als doppelt so viele, wie die Regierung offiziell angibt.

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Mitarbeiter von HRC Lab sichteten stundenlang Videos, die über einen Zeitraum von zwei Monaten im Internet gepostet wurden. Sie zeigen, wie Leichen von den Straßen geholt und wie Säcke über den Boden geschleift wurden, wie sie in Fahrzeug geworfen und an unbekannte Ziele gebracht wurden. Augenzeugen sagten der AP, Menschen seien verschwunden oder festgenommen worden und am nächsten Tag tot gewesen. Die Leichen hätten Spuren von Folter gezeigt.

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In einigen Totenscheinen wurden nach Angaben von Angehörigen Herzinfarkte oder Stürze als Todesursache angegeben. Dem hätten jedoch Augenzeugenberichte und Aufnahmen von Demonstranten, Journalisten oder Passanten entgegengestanden, die teils heimlich mit Mobiltelefonen filmten und fotografierten.

Menschen sollen zermürbt werden

Auch wenn die gewaltsamen Zwischenfälle willkürlich erschienen, wie Schüsse auf spielende Kinder, so seien sie doch geplant und dienten dem Ziel, die Menschen zu zermürben, erklärt der Myanmar-Experte Nick Cheesman von der Nationalen Universität von Australien. „Das ist genau die Kennzeichnung von Staatsterrorismus“, sagt er.

Das Militär bemüht sich, die Todeszahlen niedrig erscheinen zu lassen und Beweise zu vertuschen, wie andere Experten hinzufügen. Im Gegensatz zur Vergangenheit werden die Taten aber nun von Smartphones und Überwachungskameras aufgezeichnet und könnten eines Tages vor Gericht gegen die Angehörigen der Junta verwendet werden.

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„Es war immer die Strategie des Militärs, die Massenverfolgung zu verstecken, die Massenermordung von Demonstranten“, sagt Van Tran, Forscher an der Cornell University, der die Aufstände in Myanmar von 1988 und 2007 untersuchte. „Es gibt immer großangelegte Operationen, um die Leichen der Erschossenen einzuäschern oder zu verscharren.“ Viele Familien erführen niemals, was aus ihren Kindern geworden sei.

Demonstrationen am 27. März

Die meisten Vorfälle dieser Art wurden zuletzt am 27. März beobachtet. An diesem Tag feiert das Land eigentlich den Tag der Streitkräfte und erinnert an den Widerstand gegen die japanische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs nach mehr als einem Jahrhundert britischer Kolonialherrschaft. In diesem Jahr riefen Demonstranten jedoch den Widerstandstag gegen Faschisten aus und strömten in großer Zahl auf die Straßen, um gegen den Militärputsch zu protestieren.

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Video
Myanmar: Fünf Demonstranten bei Protesten getötet
0:47 min
In Myanmar sind bei Protesten gegen die Militärregierung Medienberichten zufolge mindestens fünf Demonstranten getötet worden.  © Reuters

An diesem Tag wurde Kyaw Min Latt auf dem Motorrad erschossen. Seine Familie sagte der AP, der junge Tischler sei nicht von einer Demonstration gekommen, sondern nach der Arbeit auf dem Nachhauseweg gewesen, um sich mit Freunden zum Essen zu treffen.

Die Schüsse fielen nach einer Analyse von Satellitenaufnahmen und des Schattenwurfs um 10.38 Uhr vor einer Schule in der Ortschaft Dawei. Zwei Schüsse sind zu hören und Kyaw Min Latt, der zwischen dem Fahrer und dem anderen Passagier sitzt, greift sich an den Kopf und stürzt zur Seite. Sicherheitskräfte verfolgen die beiden anderen Männern mit gezogenen Waffen. Ein weiterer Knall ist zu hören.

16 Minuten später veröffentlicht ein Passant bei Facebook ein Foto von Blut auf dem Boden und Schuhen in der Nähe des weißen Motorrads. Innerhalb von zwei Stunden kursierten Videoaufnahmen in den sozialen Medien. So erreichte den Vater des Jugendlichen die Nachricht. Am Nachmittag sei der Junge im Militärkrankenhaus noch am Leben gewesen, sagt er der AP. „Er war schwer verletzt“, erklärt Soe Soe Latt. „Er hat die Augen geöffnet, als wir in der Klinik waren, aber er konnte nicht sprechen.“ Kurze Zeit später starb der Sohn.

Eine vom Krankenhaus geforderte Autopsie lehnte die Familie ab. Sie erklärt, die Klinik habe die Leiche nur unter der Bedingung freigegeben, dass die Angehörigen schriftlich bestätigten, dass der Jugendliche an Kopfverletzungen nach einem Sturz vom Motorrad gestorben sei. Ein Foto, das das Nachrichtenportal Dawei Watch online veröffentlichte, erzählt eine andere Geschichte: Im Hals des Jugendlichen klafft eine Wunde.

RND/AP

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