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Sprachexperte: Wenn die politische Kommunikation verflacht, profitieren Populisten

  • “Vollstes Vertrauen”, “Zukunft gestalten”, “partnerschaftlicher Dialog” – die politische Sprache ist voller Wiedergänger.
  • Oliver Georgi nimmt die Phrasenmaschine auseinander und kommt zu dem Ergebnis: Wer keine klaren Worte spricht, macht auch keine klare Politik.
  • Doch wo Klartext fehlt, herrscht meistens nur Empörung. Und davon profitieren Populisten wie die AfD.
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Hannover. Am Abend nach der Thüringen-Wahl war es, als hätte es der deutschen Politik die Sprache verschlagen. Als würde jedes deutliche Wort die Sache nur noch schlimmer machen. So fiel beispielsweise FDP-Chef Christian Lindner wenige Stunden, nachdem sich Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten hatte wählen lassen, nichts Besseres ein, als das Versagen seines Parteikollegen kleinzureden. Kemmerich sei offenbar von der Situation “übermannt” worden, erklärte Lindner im “heute-journal”. Auch die Noch-Vorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, stellte lieber vorsichtige Überlegungen über Neuwahlen an, als die aus dem Ruder gelaufene Landespartei zur Räson zu rufen.

Wer sich in diesem Moment Klartext gewünscht hatte, wurde bitter enttäuscht.

Sprachexperte und Publizist: Oliver Georgi.
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Für Oliver Georgi, “FAZ”-Journalist und Autor des Buches “Und täglich grüßt das Phrasenschwein. Warum Politiker keinen Klartext reden – und wieso das auch an uns liegt”, zeigen die Reaktionen auf Kemmerichs Wahl, “wie fatal die Wirkung einer unzulänglichen politischen Kommunikation sein kann. Erst eine Woche später fand Lindner auf die massive Kritik hin zu einer klareren Sprache.” Der Satz “Erfurt war ein Fehler!”, den sich viele schon direkt nach Kemmerichs Wahl gewünscht hätten, sei zu spät gekommen.

Die politische Sprache verflacht

Als Journalist für die “FAZ” beobachtet Georgi seit Jahren die deutsche Politik, und er stellt fest: “Die politische Sprache ist über die Jahre immer formelhafter und flacher geworden.” Es wird über Vertrauen geredet, wo schon lange keines mehr ist. Der “partnerschaftliche Dialog” wird angestrebt, wo es keine Partner gibt. Und wenn es mal wieder darum geht, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, heißt das noch lange nicht, dass jemand versucht, die Ursache zu beseitigen.

Dabei ist Sprache nicht nur ein Instrument der Politik. Nein, Sprache macht Politik überhaupt erst möglich. Wer aber auf der politischen Bühne nur noch Phrasen drischt, der sagt nichts. Die Folge: “Die Politik bewegt sich mehr und mehr im Vagen, und die Angriffsfläche für Populisten wächst”, so die düstere Prognose des Sprachexperten.

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Zukunft ist oft nicht mehr als eine Phrase

Besonders gern wird zum Beispiel die Zukunft gestaltet. Wer diese Formulierung ständig wiederhole, erwecke den Eindruck, als nehme er “sein Schicksal nicht bloß wie ein willfähriges Schaf an, sondern packt es selbst beim Schlafittchen und formt die Zukunft nach Belieben wie Knetmasse”, sagt Georgi. Wenn man zum Beispiel “Heiko Maas” und “Zukunft gestalten” zusammen googelt, spuckt die Suchmaschine stolze 14.800 Treffer aus. “Die Zukunftsphrase”, schreibt Oliver Georgi, “ist für Politiker so nützlich, weil sie alles und nichts bedeuten kann.”

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Ähnlich gern wird Vertrauen geschaffen oder hergestellt. Besonders gefährlich für jene, bei denen es gerade nicht so rund läuft, wird’s, wenn man ihnen “vollstes Vertrauen” ausspricht. Die merkelsche Phrase vom “vollsten Vertrauen” ist mittlerweile so berühmt wie berüchtigt, dass der Blogger und Digitalexperte Sascha Lobo ein Vertrau-O-Meter entwickelt hat, das zählt, wie viele Tage sich welcher Politiker noch halten konnte, nachdem er von der Bundeskanzlerin vertrauensvoll angezählt wurde. Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung hielt sich vier Tage. Hartnäckiger gebar sich Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Merkel gleich dreimal das “vollste Vertrauen” aussprechen musste, bis er seinen Rücktritt erklärte.

Totschlagargumente verstärken die Politikverdrossenheit

Warum aber spricht die Kanzlerin überhaupt von Vertrauen, wenn sie das Gegenteil meint? “Die Antwort auf diese Fragen ist simpel: Weil man sich in der Politik tunlichst erst dann abwendet, wenn jemand wirklich nicht mehr zu retten ist”, sagt Georgi. Schließlich wisse man nie genau, ob man es am Ende nicht doch noch miteinander aushalten müsse.

An der Kanzlerin lässt der Sprachbeobachter kaum ein gutes Haar. Am folgenreichsten sei der Begriff “alternativlos” gewesen, den Angela Merkel 2008 im Zuge der Bankenkrise in ihr Vokabular aufnahm. Angela Merkel trat damals vor die Presse und erklärte, sie halte die staatliche Kontrolle über Banken wie die Hypo Real Estate für “alternativlos”. Punkt. Keine weitere Diskussion. Ähnlich 2010, als es darum ging, Finanzhilfen für das in die Krise geratene Griechenland lockerzumachen. Wieder war die Sache laut Merkel “alternativlos”.

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“Ein Totschlagargument”, kritisiert Georgi. Das sah die Deutsche Gesellschaft für Sprache ähnlich, die wenige Wochen später “alternativlos” zum Unwort des Jahres 2010 kürte. Die Begründung lautete: “Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken.”

Empörung ist Sache der Populisten

Aber warum spricht kaum noch jemand Klartext? “Es ist die Furcht vor dem Fehler und den darauf folgenden Empörungswellen”, sagt Georgi. Als beispielsweise der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert im Interview mit der “Zeit” auf die Frage, wie er sich Sozialismus vorstelle, antwortete, ihm sei nicht wichtig, ob auf dem Klingelschild von BMW “staatlicher Automobilbetrieb” stehe oder “genossenschaftlicher Automobilbetrieb”, kochten die Reaktionen über. “Kühnert fordert Verstaatlichung von BMW” lauteten die Schlagzeilen. “Aber wer, wenn nicht ein Jungsozialist, darf so etwas noch sagen?”, kritisiert Georgi die Aufregung. “Wir müssen lernen, mehr auszuhalten.” Denn Empörung bereite den Boden für Populisten.

Womit man wieder beim Thema Thüringen wäre.

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