Sprache in Wahlkampfzeiten: manchmal einfach nur Mist

  • Politik ist zu großen Teilen Kommunikation, erst recht in Wahlkampfzeiten.
  • Dabei dient Sprache als Instrument der Verständigung – sollte man meinen.
  • Denn nicht selten ist auch das Gegenteil der Fall.
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Liebe Leserin, lieber Leser,

kürzlich fragte mich eine Freundin, was eigentlich das Wort Narrativ bedeute. Ich musste mich kurz besinnen. Dann sagte ich so etwas wie: „Die immer wiederkehrende Erzählung eines Sachverhalts, die mit einer bestimmten Interpretation dieses Sachverhalts einhergeht.“ Das klingt kompliziert, trifft die Sache aber vielleicht.

Da wäre zum Beispiel das Narrativ vom dominierenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland, mit dem eingeschliffene Deutungen längst untrennbar verbunden sind: die Wirkung der SED-Diktatur etwa oder die mangelnde Erfahrung des Zusammenlebens mit Migranten – sei es nun zu Recht oder zu Unrecht. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), nannte diesen Zusammenhang: „diktatursozialisiert“.

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Tatsächlich verbarg sich hinter der Frage der Freundin nach der Bedeutung des Wortes Narrativ eine Kritik – die Kritik an Wörtern, die schwer verständlich sind und bisweilen leicht durch andere Wörter ersetzbar wären. Hier sind wir, wie man früher gesagt hätte, bei des Pudels Kern.

Politik ist ja zu großen Teilen Kommunikation, in Wahlkampfzeiten zu fast 100 Prozent. Kommunikation wiederum besteht überwiegend aus Sprache. Sprache ist ihrerseits Kommunikations­mittel. Sie soll dazu dienen, einander verständlich zu machen – eigentlich. Denn sie ist auch soziales Distinktions­mittel: ein Instrument zur Unterscheidung.

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ARD-Deutschlandtrend: Union in Umfragen wieder vor Grünen
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Die Union hat einer neuen Umfrage zufolge die Spitzenposition von den Grünen zurückerobert. Im neuen ARD-Deutschlandtrend gewinnt die Union einige Punkte.  © dpa

Der Sprechende markiert absichtlich oder unabsichtlich, welchem sozialen Milieu er angehört oder angehören will. Dort will er verstanden werden, in den anderen Milieus im Zweifel nicht. In akademischen Kreisen sagt man deshalb nicht „gemein“ – auch weil das „Du bist gemein!“ zu sehr nach Kindergarten klingt. Man sagt „perfide“. Das mit der Distinktion wird langsam zum Problem.

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Vor allem Linksliberale beklagen ja gern die Spaltung der Gesellschaft. Sie tragen sprachlich gesehen aber oft tüchtig zu dieser Spaltung bei. Wenn sie vielfältig sagen wollen, sagen sie „divers“. Wenn sie fremdenfeindlich sagen wollen, sagen sie „xenophob“. Wenn sie frauenfeindlich sagen wollen, sagen sie „misogyn“. Und wenn sie verletzlich sagen wollen, sagen sie „vulnerabel“. Wer so spricht, der will unter sich bleiben. So werden Wörter zu Codewörtern.

In die alle weltanschaulichen Lager umfassende politische Klasse haben sich parteiübergreifend weitere Codewörter eingeschlichen. Das Wort „Spin“ gehört dazu; gemeint ist die gezielte Verbreitung einer Information mit einer bestimmten Interpretation. Die Vokabel „Game-Changer“ ist ebenfalls beliebt. Hier handelt es sich um ein Ereignis, das eine Wende bringt – so wie die Entwicklung eines Impfstoffs in der Corona-Pandemie.

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Zur Insidersprache des Regierungs­viertels zählt auch die Formulierung „ein Thema spielen“. Das Thema selbst ist total wurscht, es geht darum, es in einer bestimmten Phase einer politischen Auseinander­setzung zu einem bestimmten Zweck einzusetzen – wie beim Spiel. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

So ist das Wort „Framing“ stark im Kommen. „Framing“ kommt von Rahmen und bedeutet laut Wikipedia, „dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft – bei gleichem Inhalt – das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen“. Dabei gilt die Faustformel: Das eigene Framing ist richtig, das der anderen falsch. Es ist ein Kampfbegriff.

Zwischen all diesen verletzlichen Erzählungen – sorry, vulnerablen Narrativen – kommt das Ziel der Verständigung zunehmend unter die Räder. Ziel wird die soziale Unterscheidung – die Distinktion.

Eine Ausnahme machte da zuletzt Annalena Baerbock. Ihre fehlenden oder teilweise mangelhaften Angaben zu Gehalt und Lebenslauf nannte die Grünen-Kanzlerkandidatin schlicht und ergreifend „Mist“. Da wusste gleich jeder, was gemeint ist.

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Wahlkampfsprech – Deutsch: Was Politiker wirklich sagen

Das entscheidet die Partei.

Thomas Kemmerich, Thüringens alter und neuer FDP-Landes­vorsitzender, zu der Frage, ob er noch einmal Spitzen­kandidat bei der Landtagswahl wird

Im Februar 2020 wurde Thüringens FDP-Landes­vorsitzender Thomas Kemmerich schlagartig und zumindest für einige Wochen berühmt. Der in Aachen groß gewordene Unternehmer ließ sich mit Stimmen aus CDU und AfD zum Regierungschef in Erfurt wählen – und löste damit republikweit einen Schock aus. Bald ging auch der FDP-Bundes­vorsitzende Christian Lindner auf Distanz. Kemmerich gab klein bei, weniger aus Einsicht als aus Notwendigkeit.

Nun soll es in Thüringen am 26. September Neuwahlen geben. Und Kemmerich, der am Wochenende erneut zum Landes­vorsitzenden auserkoren wurde, sagte mit Blick auf die Frage, ob er abermals Spitzenkandidat werde: „Das entscheidet die Partei. Ich muss aber nicht notwendigerweise die Nummer eins sein.“ Übersetzt heißt das: Ich würde gern. Aber ich kann nicht. Oder besser: Ich darf nicht.

FDP-Landes­vorsitzender Thomas Kemmerich bekommt einen Blumenstrauß beim Landesparteitag der Thüringer FDP. © Quelle: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dp

Thüringens Liberale würden den 56-Jährigen schon lassen. Doch der Rest der Partei nicht. Das würde nämlich leicht den Eindruck erwecken, als sei die FDP nach rechts außen insgesamt nicht ganz dicht. Kemmerich wird sich also wohl bescheiden müssen. Einmal berühmt reicht ja auch.

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Wie das Ausland auf die Wahl schaut

Zum Parteitag der Grünen schreibt die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ aus Mailand:

„Es sollte eine Krönungs­zeremonie sein. Es sollte eine Feier sein, auf der Annalena Baerbock als Königin der Grünen und erste offizielle Kanzler­kandidatin in der Geschichte der deutschen Umweltpartei eingeweiht wird. Es sollte der Startschuss der Wahlkampf­kampagne sein, mit dem die Grünen erstmals seit über vierzig Jahren glaubwürdig die Macht des Landes anstreben.

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Annalena Baerbock mit großer Mehrheit als Grünen-Kanzler­kandidatin bestätigt
0:59 min
Auf dem Parteitag der Grünen in Berlin haben die Delegierten Annalena Baerbock zur Kanzler­kandidatin gewählt.

Das war es, aber nur teilweise. Vielmehr versuchte der Kongress, der heute in Berlin endet, den Schaden eines katastrophalen Auftakts in dem Rennen um die Stimmen am 26. September zu begrenzen, indem der Ökozug wieder auf seine Gleise gesetzt wurde. Ein Debüt geprägt von unglaublichen Fehlern, fast alle selbst verschuldet von Baerbock sowie vom ewigen Ruf der Wildnis, der den fundamen­talistischen Flügel der Partei dazu bringen will, radikale Forderungen aufzustellen, deren Hauptwirkung darin besteht, die Wähler der Mitte zu erschrecken, auf die der neue Kurs der Partei abzielt.“

Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kommentiert die polnische Zeitung „Rzeczpospolita“:

„Das politische Establishment in Deutschland atmete am Sonntagabend erleichtert auf, als die ersten Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vorlagen. Angela Merkels CDU hatte nicht nur mit einem hervorragenden Ergebnis gewonnen, sondern lag auch entschieden vor der rechtspopulistischen AfD. Die deutschen Medien befanden einstimmig, dass die Chancen von CDU/CSU und Kanzlerkandidat Armin Laschet gestiegen seien, nach Merkels Abgang aus der Politik weiterregieren zu können. Unter der Bedingung, dass es CDU und CSU auf Bundesebene schaffen, die Grünen zu besiegen.

Die Grünen haben derzeit einen Rückhalt wie noch nie in ihrer Geschichte. In Umfragen lagen sie schon 2 oder 3 Prozentpunkte vor CDU/CSU. So ein Wahlergebnis im September würde bedeuten, dass nicht Laschet, sondern Grünen-Kanzler­kandidatin Annalena Baerbock die Koalitions­regierung führen würde. Derzeit erscheint so ein Szenario wieder weniger realistisch. Dafür nimmt eine künftige Koalition Gestalt an, in der die Grünen Juniorpartner der Union wären. Der CDU/CSU würde es auch helfen, wenn die deutsche National­mannschaft die EM gewinnen würde. Fußball-Erfolge haben sich für die Partei von Helmut Kohl und Angela Merkel immer günstig ausgewirkt.“

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Das „Hauptstadt-Radar“ zum Hören

Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Donnerstag wieder. Dann berichtet meine Kollegin Eva Quadbeck.

Bis dahin!

Ihr

Markus Decker

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