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Dicht statt dicht: So lief die erste Nacht mit Sperrstunde in der Party­hauptstadt

  • Wegen der stark steigenden Corona-Infektionszahlen in den Metropolen geht es nun dem Nachtleben an den Kragen.
  • Selbst in Berlin, wo der Rausch Grundrechts­status hat, greift seit diesem Wochenende eine Sperrstunde.
  • Dagegen regt sich bereits Widerstand.
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Berlin. Mit Bier, Kurzem und selbst gedrehten Kippen hat es sich ein Pärchen auf der Bierbank vor Abdullah Baybogans Laden auf der Schlesischen Straße in Berlin-Kreuzberg gerade erst gemütlich gemacht. Langsam fährt ein Kleintransporter der Bundespolizei die regennasse Straße entlang. Baybogan wird unruhig. “Sperrstunde, ihr müsst jetzt wirklich gehen! Sonst kostet mich das 5000 Euro!”

Solche Sätze waren in Berlin bisher undenkbar. Das Recht auf Rausch zu jeder Tages- und Nachtzeit gehört zu den Grundfesten des hauptstädtischen Lebensgefühls. Und selbst als im Frühjahr Restaurants und Kneipen mehrere Wochen lang schließen mussten, hatten die kleinen Spätkauf-Läden, wie Baybogan einen betreibt, weiter geöffnet.

Viele stellten Tische und Bänke vor die Tür, wurden die neuen Hotspots des Berliner Sommers. Der ist dem regnerischen Herbst gewichen. “Die Zeit der Geselligkeit ist vorbei”, erklärte Gesundheits­senatorin Dilek Kalayci zu Wochenanfang.

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Berliner Clubszene plädiert für Schnelltests statt Verbote
2:18 min
Die Berliner Clubcommission und ihr Pressesprecher Lutz Leichsenring arbeiten an Konzepten für die Zukunft.  © Reuters

Deutschlands Metropolen sind zu Corona-Risikogebieten geworden, nach Berlin und Frankfurt am Main hat auch Köln die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten. Das Ansteckungs­geschehen ist diffus geworden, die Nach­verfolgung wird immer schwieriger. Um einen erneuten Lockdown am Tag zu vermeiden, bremst Berlin jetzt das Leben in den Nächten aus. Die Nacht zu Samstag war die erste mit Sperrstunde.

Das Pärchen vor Baybogans Spätkauf packt Tabak und Flaschen ein, da zieht der Ladenbesitzer ihnen auch schon die Bank fast unterm Hintern weg. Bloß keinen Ärger mit der Polizei einhandeln. Baybogan ist wütend: “Die Geschäfte laufen sowieso schon das ganze Jahr schlecht, seit die Touristen fehlen. Und tagsüber verdienen wir fast nichts. Ich brauche die Nächte, um zu überleben.”

Und er könne nicht einmal nach Hause gehen, sagt der glatzköpfige Mann mit den müden Augen: “Ich muss im Laden bleiben wie ein Wachhund.” Er habe keine Versicherung für den Laden, sagt er – wozu auch, sie hatten ja bisher immer auf.

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Sperrstunde in Berlin: Abdullah Baybogan schließt seinen Spätkauf an der Schlesischen Straße. © Quelle: Jan Sternberg

Zwei Ecken weiter beugt sich ein Dutzend Polizisten über die gerade erlassene Verordnung des Senats. Um sie herum sind noch mehrere Kneipen und Läden geöffnet. Sie schwärmen aus, setzen Masken auf, betreten die Läden. “Ernsthaft jetzt?”, fragt ein Bier trinkendes Mädchen ziemlich laut – der Blick des Polizisten über seiner Maske lässt sie verstummen.

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Drüben auf den Kneipenstraßen Neuköllns ist eine Stunde nach Anbruch der neuen, alkohollosen Nacht von Polizei nichts zu sehen. Die Bars haben fast alle geschlossen, in den Spätis brennt fast überall noch Licht.

An jeder Ecke stehen Menschen mit Bierflaschen in der Hand herum, einige singen, andere diskutieren. Alle sind ratlos, fragen auf Deutsch, Englisch, Spanisch: “Wo kann man jetzt noch hin?” Ein Rollladen rasselt herunter. Berlin fühlt sich unnatürlich still an.

Zwei Stunden vorher, also eine Stunde vor der Sperrstunde, sitzt Frank Baumeister vor seiner Kiezkneipe Zur Linde in Charlottenburg und ist wütend. “Ich habe bisher alle Maßnahmen des Senats verstanden – diese verstehe ich nicht mehr”, sagt der Wirt.

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Er hat sich in den vergangenen Monaten an alle Regeln gehalten, hat Tische gesperrt, um den Abstand herzustellen, hat den Kontakt­verfolgungs­zettel überreicht, sobald der Gast durch die Tür kam, und hat ungezählte Male an die Maskenpflicht erinnert. Gerade kommt wieder eine junge Frau an die Theke – ohne Maske. “Du hast ein wunderschönes Gesicht, aber bitte zieh dir was über Mund und Nase”, sagt Baumeister charmant.

Viele Gäste kämen inzwischen, weil sie sich bei ihm sicher fühlten, sagt er. Andere blieben weg, weil er so korrekt sei. Aber die Linde ein Hotspot? Kein einziges Mal hat das Gesundheits­amt seine Listen angefordert.

Die nachvollziehbaren Spreader-Events waren private Veranstaltungen, große Hochzeiten – und, was man naturgemäß nicht so genau wissen kann, die illegalen Partys in den Parks.

Mehrere Gastronomen klagen bereits vor dem Verwaltungs­gericht gegen die Sperrstunde. Und Thomas Lengfelder, Berliner Chef des Deutschen Hotel- und Gast­stätten­verbands (Dehoga), fordert seit Wochen stärkere Kontrollen. “Betriebe, die sich vorsätzlich nicht an die Regeln halten, sollten nach einer ‘Abmahnung’ konsequent geschlossen werden”, sagt er.

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“Eine Sperrstunde für alle Betriebe, also auch für die, die sich vorbildlich verhalten, halten wir für nicht gut und auch nicht gerecht, schon gar nicht zielführend. Die Treffen werden dann in den privaten Wohnraum verlagert.”

Sein Appell verhallte ungehört.

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