SPD-Casting: Ein bisschen wie „DSDS“

  • In Saarbrücken stellen sich acht Kandidatenduos und ein Einzelbewerberber für den SPD-Vorsitz der Basis.
  • Beim Thema große Koalition werden Unterschiede deutlich.
  • Simone Lange sorgt für eine Überraschung und zieht ihre Kandidatur zurück.
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Saarbrücken. Als Olaf Scholz – Vize-Kanzler bekanntester und Bewerber um den Parteivorsitz – auf der Bühne steht, erklärt er erst einmal, warum er seit seinem 17. Lebensjahr Sozialdemokrat sei. „Wir müssen darauf bestehen, dass alle gleich viel wert sind“, sagt der Finanzminister. Scholz, der gemeinsam mit der Brandenburgerin Klara Geywitz die Partei führen will, erzählt, wie er sich im Café immer über diejenigen geärgert habe, die auf den Kellner und das Küchenpersonal herabgeblickt hätten. Der Mann aus Hamburg erhält für seinen Auftritt ordentlichen Applaus, aber keinen frenetischen.

Die Sozialdemokraten suchen nach dem Rücktritt von Andrea Nahles eine neue Parteispitze. Die Bewerber – acht Kandidatenduos und ein Einzelbewerber – stellen sich auf 23 Regionalkonferenzen vor. Am Mittwochabend sind rund 500 Menschen nach Saarbrücken gekommen, um zu hören, was die Kandidaten ihnen zu sagen haben.

Duo verzichtet, um „Energie übergehen " zu lassen

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Der Vergleich zu Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ liegt nahe. Und so, wie aus denen, die bei der RTL-Show gewinnen, längst keine Superstars mehr werden, ist auch der SPD-Vorsitz in Zeiten des Dauerumfragetiefs kein Traumjob mehr. Auf der Bühne stehen die, die sich eine Kandidatur getraut haben. Doch werden wirklich alle bis zum Ende des Prozesses an ihren Ambitionen festhalten?

Die Antwort lautet: Nein. Der einzige Einzelbewerber Karl-Heinz Brunner, Bundestagsabgeordneter aus Bayern, hält zwar bislang weiter wacker an seiner Bewerbung fest. Doch den ersten Paukenschlag gibt es bereits nach einer halben Stunde. Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange verkündet, dass sie und ihr Co-Kandidat, der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens, zugunsten des Duos aus Norbert Walter-Borjans und der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken ihre Kandidatur zurückziehen. Sie wollten ihre „Energie übergehen lassen“ auf das andere Team, sagt Lange. Dafür gibt es Applaus, denn Walter-Borjans – der im früheren Job als NRW-Finanzminister für den Staat Steuer-CDs gekauft hat – kommt gut an bei der Basis im Saal.

Dann geht es einmal mehr um ein Thema, mit dem sich die SPD schon lange quält: die Große Koalition. „Wir sollten aus meiner Sicht an Glaubwürdigkeit nicht weiter verlieren, indem wir in der Großen Koalition bleiben“, ruft SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach in den Saal. Viele klatschen. Das tun sie aber auch, als der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius sagt: „Warum setzen wir den Mindestlohn in der großen Koalition durch und schaffen es dann nicht, dass die Leute uns dafür loben?“ Das habe auch damit zu tun, wie die Partei mit der eigenen Arbeit umgehe.

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Weitere Themen: Was ist eine gerechte Vermögensverteilung im Land? Wie soll die Steuerpolitik der kommenden Jahre aussehen? Was bedeutet Digitalisierung für die Arbeitswelt – und wie müssen die Sozialdemokraten damit umgehen? Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, wirbt an der Seite der früheren NRW-Familienministerin Christina Kampmann dafür, dass den Frauen im Land mehr Gerechtigkeit geschehen müsse. Das alles und viel mehr aber immer nur in Kürze – damit alle ausreichend und gleichmäßig zu Wort kommen.

Eine Frage an „den Olaf“

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Auch die Parteibasis darf Fragen stellen. Einer greift „den Olaf“ hart und aggressiv an und fragt, wie man denn von einem wie ihm Glaubwürdigkeit erwarten könne, wo er doch die SPD da unten hingebracht habe. Der Vize-Kanzler bedankt sich artig für die Frage. „Es gehört ein bisschen zu meiner Geschichte dazu, dass ich mich nicht gemeint fühle“, antwortet Scholz. Er verweist unter anderem darauf, er habe als Hamburger Bürgermeister viel für den sozialen Wohnungsbau getan, als andere das Wort noch nicht mal hätten buchstabieren können. „Ich bin der Meinung, dass ich ein echter truly Sozialdemokrat bin“, sagt er.

Welche Erkenntnisse bringt der Abend neben der inhaltlichen Diskussion? Zum Beispiel die, dass der Auftritt im Duo – inklusive geteilter Redezeit – gelernt sein will. Während Walter-Borjans und Esken sich gegenseitig vorstellen, spricht Lauterbach bei seiner eigenen Vorstellung etwas zu lang. „Ich muss mich jetzt ein bisschen kürzer fassen“, sagt seine Duo-Partnerin Nina Scheer. Später lässt Lauterbach ihr das Schlusswort. Petra Köpping, Co-Kandidatin von Pistorius, unterbricht sich irgendwann selbst und sagt: „Ich will ja meinem Boris nicht die Zeit wegnehmen.“

Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, die gemeinsam mit Parteivize Ralf Stegner antritt, sagt, es sei ja oft von Kandidatentandems die Rede. Sie halte aber nichts davon, dass wie auf einem Tandem er vorn lenke und sie hinten trampele. „Wir lenken beide vorn und trampeln beide hinten.“

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SPD auf Chefsuche: Das sind die Kandidaten
1:49 min
Die SPD hat ihre acht Kandidatenduos und einen Einzelkandidaten für das Rennen um den Parteivorsitz vorgestellt, auf der ersten von 23 Konferenzen.  © AFP