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Spahn für Impfstoffkooperation in Afrika: „Wir sind erst sicher, wenn alle sicher sind“

  • Auf Wunsch der Kanzlerin ist Gesundheitsminister Spahn nach Südafrika gereist, um zusammen mit Frankreichs Präsident Macron eine Initiative zur Unterstützung der afrikanischen Staaten bei der Impfstoffproduktion auf den Weg zu bringen.
  • Geplant ist die Lizenzproduktion von mRNA-Vakzinen.
  • Frankreich will allerdings andere Wege gehen.
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Berlin. Er wollte CDU-Parteichef werden, später Kanzlerkandidat und dann Kanzler. Das hat bisher bekanntlich nicht geklappt. Doch nun darf Jens Spahn zumindest ein wenig schnuppern, wie es ist, mit den Mächtigen dieser Welt an einem Tisch zu sitzen: Auf Bitten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist der Gesundheitsminister für zwei Tage nach Südafrika gereist, um zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine internationale Initiative zur Unterstützung afrikanischer Staaten beim Aufbau einer eigenen Produktion von Corona-Impfstoffen auf den Weg zu bringen. Und im Gegensatz zu Macron hat Spahn sogar konkrete Vorhaben im Gepäck.

Spahn kündigte nach seiner Ankunft am Freitag in Johannesburg an, dass Deutschland sich finanziell engagieren wird, um die beiden großen südafrikanischen Pharmahersteller fit zu machen für eine Lizenzproduktion von mRNA-Impfstoffen der deutschen Hersteller Biontech und Curevac. „Das Wichtigste ist nicht die Frage von Patenten, sondern die Frage von Produktionskapazitäten“, sagte der Minister beim Besuch des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten.

So etwas Anspruchsvolles wie die Impfstoffproduktion benötige einen Technologietransfer, der am besten über freiwillige Kooperationen erreicht werden könne, sagte der Minister. „Unsere deutschen Hersteller möchten mit anderen Produzenten kooperieren und wir werden das unterstützen“, betonte Spahn. „Ich bin der festen Überzeugung, dass eine freiwilligen Kooperation, eine Kooperation aus Überzeugung, immer effektiver ist als eine erzwungene“, betonte der CDU-Politiker.

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Auch Frankreich offen gegenüber zeitweisen Patentaufhebungen

Dass Spahn das Thema Patentaufhebung für Impfstoffe überhaupt von selbst aufgriff, liegt an einer entsprechenden Forderung der südafrikanischen Seite. Aber auch Frankreichs Präsident Macron hat sich gegenüber einer zeitweisen Aufhebung von Patenten offen gezeigt. Die Bundesregierung lehnt das hingegen mit Blick auf die eigene Pharmaindustrie strikt ab. Am Abend war eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung von Macron und Spahn mit dem südafrikanischen Präsidenten Caril Ramaphosa geplant, bei dem es ebenfalls um dieses Thema gehen dürfte.

Südafrika ist ein Hotspot der Corona-Pandemie. Seit dem Ausbruch wurden in dem am stärksten betroffenen Land Afrikas knapp 1,6 Millionen Infektionen registriert, rund 53.500 Menschen starben an den Folgen. Nach einer monatelangen Entspannung ist die Zahl der Neuinfektionen zuletzt wieder gestiegen. In Südafrika steht der Winter bevor.

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Aber auch aus einem anderen Grund befürchten Experten eine dritte Welle: In dem Land ist erst ein Prozent Bevölkerung zum ersten Mal geimpft. Eine Impfkampagne ist in Südafrika bisher nicht richtig in Gang gekommen. Da das Land nicht zu den ärmsten Staaten des Kontinents gehört, kann es nur sehr begrenzt auf die internationale Covax-Initiative zurückgreifen, die Entwicklungsländer zentral mit Impfstoffen versorgen will. Das Land kaufte deshalb selbst das in Indien produzierte Vakzin von Astrazeneca ein, um dann wenig später festzustellen, dass es nicht zuverlässig gegen die in Südafrika vorherrschende Mutation B.1.351 hilft.

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Daraufhin verkaufte das Land die Dosen an andere afrikanische Staaten. Schließlich setzte man auf das Vakzin des US-Herstellers Johnson & Johnson, stoppte die Impfkampagne dann aber wieder, nachdem bei diesem Impfstoff vereinzelt gefährliche Thrombosen auftraten. Inzwischen wird das Vakzin wieder verimpft und auch in Lizenz produziert, die Kapazitäten reichen aber längst nicht aus.

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Bis Freitagmorgen verzeichnete das Robert-Koch-Institut 7380 Corona-Neuinfektionen in Deutschland.  © dpa

Covax-Initiative stockt

Nun stehen zahlreiche andere afrikanische Staaten in Sachen Impffortschritt besser da als das Land am Kap der Guten Hoffnung. Allerdings hilft hier auch die Covax-Initiative in einem weit stärkeren Ausmaß. Doch auch bei Covax gibt es massive Probleme, die die Impfkampagne insbesondere in Afrika erheblich dämpft.

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Die Covax-Initiative der Weltgesundheitsorganisation, des Kinderhilfswerks Unicef und der globalen Impfallianz Gavi soll sicherstellen, dass auch ärmere Länder Zugang zu Impfungen haben. Die Idee der Initiative: Die reichen Staaten finanzieren Impfstoffe für die armen Länder. Eigentlich war das Ziel, bis Ende 2021 zwei Milliarden Dosen zur Verfügung zu stellen. Das Programm ist jedoch ins Stocken geraten. Denn der Hauptproduzent der Initiative sitzt in Indien.

Als Indien von einer neuen Infektionswelle erfasst wurde, stoppte die Regierung im März die Exporte des Astrazeneca-Vakzins aus dem Serum Institute in Pune – dem weltweit größten Impfstoffhersteller. Nach Angaben von Gavi-Chef Seth Berkley liegt Covax dadurch bereits fast 150 Millionen Dosen hinter seinen Planungen. Bisher konnten erst 71 Millionen Dosen an 125 Staaten geliefert werden.

WHO: Reiche Staaten horten Impfstoff

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Die WHO wirbt deshalb verstärkt bei den reichen Industriestaaten um Spenden von Impfdosen. Nach Berechnungen der Entwicklungsorganisation One haben sich die G7-Staaten und die EU zusammengenommen rund 1,7 Milliarden mehr Impfdosen gesichert als nötig wäre, um ihre gesamte Bevölkerung zu impfen. Das Horten von Impfstoffen sei jedoch nicht nur ungerecht, sondern auch gefährlich, argumentiert die Organisation.

„Je länger sich das Coronavirus ungehindert ausbreiten kann, desto mehr Varianten des Virus wird es geben“, warnt One-Deutschland-Direktorin Karoline Lerche. Mit jeder neuen Virusvariante steige das Risiko, dass die vorhandenen Impfstoffe weniger oder gar nicht mehr wirkten. „Wir drohen also den Fortschritt zu verspielen, den uns die Forschung beschert hat“, mahnt sie.

Auch Spahn betonte in Johannesburg: „Wir sind erst sicher, wenn alle sicher sind“.

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