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Putins Volk im Rückwärtsgang

Trockenfisch statt Big Mac: Der merkwürdige Sowjetkult in Moskau

Trockenfisch statt Big Mac: Der Sowjetkult mach auch vor Fastfood nicht Halt.

Moskau. Bei keinem anderen Event teilen die Russen ihre Gefühle so stark miteinander wie beim sogenannten „Unsterblichen Regiment“. Bei der gesellschaftlichen Aktion, die seit 2012 in ihrer jetzigen Form existiert, versammeln sich am „Tag des Sieges“ am 9. Mai überall in Russland und inzwischen fast überall auf der Welt Millionen von Teilnehmern zu einem Gedenkmarsch.

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Sie tragen die Bilder ihrer Familienmitglieder, die im „Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird, gekämpft haben und dabei oft zu Tode gekommen sind.

„Unsterbliches Regiment“ in Moskau 2018.

„Unsterbliches Regiment“ in Moskau 2018.

Wenn sie nicht gerade einmal ausfielen – wie 2020 und 2021 wegen Corona – liefen die Prozessionen des „Unsterblichen Regiments“ bislang immer recht ähnlich ab, doch in diesem Jahr trat eine Veränderung ein, die sogar einen Experten für Gedenkpolitik wie Iwan Kurilla verblüffte: „Ich war erstaunt“, sagt der Historiker der European University in Sankt Petersburg, „wie sehr sich die Zahl der roten Fahnen der Sowjetunion im Vergleich zu 2019 erhöht hatte. Überall diese Flaggen und Pullover mit Aufschriften wie „UdSSR“ oder „Geboren in der UdSSR“.

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„Unsterbliches Regiment“ in Moskau 2022.

„Unsterbliches Regiment“ in Moskau 2022.

Dabei ist das, was Kurilla da wahrnahm, gar nichts Neues: „Sowjetnostalgie gab es immer schon“, stellte der russische Schriftsteller Dmitrij Gluchowskij kürzlich in einem Interview mit dem IPG-Journal der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung klar. Das sei auch gar nichts spezifisch Russisches: „Das geht auch anderen Imperien so, die ihre Kolonien verloren haben und sich in einem Auflösungsprozess befinden. Das ist immer schmerzhaft und gibt es sogar in Teilen der britischen oder französischen Gesellschaft, trotz all der dortigen Aufklärung. Oder bei den Ungarn, die gegenüber einigen Balkanvölkern verächtlich eingestellt sind.“

Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow (direkt unter dem linken Schwarz-Weiß-Bild), legt am 130. Geburtstag von Josef Stalin (21.12.2009) Blumen und einen Kranz am Grab des Sowjet-Diktators an der Kreml-Mauer ab. 2019 ermittelte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada, dass 70 Prozent der Russen Stalins Rolle in der Geschichte positiv beurteilen, bis dahin ein Rekordwert im modernen Russland.

Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow (direkt unter dem linken Schwarz-Weiß-Bild), legt am 130. Geburtstag von Josef Stalin (21.12.2009) Blumen und einen Kranz am Grab des Sowjet-Diktators an der Kreml-Mauer ab. 2019 ermittelte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada, dass 70 Prozent der Russen Stalins Rolle in der Geschichte positiv beurteilen, bis dahin ein Rekordwert im modernen Russland.

Es ist denn auch weniger der Sowjetkult als Solches, der Kurilla umtreibt, sondern vor allem der Umstand, dass die positiv befrachtete Erinnerung an die Sowjetdiktatur mit all ihren Repressionen plötzlich so zunimmt. Der Historiker kann sich das nur durch die Vorgänge in der Ukraine erklären: „Stalin annektierte im Westen die Ukraine, Belarus und die baltischen Staaten. Und die Leute denken: Diese Symbolik spiegelt passt zu dem, was heute passiert. Die fragile russische Identität, die sich 30 Jahre lang nur langsam herausgebildet hat, ist jetzt offensichtlich irgendwo aus den Fugen geraten. Sie wird nicht mehr existieren.“

Skulpturengruppe „Sowjetisches Belarus“ in der Metro-Station „Belarusskaja“ in Moskau.

Skulpturengruppe „Sowjetisches Belarus“ in der Metro-Station „Belarusskaja“ in Moskau.

Der Putinismus, der das sowjetische Erbe nach Auffassung des Literaturkritikers Ilja Kukulin schon immer als eine Ersatzreligion instrumentalisiert hat, treibe diese Rückbesinnung im Augenblick besonders kräftig an: „Die Feinde der Sowjetunion im Krieg“, sagt er, „waren die Nazis. Und jetzt wird durch die Bemühungen von Propagandisten und Spindoktoren die Idee in die Köpfe der Menschen gepflanzt: Wer sich dem russischen Staat widersetzt, ist der Erbe der Nazis.“

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Gelegenheiten, sich die UdSSR-Nostalgie zunutze zu machen, bieten sich dem russischen Regime zuhauf. Als etwa Renault sein Moskauer Werk im Mai an die russische Hauptstadt verkaufte, kündigte Bürgermeister Sergej Sobjanin an, dass in der Anlage nun wieder Fahrzeuge der sowjetischen Kultmarke Moskwitsch vom Band laufen sollen.

Natürlich wird das nicht zur Produktion völlig neuer und zeitgemäßer Moskwitsch-Fahrzeuge führen. Zu deren Entwicklung ist Russland nicht in der Lage – schon gar nicht auf die Schnelle. Vielmehr werden in dem bisherigen Renault-Werk die Modelle Logan, Sandero und Duster weiterhin de facto produziert werden, in geringfügig variierter Form.

Ein Moskwitsch-408, der von 1964 bis 1975 produziert wurde, steht im UMGK-Automuseum in Werchnaja Ryschma im Mittleren Ural.

Ein Moskwitsch-408, der von 1964 bis 1975 produziert wurde, steht im UMGK-Automuseum in Werchnaja Ryschma im Mittleren Ural.

Als kapitalistische Volkswirtschaft unterscheidet sich Russland an einem Punkt natürlich gravierend von der planwirtschaftlich organisierten Sowjetunion. Das führt zu der bizarren Situation, dass sich nun ausgerechnet mit sozialistischer Symbolik Erträge in reinster marktwirtschaftlicher Manier erwirtschaften lassen. In den Souvenirläden der Moskauer Künstlermeile Arbat steht etwa Putin als Matrjoschka in einer Reihe neben Stalin, Lenin und Gagarin zum Verkauf bereit.

Und wer ein Stalin-T-Shirt kaufen will, kann gleich auch noch eines mit dem „Z“ mitnehmen, dem Propagandazeichen des Kremls für einen Sieg in der Ukraine.

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Auch in den vielen kleinen Kiosken, die sich über ganz Moskau verteilen, mischen sich unter all den angebotenen Nippes sowjetische Embleme mit Bezug zur Gegenwart. Auf einem kleinen Kühlschrankmagneten, den es für 100 Rubel (1,45 Euro) an der Metrostation Jugo-Zapadnaja zu kaufen gibt, reckt eine Großmutter das Sowjetbanner vor tarnfarbigem „Z“-Hintergrund in die Höhe.

Als ob das nicht ausreicht, lugt unten noch die Mutter-Heimat-Statue heraus, die in Wolgograd (das einstige Stalingrad) zum Gedenken an den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ errichtet wurde.

Die Großmutter ist in Russland inzwischen überall als Babuschka Z bekannt und auf Wandbildern, Werbetafeln und sogar als Statue omnipräsent. Ihr wirklicher Name ist Anna Iwanowa. Die Ukrainerin verdankt ihre Berühmtheit einem Video, auf dem sie zu sehen ist, als sie Anfang April mit der roten Fahne auf die Straße trat, als sich Soldaten ihrem Haus im Donbass näherten.

Sie soll angenommen haben, es handle sich um russische Einheiten, die sie nach einem Bericht der „Ukrainskaja Prawda“ mit der Flagge beschwichtigen wollte, um Unheil abzuwenden. Als Propagandasymbol war diese Szene für die Russen ein Geschenk, steht sie doch für die Behauptung, als Befreier in der Ukraine willkommen zu sein.

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Neben den soziologischen Erklärungen, die Intellektuelle wie Iwan Kurilla und Ilja Kukulin als Ursache für die forcierte Sowjet-Nostalgie ausmachen, gibt es für diese Entwicklung sicher auch ganz einfache Begründungen. Dass etwa McDonald‘s im Mai seinen Rückzug aus Russland wegen der Entwicklung in der Ukraine ankündigte, nehmen viele Russen persönlich. Denn die Fastfood-Kette stand immer ganz besonders für ihr Freiheitsempfinden, seit sie 1990 ihre erste Filiale in der Sowjetunion eröffnete.

Es ist daher wohl kein Zufall, dass direkt neben dem schwarz-gläsernen und inzwischen verwaisten McDonald‘s-Standort in der Moskauer Bol‘schaja-Bronnaja-Straße ein trotziges Wandbild prangt, auf dem der Sieg der Sowjetunion bejubelt wird. „Gordimsja“ steht da: „Voller Stolz“.

„Es ist an der Zeit, sich wieder auf gewöhnliche Knödel, weingefüllte Gläser und Tschebureks zu besinnen“, hatte der User Alexander Korobkin in der Kommentarspalte des Jekaterinburger Regionalportals „e1.ru“ geschrieben, als er erfahren hatte, dass sich McDonald‘s aus Russland zurückzieht. In der Filiale der Tscheburetschnaja USSR in der Moskauer Bol‘schaja-Bronnaja-Straße wird diesem Rat allzu gern gefolgt. An einem Sonntagnachmittag ist das Lokal gut besucht. Wodka fließt hier noch in Strömen, was in Moskau ansonsten kaum noch der Fall ist.

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