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Söder, Laschet, Merz? Wenn sich Corona- und Kanzlerfrage vermischen

  • In der Union wird das Corona-Krisenmanagement auch zum Wettbewerb der möglichen Kanzlerkandidaten.
  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gibt den Strengen, sein NRW-Amtskollege Armin Laschet den bedächtigen Exit-Strategen.
  • Friedrich Merz bleibt ohne Regierungsamt nur die Kommentatorenrolle aus dem Homeoffice.
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Berlin. An den Tagen, an denen es in Deutschland die Leute zum Osterspaziergang nach draußen zieht, an denen es zum ersten Mal eine klitzekleine Pause zu geben scheint vom täglichen Corona-Ungemach, ziehen mehrere Männer ihre Jacketts an und setzen sich vor eine Kamera.

Einer in Düsseldorf, hellgrüne Krawatte, im Hintergrund ein stilles Panorama aus Wiese, Himmel und Fluss. Einer in München, hellblaue Krawatte, im Hintergrund eine Holzschrankwand mit schweren Gesetzesbänden und einer Franz-Josef-Strauß-Büste. Armin Laschet und Markus Söder, der nordrhein-westfälische und der bayerische Ministerpräsident, machen sich bereit für Videobotschaften.

Der Bundespräsident hat da schon zu Vernunft und Geduld gemahnt im Umgang mit der Krise. Söder und Laschet wollen auch noch etwas loswerden. Eine Entscheidung steht bevor: An diesem Mittwoch beraten die Ministerpräsidenten darüber, wie es weitergehen soll mit den Corona-Beschränkungen. Zeit sich zu positionieren, finden Laschet und Söder ganz offenkundig.

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Management und Macht

Man kann das ganz normal finden: Söder und Laschet regieren die bevölkerungsreichsten deutschen Bundesländer. Hier sind die ersten Fälle registriert worden, und hier gibt es mittlerweile die meisten Infektionen.

Aus einem Ort im Sauerland meldet sich auch noch Friedrich Merz, ohne Krawatte.

Spätestens das macht klar, worum es neben Corona auch geht: um die Kanzlerkandidatur der Unionsparteien. Das C-Problem mischt sich also mit der K-Frage. Es geht nicht nur um Krise, sondern auch um Macht, oder besser: darum, wer künftig im ganzen Land die Ansagen macht.

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Die Union hat noch nicht geklärt, wen sie bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr als Kanzlerkandidaten ins Rennen schickt. Die Parteivorsitzenden der Schwesterparteien haben darauf die beste Aussicht. Söder ist schon CSU-Chef. Laschet bewirbt sich um die CDU-Führung, die Annegret Kramp-Karrenbauer abgeben will. Und Merz ist ein weiterer Kandidat.

Eigentlich sollte über den Parteivorsitz Ende April entschieden werden. Wegen Corona ist der Sonderparteitag abgesagt. Die höheren Umfragewerte für die Union aber haben alle registriert. Bei 37 bis 38 Prozent haben CDU/CSU lange nicht gelegen, es ist ein erwartbarer Krisenbonus für eine Regierungspartei. Aber es wäre auch eine gute Ausgangsbasis für einen Wahlkampf.

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Aber offiziell sind alle jetzt auch ganz bei der Sachpolitik, beim Virus.

Er denke an Corona, wenn er ins Bett gehe und wenn er aufwache, sagt Laschet im ZDF-Morgenmagazin. Söder pfeift die Fernsehmoderatorin Anne Will an, als die fragt, ob sich Laschet an einem Punkt gegen ihn durchgesetzt habe: “Finden Sie die Frage der Sache wirklich angemessen?” In einem dpa-Interview versichert er: “Die Frage, wie es im nächsten Jahr weitergeht, spielt überhaupt keine Rolle für mich.” Merz sagt, über die Personalfragen könne man nach der Krise reden. Eins nach dem anderen, so kann man das auch lesen.

Von Norbert Röttgen, der sich auch um den Parteivorsitz bewirbt, ist gerade so gut wie gar nichts zu hören.

Drängeln oder Bedächtigkeit

Aber in Zeiten abgesagter Sportveranstaltungen findet wenigstens ein Wettkampf statt: Söder und Laschet bewerben sich um den Titel des besten Krisenmanagers.

“Wer ist der Schönste im Hühnerstall?”, spottet ein Unions-Mann.

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In diesem Streit gibt Söder den harten Hund, den zu allem Entschlossenen, den Drängler. Er lässt sein Kabinett früh Kontaktverbote und die Verschiebung des Abiturs beschließen. Er wartet dabei nicht auf die anderen Bundesländer. Zum Teil kommen die Beschlüsse nur wenige Stunden, nachdem die Ministerpräsidenten ein einheitliches Vorgehen beschlossen haben.

Andere Ministerpräsidenten regen sich auf und werfen dem Bayern mangelnde Solidarität vor. Man könne nicht ewig über alles reden, entgegnet Söder.

Gerade ist er derjenige, der warnt, Beschränkungen zu früh aufzuheben.

Laschet zeigt sich bedächtiger. Er war schon bisher der Mann für den Kompromiss und fürs Abwägen. Deutlich geworden ist das auch im Streit um die Flüchtlingspolitik: Laschet gehörte ins Lager von Kanzlerin Angela Merkel. Söder, damals noch bayerischer Minister, war einer der Chefzuspitzer auf der anderen Seite.

Wen die Umfragen belohnen

Aber als Bedächtiger wird man öffentlich weniger wahrgenommen als ein Drängler.

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Söders Umfragewerte steigen. Bei der Frage nach dem besten Unions-Kanzlerkandidaten hat er in einer Befragung des Yougov-Instituts Merz von der Spitze verdrängt, sowohl unter den Unions-Anhängern als auch insgesamt. Laschet liegt weit dahinter auf Platz 3. Beim Thema Führungsstärke und Durchsetzungskraft schneidet Söder mit 72 Prozent bei Forsa nur ein wenig schlechter ab als Kanzlerin Angela Merkel. Finanz-, Gesundheits- und Wirtschaftsminister landen auf den nächsten Plätzen, bis dann auch einmal Laschet auf der Skala erscheint.

Ausgerechnet die Härte, die bisher in der öffentlichen Wahrnehmung Teil seines Problems gewesen ist, spült Söder jetzt nach oben. Der 53-Jährige galt als rücksichtsloser Machtmensch, auch deswegen hat er eine Kanzlerkandidatur bislang ausgeschlossen: Bayer und Fiesling, das galt außerhalb des Freistaats als kaum vermittelbar. Als er seinem Vorgänger Horst Seehofer endlich die Staatskanzlei abgeknöpft hatte, bemühte sich Söder offensiv um ein freundlicheres Auftreten. Im Wahlkampf erzählte er Geschichten aus seiner Kindheit. Mit Kramp-Karrenbauer beendete er den Zwist zwischen CDU und CSU.

Für die Osteransprache vor der freistaatlich-bayerischen Schrankwand wählte Söder einen gütigen Blick und eine sanfte Stimme.

Einer prescht vor, der andere ist beleidigt

Laschet versucht es andersherum: Er eilt forsch durch seine Osteransprache, mit wenigen Pausen und fast ohne sein sonst typisches schalkhaftes Lächeln, ganz Typus dynamischer Manager. Bei einer Telefonkonferenz mit den anderen Ministerpräsidenten vor einigen Wochen legt er ein Konzept vor, das er mit mehreren Ländern besprochen hat – allerdings nicht mit Bayern. Söder reagiert beleidigt, die Kanzlerin muss in der Runde beschwichtigen, damit Söder nicht einfach auflegt.

Vor der Runde am Mittwoch ist Laschet erneut vorgeprescht. Er hat Experten eine Exit-Strategie erarbeiten lassen, parallel zu den Expertisen, die die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat. Wenn Söder die Rolle des Corona-Virus-Bekämpfers beansprucht, dann will Laschet sich die des Hirten schnappen, der die froheren Botschaften verkündet. Man müsse auch an die denken, die durch die Einschränkungen Probleme bekämen, durch Kurzarbeit, Einsamkeit, Depressionen oder Gewalt.

Es sei bedauerlich, dass einzelne Länder schon jetzt ausscherten, sagt Söder nun. Gemeinsamkeit sei doch wichtig. “Wer aus Ungeduld zu früh und zu viel lockert, riskiert Leben”, sagt er.

Söder wartet nicht gerne

Dabei ist die Ungeduld möglicherweise der Punkt, an dem Söder stolpern kann. Er wartet nicht gerne. Nicht auf den Ministerpräsidentenposten, nicht auf den Auftritt bei CDU-Veranstaltungen, bei dem Vorredner dann schon einmal fast abserviert werden.

Als eine Corona-Telefon-Pressekonferenz mit der Kanzlerin nicht klappt, macht er beim Warten seinem Unmut Luft und schaltet sich dann vor dem Frageblock der Journalisten aus.

Bei der Bewertung von Laschets Krisenmanagement wird auch Geschwindigkeit eine Rolle spielen: Wurde im nordrhein-westfälischen Corona-Hotspot Heinsberg schnell genug und richtig reagiert?

Merz in der Zuschauerrolle

Einer sieht sich das Ganze von zu Hause an: Friedrich Merz meldete sich zu Beginn der Krise coronakrank und ließ die Öffentlichkeit via Twitter an sein Krankenbett treten, Fieber-Husten-Protokoll inklusive.

Ohne Regierungsamt hat Merz derzeit eigentlich das Nachsehen, das lässt sich auch an den Umfragen ablesen. In Krisenzeiten steht die Regierungspolitik im Vordergrund.

Aber Merz baut schon einmal vor: Im nächsten Wahlkampf sei vermutlich die Wirtschaftspolitik das beherrschende Thema, sagt er. Wen er dafür als Fachmann sieht, lässt sich vermuten.

Und eines zumindest ist auch klar: Fehlerhaftes Krisenmanagement wird man ihm nicht vorwerfen können.

Vor der Ministerpräsidentenkonferenz melden sich Söder und Laschet am Dienstag noch einmal zu Wort. “Es muss bei Eindämmung des Virus blieben, aber zielgerichteter und mit Maß und Mitte”, twittert Laschet. Und Söder verkündet ebenfalls via Twitter: “Es sollte kein Überbietungswettbewerb entstehen, der die Menschen verunsichert.” Maß und Mitte, das findet auch er angebracht.

An diesem Mittwoch wird eine der entscheidenden Fragen sein, ob alle Ministerpräsidenten darunter dasselbe verstehen.

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