Olaf on fire: Scholz teilt im SPD-Duell aus

  • Bislang hat Olaf Scholz das Image des dauerdisziplinierten und leicht unterkühlten Hanseaten gepflegt.
  • Doch bei der Livedebatte um den SPD-Parteivorsitz zeigt der Finanzminister am Dienstagabend seine leidenschaftliche Seite.
  • Scholz kritisiert, belehrt, attackiert – und sorgt damit für einen richtig unterhaltsamen Abend.
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Berlin. Man kann nur ahnen, wie sehr es in Olaf Scholz in den letzten Wochen gebrodelt haben muss. Zu 23 Regionalkonferenzen der SPD ist er gefahren, von Baunatal bis Nieder-Olm. Er hat große Luftballons von der Bühne geworfen und mit Emojis vor der Kamera posiert. Die Umverteilungsfantasien eines Dierk Hirschel hat er sich genauso angehört wie die Neustartvisionen einer Gesine Schwan.

All das hat Scholz weitgehend klaglos über sich ergehen lassen, manchmal süffisant gelächelt, meistens geschwiegen.

Es ist diese Vorgeschichte, die den Dienstagabend so besonders macht. Denn gemessen an allem, was der Vizekanzler bislang im Bewerbungsprozess von sich gezeigt hat, ist sein Auftritt beim Bewerberduell in der SPD-Parteizentrale eine Eruption. Gefolgt von einem Erdbeben. Und dann einem Wirbelsturm.

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Olaf Scholz hat es satt. Er hört sich das nicht mehr an. Er schlägt jetzt zurück.

Ein Viertelstunde läuft das wegen technischer Probleme mit Verspätung begonnene Duell, als es zum ersten Mal aus dem Hanseaten herausbricht. Es geht um den von Scholz mit ausgehandelten GroKo-Kompromiss bei der Grundrente. Der sei zwar für die 1,5 Millionen Begünstigten ein Meilenstein, für weitere zwei Millionen Menschen, die bei der Einkommensprüfung herausfallen, aber eben nicht, kritisiert Kontrahent Norbert Walter-Borjans. Das will Scholz nicht auf sich sitzen lassen. „Wenn die SPD gerade einen Riesenerfolg errungen hat, dann macht es keinen Sinn, dass wir den jetzt kleinreden”, schnaubt der Minister. „Freuen ist auch in Ordnung.”

Dass Walter-Borjans danach auch noch „Grundsicherung” und „Grundrente” durcheinanderbringt, sorgt bei Scholz für zusätzliche Erregung. „GrundRENTE“, herrscht er seinen Genossen an. „Wir haben 1,5 Millionen Menschen aus der Grundsicherung herausverhandelt, das war doch unser großer Erfolg.”

„Nein, nein! Falsch, völlig falsch!“

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Damit ist der Ton gesetzt, und in diesem geht der Abend weiter. Auch die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken bekommt den Furor des Bundesfinanzministers zu spüren, als sie ihn beim Themenblock Klimaschutz auf dem Feld der Steuerpolitik attackiert. Von der steuerlichen Förderung bei der Heizungssanierung würden vor allem Gutverdiener profitieren, kritisiert Esken. „Nein, nein! Falsch, völlig falsch”, ruft Scholz dazwischen. Dann belehrt er die Mitdiskutantin darüber, dass es einen Abzug von der Steuerschuld gebe, und somit eine Förderung unabhängig von der Höhe des Verdienstes. „Man muss nicht alles, was man mal gelernt hat, wieder aufsagen“, fügt er noch hinzu.

Beim Fußball wäre das eine Blutgrätsche. Olaf on fire.

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Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. © Quelle: imago images/Metodi Popow

Neben dem wütenden Finanzminister wirkt dessen Mitbewerberin Klara Geywitz fast schon präsidial. Abgesehen von ein paar kleineren Scharmützeln mit Esken und Walter-Borjans müht sich die Brandenburgerin vor allem darum, die GroKo zu verteidigen. Sie wagt auch den Blick nach vorn, zählt auf, was das Bündnis noch alles vorhabe.

Im Mittelpunkt des Abends aber steht Scholz. Ob er es denn verstehen könne, wenn Menschen daran zweifelten, dass er die Politik, die er nun vertrete, als SPD-Vorsitzender auch umsetze, fragt Walter-Borjans den Finanzminister gegen Ende der Diskussion. „Mit diesen Zweifeln musst du umgehen, Olaf.”

Normalerweise sage man so etwas ja nicht über sich selbst, erwidert Scholz sichtbar gereizt, aber ausweislich aller Umfragen, seien seine Vertrauenswerte unter SPD-Anhängern ziemlich hoch. „Willst du sagen, dass sich die alle irren, Norbert? Willst du das sagen?”

Nein, das will der Norbert nicht. Aber er weist darauf hin, dass die Zahl der SPD-Anhänger in den Umfragen ja inzwischen ziemlich gesunken sei. Es gehe ihm auch um diejenigen, die nun weg seien. „Ich will wissen, was die von uns erwarten, weil ich die zurückgewinnen will.”

Es ist ein offener Schlagabtausch, ein Ringen um die besten Argumente und Konzepte. Der Kampf um die SPD-Parteispitze mag schon einige Wochen dauern, seit Dienstagabend ist es auch wirklich ein Kampf.

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Die muntere Debatte macht Lust auf mehr, schon am Montag geht das Duell beim „Berliner Salon“ weiter, zu dem das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und der TV-Sender Phoenix einladen (Hier geht es zum Livestream). Man darf gespannt sein.

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