So bilanziert Siemens-Chef Kaeser Merkels China-Reise

  • Zwei Tage mit der Kanzlerin im Reich der Mitte: Siemens-Chef Joe Kaeser hat Angela Merkel auf ihrer China-Reise begleitet.
  • Im RND-Interview wertet er die Visite als „Erfolg in schwieriger Zeit“.
  • Der Topmanager spricht auch über die brisante Lage in Hongkong und mögliche Folgen des Handelskonflikts zwischen Peking und Washington.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Herr Kaeser, Sie sind gerade mit der Bundeskanzlerin aus China zurückgekehrt. Bessern sich die komplizierten Beziehungen der Länder wieder?

Es war eine besondere Reise. Zum einen war sie belastet durch den politischen Konflikt in Hongkong. Zum anderen war sie überschattet durch die chinesisch-amerikanischen Handelsstreitigkeiten. Die Frage für uns war also, wie sich Deutschland und seine Unternehmen in diesem Umfeld bewegen. Trotz dieser Vorspannung sind wir in den Gesprächen zu Vereinbarungen und Verständigungen gekommen, die beide Seiten weiterbringen. Deshalb bewerte ich diese Reise insgesamt als Erfolg in schwieriger Zeit.

Haben Sie das Thema Hongkong auf Unternehmensebene angesprochen?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ja. Wir haben vergleichsweise offen über den Konflikt gesprochen, was uns wichtig war. Wir haben an unsere bereits im Vorfeld geäußerte Position der deutschen Wirtschaft erinnert und angemahnt, dass die Regel „Ein Land, zwei Systeme“ wichtig ist. Es gab dazu positive Signale, wenngleich verhalten. Auch in schwierigen Situationen und kontroversen Themen muss man miteinander im Gespräch bleiben.

Fürchten Sie das Risiko einer militärischen Auseinandersetzung in der Region?

In meinen Gesprächen im Rahmen des deutsch-chinesischen Wirtschaftsausschusses war mein Eindruck, dass beide Seiten ein Interesse daran haben, dass sich die Lage beruhigt und friedliche Lösungen gefunden werden. Auch die chinesische. Die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes kann dazu ein erster Schritt sein. Aber über die politischen Fragen zu Hongkong wurde natürlich vor allem in den politischen Gesprächen dem Vernehmen nach intensiv diskutiert.

Würde eine mögliche militärische Auseinandersetzung unmittelbare Folgen für die Unternehmen in der Region haben?

Anzeige

Das wirkliche Ausmaß würde sich dann zeigen. Ich glaube aber, dass dies eine sehr starke Belastung der wirtschaftlichen Entwicklung einer ganzen Region bedeuten dürfte. Friedliche Verhältnisse, Kalkulierbarkeit und damit Stabilität sind kritische Voraussetzungen für unternehmerisches Handeln sowie für weitere Investitionen.

Video
Merkel zu Hongkong: „Lösung nur durch Dialog“
1:27 min
Merkel rief bei einer Pressekonferenz in China zu einem Stopp der Gewalt und zur Suche nach einem offenen Dialog auf.  © Gordon Repinski/dpa
Anzeige

Parallel belastet der Handelsstreit zwischen China und den USA die Wachstumsaussichten. Glauben Sie an eine baldige Besserung?

Wenn die stärkste Volkswirtschaft der Welt mit der zweitstärksten streitet, dann sind alle weiteren Länder zwangsläufig auch davon betroffen. Chinas Produktion nimmt bereits im Wachstum ab und ist im Vergleich noch stärker betroffen als die Gesamtwirtschaft. Gerade in diesem Bereich ist Deutschland aber besonders engagiert. Deshalb spüren wir die Folgen der Auseinandersetzungen dort besonders. Aber auch in den USA und der ganzen Welt nimmt die Wirtschaftsdynamik ab. Das zeigt, dass dabei alle verlieren.

Die USA kritisieren, dass China die Regeln der internationalen Handelsorganisation WTO unterläuft. Es sei sogar ein Fehler, das Land aufgenommen zu haben. Muss China sich ändern?

Beide Seiten haben ihre Positionen, und es hat bisher wenig zählbare Annäherung gegeben. Aber man muss Kompromisse suchen. Wenn die USA China wegen nicht eingehaltener WTO-Regeln kritisieren, werden sie ihre Gründe haben. Dann sollten diese Punkte genau angesprochen werden und Lösungen für faire Verhältnisse gesucht werden. Der Hinweis auf bestehende Handelsdefizite allein dürfte dezidierte Gespräche erschweren. Andererseits wären ein Export von Überkapazitäten oder einseitige Handelsbeschränkungen tatsächlich ein Problem, das adressiert werden muss. Ich hoffe, dass der Dialog zwischen beiden Ländern zügig wieder aufgenommen wird und es bald zu tangiblen Fortschritten kommt. Wenn diese Handelsproblematik in die Phase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes käme, könnte dies zu längeren Verwerfungen führen.

Sind die deutschen Unternehmen stark genug, um in schwieriger Zeit den Kopf über dem Wasser zu halten?

Ja, das sind wir, zumindest im weit überwiegenden Fall. Deutschland hat eine in der Welt einmalige Symbiose zwischen robusten und global agierenden Großunternehmen und einem leistungsfähigen Mittelstand. Aber es ist schon eine extrem spannungsgeladene Zeit. Die Exportnation Deutschland sitzt fast sprichwörtlich zwischen großen Stühlen – nämlich den beiden wichtigsten Absatzmärkten der eigenen Binnenwirtschaft. Die jeweils lokale Produktion von Siemens und anderen Unternehmen ist von dieser potenziellen Krise weniger betroffen. Aber die Exportdynamik nimmt ab. Und vom Export hängen sehr viele unserer Arbeitsplätze in Deutschland ab. Es würde mich beunruhigen, wenn diese Unsicherheit zu lange dauert. Dann besteht das Risiko, dass die deutschen Unternehmen die Auslastung ihrer Werke und Betriebe im Inland nicht mehr flächendeckend sicherstellen können.

Anzeige

Ist Deutschland zu abhängig vom Export?

Deutschland hat hervorragende Produkte und ist extrem wettbewerbsfähig. Diese Produkte werden nicht gekauft, weil Deutschland so schick ist oder gar unterwürfig; sondern, weil es in vielen Branchen die besten Produkte der Welt hat. Das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg war der Wiederaufbau, und daraus hat sich dann das Exportmodell entwickelt. Gerade der so wichtige Mittelstandssektor in Deutschland exportiert fast naturgegeben mehr aus Deutschland heraus, weil kleinere Unternehmen nicht in aller Welt eigene Fabriken bauen können. Die globalen Konzerne haben vielfach stärker lokalisiert. Beide Sektoren ergänzen sich aber perfekt. Das ist eines der Geheimnisse des Erfolges der deutschen Wirtschaft. Aber dieses Modell funktioniert nur mit offenen Märkten. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert, wenn sich weltweit Protektionismus durchsetzen sollte und wir weitgehend nur auf unseren Binnenmarkt angewiesen wären.

Video
Merkel bekräftigt Hoffnung auf friedliche Lösung in Hongkong
1:02 min
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zum Abschluss ihres China-Besuches erneut ihre Hoffnung geäußert, dass die Konflikte in Hongkong friedlich gelöst werden.  © Gordon Repinski/dpa

Müsste Deutschland seine Exporte diversifizieren, um wenigstens nicht mehr so abhängig von China zu sein?

Natürlich. Aber es bleibt Export. Deshalb muss Deutschland seine moralischen Werte und Interessenlagen auch immer ganz besonders abwägen. Wenn Arbeitsplätze in Deutschland davon abhängen, wie wir mit brisanten Themen umgehen, dann sollte man nicht die allgemeine Empörung verstärken, sondern überlegt die Positionen und Maßnahmen in allen Facetten abwägen.

Sie plädieren dafür, sich zurückzuhalten, weil Deutschland China braucht?

Anzeige

Nein, das meine ich nicht. Man kann seine – auch unterschiedlichen – Positionen aber überlegt und respektvoll vortragen und auf konkrete Änderungen dringen. China braucht Deutschland auch. Wir können deshalb gegenseitig auch klar Positionen beziehen und dabei kulturelle Besonderheiten im Umgang miteinander respektieren. Es gibt eine symbiotische Beziehung zwischen beiden Ländern, die sogenannte Win-in-Szenarien, also wo beide Seiten Vorteile haben, ermöglicht. Aber ich will nicht ausschließen, dass sich das einmal ändert. Denn es ist wahrscheinlich, dass China sich unabhängiger machen will – auch als Folge der derzeitigen Handelsbeschränkungen, die den Prozess sogar beschleunigen könnten. Einige sprechen dabei schon von „Decoupling“. Wir sollten auch deshalb immer wieder miteinander reden und integrativ nach Lösungen suchen. Wir haben ja auch etwas anzubieten. Jetzt einfach zu sagen: Dann teilen wir eben die Welt in zwei Wirtschaftssysteme auf, wäre ein Spiel mit dem Feuer – das muss man sich auch gerade in schwierigen Zeiten sehr gut überlegen.

Lesen Sie auch: China und Deutschland: Eine Partnerschaft ohne Illusionen