Skandal um Gedenkstein: Spendeten AfD und NPD-Jugend gemeinsam?

  • Ein Funktionär der deutschen Minderheit in Polen wirbt bei der AfD Geld für einen dubiosen Gedenkstein ein.
  • Der Mann ist auch Mitglied der AfD-Jugend.
  • Im Internet sieht es so aus, als habe er auch beste Kontakte zu Neonazis. Er streitet alles ab.
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Berlin/Bytom. Marek Tylikowski ist ein umtriebiger Funktionär der deutschen Minderheit im polnischen Oberschlesien. Der Vorsitzende des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit (BJDM) in Bytom (Beuthen) veranstaltet Volksliederabende und Tanzkurse und wird dafür vom Bundesinnenministerium finanziell unterstützt. Doch er tut noch mehr: Er wirbt in interessierten Kreisen um Geld für einen Gedenkstein an die „Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, die Selbstschutz- und Freikorpskämpfer und an die ermordeten und unterdrückten Ostdeutschen“. So steht es jetzt auf einem großen Stein auf dem Friedhof der oberschlesischen Stadt – unter einem großen eisernen Kreuz. Das ist historischer Sprengstoff: Mit „Ostdeutschen“ sind nicht DDR-Bürger gemeint, sondern die Deutschen östlich von Oder und Neiße. Und die „Selbstschutz- und Freikorpskämpfer“ waren in den Grenzkämpfen gegen Polen vor 100 Jahren aktiv. Lange habe Tylikowski keinen Steinmetz gefunden, der diese Inschriften einfügen wollte, sagt er.

Darunter werden die Spender aufgeführt: „Stephan Protschka, MdB“ und die „Junge Alternative Berlin“. Protschka ist Bundestagsabgeordneter der AfD, die Familie sind Sudetendeutsche. Die AfD-Jugend in Berlin wird von Vadim Derksen geleitet, er hat russlanddeutschen Hintergrund. Beide halten den Kontakt zu deutschen Minderheiten im Osten. Und auch Tylikowski ist Mitglied der AfD-Jugendorganisation. Das bestätigt er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Auf dem Stein ist nun eine Zeile Platz, bevor weitere Spender aufgeführt werden. Im Internet aber kursieren Fotos, auf denen diese Zeile gefüllt ist, mit der Spenderangabe: „Junge Nationalisten“ (JN). Das ist der Jugendverband der rechtsextremen NPD. Und auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gibt es ein weiteres Foto, das den sächsischen JN-Landesvorsitzenden Maik Müller mit Tylikowski zeigt – und einem Scheck über 200 Euro für den BJDM.

Pflegt ein polnischer AfD-Nachwuchsmann nicht nur Volkstänze und die Erinnerung an die deutsche Minderheit – sondern auch beste Kontakte zu Neonazis? Tylikowski wirkt am Telefon hektisch. Er nennt die NPD-Leute „Vollidioten, mit denen wir politisch nicht übereinstimmen und mit denen wir nichts zu tun haben“. Das Foto mit dem Scheck sei ein Hinterhalt gewesen. Die Besucher hätten sich nicht als NPD-Mitglieder zu erkennen gegeben. Die 200 Euro habe er nicht angenommen. Und die Inschrift „Junge Nationalisten“ auf dem Stein? Das sei eine Photoshop-Arbeit der JN. Zu keiner Zeit habe „Junge Nationalisten“ auf dem Stein gestanden. Derksen und Protschka stellen es anders dar: Sie hätten von Tylikowski verlangt, dass die Zeile entfernt werde. Auf einem Video von der Feierstunde am Volkstrauertag, zu dem der Stein präsentiert wurde, fehlt die Inschrift – und wenn hier etwas bearbeitet wurde, dann sehr sauber. Doch auch das Video könnte bearbeitet sein. Auf anderen aktuellen Fotos ist erkennbar, dass vermutlich eine Zeile entfernt wurde.

Aber nicht nur die JN, auch ein anderer Spender ist höchst problematisch: Die „Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf“ wird vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet.

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Ist Tylikowski glaubwürdig? Auf jeden Fall ist der junge Funktionär stark verunsichert. Wenn sein Bund jetzt mit der NPD in Verbindung gebracht werde, sei das „schädlich für jeden Deutschen in Polen“. Schädlich kann das oberschlesische Abenteuer auch für die vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ geführte Junge Alternative sein. Mit Tylikowskis Bund werde man nicht mehr zusammenarbeiten, kündigten Derksen und Protschka an. Und der JA-Vorstand wird sich auf seiner nächsten Sitzung mit seinem Auslandsmitglied befassen.

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„Wir haben jetzt Angst um unser Leben“, sagt Tylikowski dem RND. Angst vor polnischen Rechtsextremen, die mit deutschen Neonazis wie der NPD auf Kriegsfuß stehen. Der Gedenkstein wurde bereits beschmiert. Die deutsche „taz“ und die polnische „Gazeta Wyborcza“ zeigen Bilder des Steins, auf dem die Worte „raus“ und „szwaby“ stehen, Letzteres ein Schimpfwort für Deutsche.

Die Zentrale des Bundes der Jugend der Deutschen Minderheit distanzierte sich am Mittwoch von dem „absoluten Alleingang des Herrn Tylikowski“.