Silvester: Mehrheit der Deutschen für Böllerverbot

  • Bisher schien das Abschießen von Raketen und Böllern zum Jahreswechsel eine unverzichtbare Tradition.
  • Dabei gäbe es etliche gute Gründe, die Knallerei einzuschränken.
  • Mittlerweile, so das Ergebnis einer Umfrage für das RedaktionNetzwerk Deutschland (RND), ist sogar eine Mehrheit für ein generelles Verbot.
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Berlin. Vollgemüllte Straßen, eine hohe Feinstaubbelastung, verängstigte Tiere und immer wieder Schwerverletzte: Es gäbe gute Gründe, auf das Abschießen von Raketen und das Werfen von Böllern zum Jahreswechsel zu verzichten. Aber viele Bundesbürger lieben die Tradition. Sie feuern Jahr für Jahr an Silvester etwa 130 Millionen Euro in die Luft. Mehrere Städte verbieten für bestimmte Gebiete in diesem Jahr allerdings das Böllern. Wie eine Repräsentativ-Befragung für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zeigt, fände ein generelles Verbot inzwischen eine Mehrheit.

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Tiere an Silvester: So schützen Sie Wild- und Haustiere
1:24 min
In der Silvesternacht werden jedes Jahr unzählige Raketen und Böller gezündet. Tiere leiden stark unter der enormen Lautstärke und dem entstehenden Rauch.  © RND

Mindestens 30 Städte und Gemeinden in Deutschland haben für das kommende Silvester ein teilweises oder sogar völliges Böllerverbot erlassen. Dazu zählen Berlin, Hamburg, München und Köln. Dort geht es vor allem darum, größere Menschenansammlungen vor „Beschuss“ zu schützen. An Nord- und Ostsee gilt größtenteils ein komplettes Verbot. Grund: erhebliche Brandgefahr für reetgedeckte Häuser.

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57 Prozent für Böllerverbot

Eine Mehrheit der Bundesbürger kann einem Böllerverbot zu Silvester aus Umwelt- und Sicherheitsgründen Positives abgewinnen. Aus dem neuen RND-Wahlbarometer geht hervor, dass 57 Prozent der Befragten ein Verbot eher befürworten. 36 Prozent sprechen sich eher gegen solche Maßnahmen aus, 7 Prozent sind unschlüssig und antworten mit „Weiß nicht“. Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat für das RND-Wahlbarometer zwischen dem 13. und 17. Dezember 2000 Teilnehmer befragt.

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Ein Verbot findet bei den Anhängern aller Parteien eine deutliche Mehrheit. Lediglich die Wähler der AfD sprechen sich nur zu 40 Prozent dafür aus. Die Zustimmung liegt bei über 55-Jährigen mit 63 Prozent besonders hoch, am geringsten fällt sie bei den 35- bis 54-Jährigen mit 51 Prozent aus. Auffällig: 63 Prozent der Frauen lehnen das private Böllern ab, aber nur jeder zweite Mann.

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Ein entschiedener Befürworter eines Böllerverbots ist Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Er begründete seine Haltung kürzlich im „Deutschlandfunk“ so: „Wir haben die höchsten Feinstaubwerte des Jahres in den Stunden, manchmal Tagen danach. Wir haben aber auch das Problem mit Tausenden von Verletzungen, mit Hausbränden, Wohnungsbränden. Das ist gerade die Zeit, wo man sich eigentlich freuen soll auf das nächste Jahr, und Rettungssanitäter, Notärzte, Feuerwehrleute, die haben einen Krisenmodus und können quasi nie mit ihren Liebsten in Ruhe feiern. Wir möchten Silvester 2.0 ohne diese schwarzpulvergetriebenen Knaller und Raketen.“

Verbote haben schlechte Chancen

Verbote sind allerdings gar nicht so leicht durchzusetzen. Dies geht bisher nur für bestimmte Gebiete, wenn es dort stark gefährdete Gebäude, Krankenhäuser oder Tankstellen gibt oder wenn Menschen schon einmal durch Feuerwerk gefährdet wurden. So passierte es unter anderem nach 2015 auf der Kölner Domplatte oder voriges Silvester in der Münchner Innenstadt, als Raketen waagerecht in die Menge geschossen wurden.

Die DUH hat inzwischen in 98 Städten Verbotsanträge gestellt. Außerdem hat die Umwelthilfe die Bundesregierung aufgefordert, die Sprengstoffverordnung so zu ändern, dass die Kommunen in die Lage versetzt werden, vereinfacht und großflächig Verbote auszusprechen. Das Land Berlin hat einen entsprechenden Antrag über den Bundesrat eingebracht. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat bereits Zustimmung signalisiert, will eine Änderung aber erst in zwei Jahren umsetzen.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Canan Bayram aus Berlin sagte dem RND: „Ein Böllerverbot in Städten halte ich für unausweichlich. Ich unterstütze die Bundesländer in ihrem Wunsch, rechtssichere Verbote für Feuerwerkskörper einzuführen. Klar ist, dass es unter Umwelt- und Gesundheitsschutzaspekten möglich und geboten sein sollte. Die öffentlichen Debatten zeigen, dass es das Bewusstsein über den Nutzen und den Wunsch in der Bevölkerung für ein Verbot gibt.“

Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor hält ein Verbot aber nicht für verhältnismäßig. Er sagte dem RND: „Wer aus Gründen der Feinstaubbelastung jetzt auch noch das Silvesterfeuerwerk verbieten will, hat jedes Gefühl für eine sinnvolle Schwerpunktsetzung verloren. Man muss kein großer Fan von Böllern und Raketen sein und ich habe auch persönlich jedes Verständnis für eine skeptische Haltung, aber diese leidigen Verbotsdiskussionen gehen mir einfach zu weit. Jeder kann zu Silvester auf Feuerwerk verzichten, aber er braucht dafür doch nicht den Staat, um ihm das zu verbieten.“

FDP-Chef Christian Lindner lehnt ein Böllerverbot ab, ruft aber zu maßvollem Verhalten auf. „Ich bin gegen ein Verbot der Silvesterböller, aber für einen vernünftigen und maßvollen Umgang mit der Knallerei“, sagte er dem RND. „Wer es zum Jahreswechsel übertreibt, der macht sich zum Gehilfen der Spielverderber, die alles gleich gesetzlich verbieten wollen.“

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Städtetag offen für Änderungen

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, zeigte sich unterdessen offen für gesetzliche Änderungen, um das Böllern an Silvester einschränken zu können. „Ein Verbot von privaten Silvesterfeuerwerken wird in den Städten unterschiedlich debattiert, weil die örtlichen und baulichen Gegebenheiten gerade auch in den Innenstädten sehr verschieden sind“, sagte er dem RND. „Vor diesem Hintergrund gibt der Deutsche Städtetag keine Empfehlung zu Forderungen ab, Silvesterfeuerwerke zu verbieten.“ Zutreffend sei aber, dass stadtweite beziehungsweise großflächige Verbote auf rechtliche Hürden stießen, so Dedy. „Daher sind wir offen dafür, wenn die Bundesregierung praktikable und sachgerechte Änderungen des Bundesimmissionsschutzgesetzes und insbesondere der Sprengstoffverordnung prüfen würde.“ Das Land Berlin habe Ende November einen entsprechenden Antrag auf Änderung der Sprengstoffverordnung in den Bundesrat eingebracht.

Viele Menschen erfreuten sich am Silvesterabend am Feuerwerk, sagte der Hauptgeschäftsführer. Voraussetzung sei allerdings, dass es verantwortungsvoll gehandhabt werde. Dabei gehe es um „die Sicherheit der feiernden Menschen“ ebenso wie „um den Brandschutz, zum Beispiel von historischen Gebäuden“. Es bleibe jedenfalls 2019 wie auch künftig zu hoffen, „dass es durch verantwortungsvollen Umgang mit Feuerwerkskörpern zu möglichst wenigen Zwischenfällen kommt“.

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Version des Textes war lediglich von einer Umfrage im Auftrag des RND die Rede. Es handelt sich aber um eine repräsentative Befragung im Auftrag des RND. Wir bitten, dies zu entschuldigen, und haben das nun korrigiert.


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