Sick Apple: New York im Zeichen von Corona

  • Wie keine andere Großstadt weltweit leidet New York unter der Corona-Pandemie.
  • Die Krise trifft besonders die armen Bevölkerungsschichten.
  • Alle sorgen sich, ob und wann sich die Millionenmetropole von der Katastrophe erholen kann.
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New York. Das Coronavirus hat New York in ein Koma versetzt. Alles, was die Stadt noch Anfang März ausgemacht hat, ist zum Erliegen gekommen: die Betriebsamkeit der Geschäftsbezirke, die Energie des Straßenlebens, das kulturelle Leben, die neonhelle Nacht, die hier immer zum Tag wird. Nichts davon scheint übrig geblieben zu sein, und niemand weiß, ob und wann es wiederkommt. Doch dann gibt es Momente wie jenen am vergangenen Sonntag, in denen sich der Geist von New York regt – und zeigt, dass es ihn noch gibt.

Mitten in die gespenstische Stille des Stadtbezirks Harlem unter dem Lockdown hallte der gewaltige Bariton eines schwarzen Bluessängers. Der Mann, der mit seinem Fahrrad unterwegs war, fühlte sich wohl dazu bewegt, der verängstigten Nachbarschaft ein wenig von der Seele eines Gospelgottesdienstes in die Wohnstube zu bringen.

Nach den ersten zwei Zeilen des Sam-Cooke-Klassikers „Change Is Gonna Come“ gingen in der Straße die Fenster auf. Die Menschen streckten die Köpfe hinaus in die Nacht, einige traten heraus auf ihre Feuerleitern. Bei der zentralen Zeile des Liedes stimmte dann der ganze Block mit ein: „It’s been too hard living – but I am afraid to die“, das Leben ist zu schwer – aber ich habe Angst zu sterben.

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Sonst Mittelpunkt des Alltagslebens in New York, jetzt wie leer gefegt: Der Times Square in Manhattan. © Quelle: imago images/ZUMA Press

Cooke hatte den Song 1963 als Reaktion auf den Rassismus in Amerika geschrieben und als Artikulation des Lebensgefühls der afroamerikanischen Bevölkerung jener Tage. Jetzt, im Frühjahr des Jahres 2020, bringt das Stück jedoch perfekt die Stimmung in Harlem in Zeiten des Virus zum Ausdruck: die Unerträglichkeit des Augenblicks, die Hoffnungslosigkeit – und den unbeugsamen Willen, trotz allem nicht zu resignieren.

Das improvisierte Straßenkonzert brachte für einen Moment die Menschen eines jener Viertel zusammen, die von dem Virus am härtesten getroffen sind – in der Stadt, die seit nunmehr zwei Monaten unter der Pandemie leidet wie keine andere auf der Welt. An derselben Stelle, an der der Bluesmann an jenem Abend stand, hatten sich in der Woche zuvor nahezu im Stundentakt die Kranken- und die Leichenwagen abgewechselt.

Die schwarze und die Latinobevölkerung leiden in New York wie überall in den USA mehr als jede andere Gruppe unter dem Virus. Die Infektionszahlen sind zwei- bis dreimal so hoch wie der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die Menschen leben in Vierteln wie Harlem dicht gedrängt auf engstem Wohnraum, die wenigsten können es sich leisten, nicht zur Arbeit zu gehen, falls sie überhaupt noch einen Job haben. Der Tod und die Armut sind zu täglichen Begleitern geworden. Und es ist kein Ende in Sicht.

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Die Aussicht ist bedrückend

So macht sich in Harlem langsam eine tiefe Depression breit. Nach dem Schock und der Angst der ersten Wochen hat nun die zweite Phase begonnen. Die Infektionszahlen sind zwar abgeflacht, doch die Aussicht, die sich bietet, ist bedrückend. Die Krise wird sich Monate, vielleicht Jahre hinziehen. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen werden von einer Härte sein, die man sich heute noch nicht ausmalen kann. Und wie die Stadt und die Welt danach aussehen, mag sich heute noch niemand so genau vorstellen.

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Der Blues ist freilich nicht auf Harlem beschränkt, auch wenn es hier und in anderen Minderheitenvierteln wie der Bronx und Teilen von Brooklyn trüber aussieht als irgendwo sonst. Die Perspektivlosigkeit schlägt der ganzen Stadt, ja, dem ganzen Land aufs Gemüt.

So schrieb der Kolumnist Andrew Sullivan im “New York Magazine”: “Wir können als Menschen nicht lange ohne die Aussicht auf eine Zukunft leben. Im Moment ist aber keine Zukunft erkennbar. Es hat sich auf alles der Schatten der Sinnlosigkeit gelegt.”

Gewiss, auch in anderen Ländern hat man mit der Corona-Krise zu kämpfen. Doch das Chaos, in dem die vermeintliche Supermacht USA derzeit versinkt, macht die Lage unerträglich. Die Krise hat offengelegt, wie marode die Weltmacht im Inneren mittlerweile geworden ist. So hat der Journalist George Packer im “New Yorker” die USA zum “failed state”, zum gescheiterten Staat, erklärt. “Die Krise verlangte nach einer raschen, rationalen und kollektiven Reaktion. Stattdessen haben die USA gehandelt wie Pakistan oder Weißrussland – wie ein Land mit einer bröckelnden Infrastruktur und einer dysfunktionalen Regierung, deren Führung zu korrupt und zu dumm ist, massenhaftes Leid abzuwenden.”

Der deutschstämmige Politologe Yascha Mounk, der vor zwölf Jahren Deutschland nicht zuletzt deshalb verlassen hat, weil er den schwelenden Antisemitismus in seinem Geburtsland nicht mehr ertrug, sagt: “Ich vermisse zum ersten Mal, seit ich ausgewandert bin, wieder Deutschland. Ich sehne mich nach unseren langweiligen, handzahmen Politikern, die zumindest rational und im Sinne des Gemeinwohls handeln.”

Teddys sitzen anstelle von Kunden an Restauranttischen auf der Madison Avenue. © Quelle: Pamela Hassell/AP/dpa
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Weit verbreitete Tests gibt es bis heute nicht

Als das Virus Anfang Februar nach Amerika kam, war die Nation vollkommen unvorbereitet. Ärzte und Krankenhäuser hatten keine Schutzausrüstung, weit verbreitete Tests gibt es entgegen der Behauptungen aus Washington bis heute nicht. Staats- und lokale Autoritäten mussten improvisieren und konnten das Schlimmste, den Kollaps des Gesundheitswesens, zum Teil nur mit Mühe und Not verhindern. Eine zentrale Koordination aus Washington gab es nicht.

Statt klare Analysen und nachvollziehbare Richtlinien zu verkünden, nutzte Präsident Donald Trump die täglichen Pressekonferenzen zum Thema dazu, Wahlpropaganda zu betreiben. Die nationalen Gesundheitsbehörden wie die CDC (Centers for Disease Control) wurden derweil von Trumps Krisenstab, der im Wesentlichen aus seiner Tochter und seinem Schwiegersohn bestand, mundtot gemacht.

So herrscht bis heute Verwirrung im Land. Jeder Staat bastelt sich sein eigenes Programm zurecht. Manche, wie Georgia und Texas, schlagen jede Warnung der Experten in den Wind und reißen die Tore auf. Andere versuchen, die Rastlosigkeit der Bevölkerung zu beschwichtigen und sie zur Geduld anzuhalten. Nachdem Trump unterrichtet wurde, dass er nicht, wie er glaubte, monarchische Allmacht besitzt, hat er sich schmollend zurückgezogen. Die nationalen Richtlinien zur Corona-Bekämpfung sind zum 1. Mai einfach ausgelaufen.

Einen koordinierten Plan, wie das Land wieder aus der Krise herausfinden soll, gibt es nicht. Der Kongress hat zwar mittlerweile verschiedene finanzielle Hilfspakete bewilligt. Doch hinter der Verteilung der Mittel steckt kein erkennbares System. So kamen die ersten 349 Milliarden US-Dollar, die für Kleinbetriebe gedacht waren, nur in den seltensten Fällen bei den gedachten Empfängern an. Eine überwältigende Mehrheit der Mittel ging an börsennotierte Großunternehmen.

Aber selbst, wenn das Geld dorthin gelangte, wohin es sollte, stellte es nicht viel mehr als ein Pflaster auf einer klaffenden Wund dar. “Das sind kurzfristige Liquiditätsspritzen, die niemandem wirklich helfen”, sagt Dirk Bergemann, ein deutschstämmiger Ökonom an der Yale University. So rutschen die USA immer tiefer in das Chaos, es ist kein Ende in Sicht. Bis irgendwann in den kommenden 18 Monaten ein Impfstoff gefunden ist, rechnet man mit einem Schrumpfen des Wirtschaftsvolumens von 30 bis 40 Prozent. Die Massenarbeitslosigkeit, so Bergemann, habe noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht.

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Angst vor Viren: Die berühmte New Yorker U-Bahn ist leer wie sonst nie. © Quelle: imago images/Bildbyran

Die „toxische Positivität“

Den Menschen bleibt nicht viel anderes übrig als eine Art von düsterem Stoizismus. Oder wie Andrew Sullivan schreibt: “Ich habe in den Achtzigerjahren in der Aids-Krise gelernt, dass die Dinge manchmal eben eine Katastrophe sind und das manchmal der einzige Weg, etwas hinter sich zu lassen, ist, dort durchzugehen.”

Der sprichwörtliche amerikanische Optimismus erscheint in dieser Lage unangebracht. Amerikanische Psychologen sprechen mittlerweile gar von “toxischer Positivität”. “Der Schmerz, den wir jetzt verspüren”, schreibt die Therapeutin Veronika Tait, “ist real. Negative Emotionen ständig zu unterdrücken macht alles nur noch schlimmer.”

Die Krankenschwester Jasmin J. hat ihre eigenen Mechanismen entwickelt, mit der Lage umzugehen. “Ich kann im Moment überhaupt nicht an die Zukunft denken”, sagt sie. “Das würde mich völlig überwältigen.” Die Krankenschwester, die wegen ihres Arbeitgebers anonym bleiben möchte, arbeitet zurzeit in der Notaufnahme von zwei New Yorker Kliniken – doppelte Schichten, 70 Stunden pro Woche. Nach der ersten Patientenflut, als die Notaufnahmen zu kollabieren drohten und sie nicht wussten, ob Ausstattung und Geräte ausreichen würden, ist die Menge der Patienten jetzt zwar handhabbar geworden. Die Arbeit ist dadurch jedoch nicht leichter geworden.

“Die meisten Leute, die kommen”, erzählt J., “sind sehr schwer krank.” Ihre Aufgabe besteht darin, in kürzester Zeit zu entscheiden, was mit den Patienten geschieht. Müssen sie gleich auf die Intensivstation, sollen sie an ein Beatmungsgerät, oder wartet man noch und versucht es mit milderen Therapien?

Es sind nicht selten Entscheidungen über Leben und Tod. Wer an ein Beatmungsgerät gehängt wird, hat eine Überlebenschance von nicht mehr als 20 Prozent. Und wenn eine solche Entscheidung getroffen ist, müssen auch gleich ernste Gespräche mit den Patienten und ihren Angehörigen geführt werden, Gespräche darüber beispielsweise, wie aggressiv man die Patienten im Zweifel behandeln soll und ab welchem Zeitpunkt man ihnen lieber beim Sterben hilft.

Endstation Massengrab: Arbeiter in Schutzanzügen vergraben einfache Holzsärge in einem Graben auf Hart Island im Stadtbezirk Bronx. © Quelle: John Minchillo/AP/dpa

Ausblenden, dass die zweite Welle sicher kommt

All das lässt J. nicht mehr los. “Ich kann ganz schlecht abschalten”, sagt sie. Oft liegt sie nachts wach und grübelt darüber nach, ob sie richtige Entscheidungen getroffen hat. Und dann ist da noch die Angst. Zwei der Ärzte, mit denen sie gearbeitet hat, sind in kritischem Zustand, zwei Klinikschwestern sind gestorben. “Ich kann nicht sagen, dass die Angst weggeht”, sagt J. “Es ist eher so, dass man lernt, damit zu leben. Sie begleitet einen.”

Dass die zweite Welle sicher kommt, dass dieser Ausnahmezustand noch viele Monate anhalten kann, all das muss J. ausblenden. “Ich kann im Moment nur von Tag zu Tag, von Woche zu Woche denken.”

Daran zu denken, was in einem halben Jahr oder in einem Jahr ist, würde die Gefahr bergen, in eine lähmende Verzweiflung zu verfallen. Und Verzweiflung kann sich die Krankenschwester nicht leisten. Deshalb konzentriert sie sich, wie die ganze Stadt, auf das, was im Augenblick anliegt.

So konzentriert sich auch der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio auf die unmittelbaren Probleme, die er zu lösen hat. Wie etwa den herannahenden Sommer, der die Menschen aus ihren engen Wohnungen ins Freie treiben wird. Das erste warme Wochenende im Mai hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, was die Stadt erwartet, wenn das Quecksilber klettert: Die Parks waren überfüllt, von den gebotenen Sicherheitsabständen konnte keine Rede mehr sein. Deshalb gibt die Stadt in den kommenden Wochen gut 200 Straßenkilometer für Fußgänger und Radfahrer frei – ein bisschen mehr Raum für die mehr als acht Millionen Bewohner.

Ein Geruch von Verfall

Doch die Parks sind nicht die einzige Sorge des Bürgermeisters. Gleich zweimal musste de Blasio in orthodoxen jüdischen Vierteln in Brooklyn traditionelle Beerdigungen durch die Polizei auflösen lassen, weil mehr als 2000 Menschen zusammengekommen waren. Eine Maßnahme, die ihm den Vorwurf des Antisemitismus eintrug und den, die freie Religionsausübung zu missachten.

Einen Vorgeschmack auf das, was auf die Stadt in den nächsten Monaten und Jahren zukommt, bekommt man bereits, wenn man heute durch die Straßen von Manhattan läuft. Überall in den Hauseingängen nisten sich zwischen vernagelten Schaufenstern die Obdachlosen ein, die in der Zeit vor Corona weitgehend aus der Sicht verschwunden waren. Jetzt bauen sie offen ihre Zelte und Notquartiere auf, unbehelligt von der Polizei, die andere Sorgen hat, als sie zu vertreiben.

Ein Geruch von Verfall weht durch die Stadt, eine apokalyptische Vorahnung auf das, was eine Arbeitslosenzahl von 30 Prozent und eine um 40 Prozent geschrumpfte Wirtschaft bedeuten werden. Eines wird klar: Ein Zurück zu dem Luxus-New-York der vergangenen Jahre wird nicht möglich sein. Vielleicht wird es, wenn man es positiv sehen will, eine Wiedergeburt des freien, bezahlbaren, kreativen New York der Siebziger- und Achtzigerjahre geben.

Ganz sicher wird es jedoch eines geben: Leid und Elend. Und über das Ausmaß dieses Leids nachzudenken übersteigt in diesem Moment, in dem noch immer täglich Hunderte New Yorker sterben, die Kraft. Die Realität dieses Augenblicks, dieses Tages ist mehr als genug.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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