Bis Ostern reicht nicht: Wie lange muss der Corona-Shutdown dauern?

  • Die Restaurants und Geschäfte müssen wegen Corona zu bleiben - “bis auf Weiteres”.
  • Die Schließung der Schulen und Kitas soll zunächst bis zum Ende der Osterferien gelten. Kehrt dann die Normalität zurück?
  • So sieht es nicht aus. Die Sicht der Experten und die Erfahrungen in China lassen vermuten, dass der Shutdown deutlich länger anhalten muss - mit Abstufungen.
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Das Alltags- und Wirtschaftsleben in Deutschland ist wegen des Coronavirus bereits weitgehend eingeschränkt, weitere Maßnahmen stehen an. „Es ist jetzt schon sehr schwer. Die nächsten Wochen werden noch schwerer“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrer TV-Ansprache am vorigen Mittwoch.

Da waren die Schulen und Kitas in ganz Deutschland bereits geschlossen, viele Firmen hatten auf Homeoffice umgestellt.

Inzwischen kamen in fast allen Bundesländern weitere Schritte hinzu, etwa die Schließungen von Restaurants, Bars und den meisten Geschäften. In einigen Städten gibt es Augangsbeschränkungen. Diese Regelungen gelten “bis auf Weiteres”.

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Spahn: Einschränkungen “über mehrere Monate”

Da die Schul- und Kitaschließungen in den meisten Bundesländern sowie die teils erlassenen die Reisebeschränkungen zunächst bis zum Ende der Osterferien ausgerufen wurden, also bis Mitte oder Ende April, rechnen viele in der Bundesrepublik damit, dass dann auch der Shutdown des öffentlichen Lebens wieder aufgehoben wird. Doch laut Expertenmeinung und den Äußerungen der zuständigen Politiker reicht das nicht aus.

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“Wir reden deutlich über mehrere Monate als über mehrere Wochen”, hatte etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gesagt, allerdings allgemein bezogen auf Einschränkungen im Alltagsleben. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, sagte über die verschiedensten Sonderregelungen zum Corona-Schutz: "Wir gehen von einem Zeitraum von zwei Jahren aus“.

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Virologe: “Sicher nicht nur zwei Wochen”

Das betrifft allerdings nicht den derzeitigen Zustand, sondern vor allem die Krankenhäuser sowie besondere Hygienevorschriften. Immerhin werde die Epidemie “noch viele Wochen und Monate unterwegs sein”, so Wieler. Knackpunkt ist die Entdeckung und massenhafte Herstellung eines Impfstoffs. Damit ist in diesem Jahr nach einhelliger Expertenmeinung eher noch nicht zu rechnen.

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Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit betonte deshalb bereits, die Bevölkerung müsse sich „auf einen langen Zeitraum der Entbehrungen“ einstellen, der „sicher nicht nur zwei Wochen“ andauern werde.

Doch wie lange werden die akuten Maßnahmen nötig sein, die derzeit das Leben in Deutschland zum Stillstand bringen? Die Einschränkungen werden in den kommenden Tagen oder Wochen eher schärfer als lockerer, sagte der Charité-Virologe Christian Drosten dazu gerade in seinem NDR-Podcast.

Und der Gießener Virologe John Ziebuhr rechnet damit, dass die Empfehlungen, soziale Kontakte auf ein Mindestmaß zu beschränken, für mindestens vier bis fünf Wochen gelten werden – „vielleicht auch ein paar Wochen länger. Das halte ich für eine sinnvolle Größenordnung, um die Situation neu beurteilen zu können“, sagte der Infektiologe.

Stellschrauben testweise lockern

Das würde bedeuten, dass auch die Schul-, Firmen- und Restaurantschließungen so lange andauern würden. Dass jedenfalls nach den Osterferien alles wieder seinen ganz gewohnten Gang nehmen werde, nannte Virologe Schmidt-Chanasit bei n-tv eine „Illusion“: „Wir reden hier immer über einen Zeitraum von mehreren Monaten, wo wir mit diesen Einschränkungen leben müssen.“

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Es komme jetzt darauf an, das richtige Maß für Deutschland zu finden. Insofern sei der Zeitraum des Shutdowns derzeit noch nicht absehbar. In den nächsten Wochen werde man sehen, „wie die Stellschrauben auch wieder etwas gelockert werden können und wie das Gesundheitssystem mit diesen vielen Fällen dann auch umgehen kann“.

Ob der aktuelle Shutdown die erwünschte Wirkung entfacht und zu einer derart verlangsamten Ausbreitung des Virus führe, dass die Krankenhäuser nicht überlastet würden, lässt sich laut Robert-Koch-Institut (RKI) frühestens Ende März beurteilen: "Man müsste nach zehn bis zwölf Tagen sehen, ob diese Maßnahmen greifen”, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade.

Da in Italien der Punkt der Besserung noch nicht erreicht ist, kann derzeit allein China zur Orientierung dienen - obwohl die Experten die von dort gemeldeten gesunkenen Infektionszahlen inzwischen anzweifeln. Glaubt man den Regierungsangaben, ist das Virus in der chinesischen Provinz Hubei, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hatte, unter Kontrolle und man kehrt Schritt für Schritt zu einer Art Normalität zurück.

In China galt Ausgangssperre acht Wochen

Erste Schulen öffnen, manche Fabriken nehmen ihren Betrieb wieder auf, die Bewegungseinschränkungen werden teilweise aufgehoben. Dort waren die verschärften Quarantänemaßnahmen acht Wochen lang in Kraft. Übertragen auf Deutschland wäre dann mit einer ersten Entspannung der Lage frühestens Anfang bis Mitte Mai zu rechnen.

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Allerdings waren die Maßnahmen in China deutlich weitreichender als bislang hierzulande. Dort gab es rigorose Ausgangssperren, Handyortung von Infizierten, Massentests und ein akribisches Nachhalten der Infektionsketten - all das gibt es hier nicht.

Hinzu kommt, dass die vorübergehende Verlangsamung der Infektionen nicht zum Ende der Pandemie führen wird. Vielmehr hängt es von der „Dauer der Durchseuchung“ ab, so das Robert Koch-Institut, wann die Maßnahmen gelockert werden können, ohne zur Überlastung der Krankenhäuser zu führen.

Die Pandemie werde ja erst dann von selbst gestoppt, wenn sich immer mehr Menschen infiziert haben und eine Immunität aufbauen: Erst wenn etwa 70 Prozent der Bevölkerung immun sind, findet das Virus zu wenig Wirte, um sich weiterzuverbreiten. Alle Maßnahmen haben nur zum Ziel, neue Infektionen nur zu verschieben - verhindern können sie sie vorerst nicht.

Weniger Infektionen im Sommer erhofft

Die gute Nachricht dabei: Von den bisher beim RKI registrierten Infizierten in Deutschland seien viele bisher gar nicht erkrankt oder schon wieder genesen. Viele Infizierte zeigen erst nach zwei Wochen Symptome, bei anderen sind diese so mild, dass sie selbst sie nicht bemerken. Wahrscheinlich tragen schon jetzt viel mehr Menschen das Virus in sich als positive Testergebnisse vorliegen.

Das könnte dazu führen, dass die erste Welle bald abflacht - zumal das Coronavirus einige wichtige Gemeinsamkeit mit anderen Grippe-Arten hat und die Wissenschaft deshalb hofft, dass auch Corona saisonal verlaufen und im Frühjahr und Sommer zurückgehen könnte. Zugleich ist allerdings nach Ende des derzeitigen Shutdowns wieder mit einem Anstieg an Neuinfektionen zu rechnen.

So gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Epidemie in Deutschland in Wellen verlaufen wird, bis es einen serienreifen Impfstoff gibt. Das heißt, dass auch Shutdown-Maßnahmen je nach Bedarf wieder ausgerufen werden müssen. Eine starke Kontaktreduzierung und die Schließung der Schulen und Universitäten würde über einen längeren Zeitraum immer wieder verhängt und aufgehoben.

Einzelne Maßnahmen könnten auch Bestand haben. So sagt Charité-Virologe Christian Drosten voraus, dass man Massenevents wie Bundesliga-Spiele mit Tausenden Zuschauern im Fußballstadion noch für ein ganzes Jahr aussetzen sollte, also bis mindestens nächstes Frühjahr. Das würde dann analog für andere Großveranstaltungen wie Hallen- und Stadionkonzerte und Festivals gelten.

Durch dieses Vorgehen würde die Kapazitätsgrenze der Intensivbetten nicht überschritten, die Todesfälle würden reduziert und in der Zeit ohne Maßnahmen würde sich die übrige Bevölkerung infizieren und anschließend immun gegenüber dem Virus – bis eine so genannte Herdenimmunität entsteht oder aber der Impfstoff verfügbar ist.

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In Italien gibt es mehr Todesfälle als in China. Ministerpräsident Conte sagte am Samstagabend, dass das Land in der schwersten Krise der Nachkriegszeit stecke.  © Reuters


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