Shell-Studie: Das sind die größten Ängste der Jugend

  • Wie tickt die heutige Jugend, die „Generation Greta“? Sind die Klimaaktivisten wirklich repräsentativ für die Deutschen unter 25?
  • Das hat die neue Shell-Jugendstudie systematisch untersucht.
  • Eine Erkenntnis: Die 12- bis 25-Jährigen sind für Populismus durchaus empfänglich. Doch es gibt auch gute Nachrichten.
Alexander Holecek
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Berlin. Die Jungen sind politisch. Sie retten die Welt, und sie wissen, sich in dieser Welt als gewandte, tolerante Menschen zu bewegen. Und die größte Angst hat die Jugend von heute vor Klimawandel und Umweltzerstörung. Stimmt alles – und ist doch nur die halbe Wahrheit. Denn neben denen, die sich so engagieren und selbstbewusst zu Wort melden, gibt es auch die anderen. Diejenigen, die sich nicht wahrgenommen fühlen. Die gerne auch mal einfache populistische Botschaften als Weisheit schlucken. Die sich von der Politik hintergangen fühlen. Wie die 53 Prozent der jungen Leute, die glauben, „die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“.

Das Bild einer geteilten Generation skizziert Deutschlands größte Studie zu Haltungen, Wertvorstellungen und Struktur der Zwölf- bis 25-Jährigen – die gut 380 Seiten starke Shell-Jugendstudie, die an diesem Dienstag in Berlin von ihren Autoren und der für Jugend zuständigen Bundesministerin, Franziska Giffey (SPD), vorgestellt wurde. Schon die Annahme, dass die Fridays-for-Future-Demonstrationen eine massive Politisierung der heutigen Jugend belegen, ist nur halb richtig. „Es gibt eine Politisierung“, erklärt der renommierte Studienleiter Mathias Albert von der Universität Bielefeld, „aber das heißt bei der gegenwärtigen Jugend, dass diejenigen, die bereits politisch interessiert waren, sich nun noch intensiver mit Politik auseinandersetzen – und sich noch intensiver engagieren.“ Die anderen? Wenden sich zum großen Teil ab.

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Auch in vielen anderen Punkten überrascht, was die Sozialwissenschaftler durch die aufwendige Auswertung ihrer repräsentativen Umfrage unter 2572 Jugendlichen zwischen Januar und März dieses Jahres ermittelten. So schaue die Jugend insgesamt zuversichtlich auf die gesellschaftliche Zukunft, sagt Albert. Das liegt vielleicht auch daran, dass die jungen Leute sich als pragmatisch und tolerant erweisen. Es habe noch nie eine Generation in Deutschland gegeben, die so positiv gegenüber der Demokratie und Europa eingestellt sei, sagt der Studienleiter. Und doch gebe es Warnsignale. Giffey will jedenfalls gleich mehrere Handlungsaufforderungen erkannt haben – zumal sie auch für Familie und Gleichstellung der Frauen zuständig ist. Und da scheint manches wieder ein bisschen konservativer zu werden. Ein Überblick:

Wo die Zukunftsängste wohnen

Was die freitäglichen Klimademos der „Generation Greta“ seit gut einem Jahr zeigen, bestätigt die Studie: Umwelt- und Klimathemen beherrschen die Ängste und Sorgen der Jugend für die Zukunft. Erstmals wird Umweltverschmutzung (71 Prozent) als das größte Problem unserer Zeit genannt. Dahinter folgen Terroranschläge (66) und der Klimawandel (56). Themen wie die Wirtschaftslage, Armut und Arbeitslosigkeit, die bis 2010 vorherrschend waren, nehmen nur noch hintere Ränge ein. Dabei zieht sich das Problemverständnis bei Umwelt und Klima durch die gesamte Generation. „Auch viele Jugendliche, die nicht demonstrieren, unterstützen die Fridays-for-Future-Bewegung“, sagt Albert. Trotz des Klimabewusstseins möchten viele Jugendliche weiter mobil bleiben. Auch auf dem eigenen Kontinent: Mit der EU verbinden sie vor allem die Freizügigkeit und die Möglichkeit des Reisens durch offene Grenzen.

Politik ist nichts für alle

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Hohe Wahlbeteiligungen, Demonstrationen für Klimaschutz oder gegen Uploadfilter – die Jugend gilt als so politisch engagiert wie selten zuvor. Die Studie kommt allerdings zu dem Befund, dass eine verstärkte Zunahme des Interesses nur in den Kreisen zu erkennen ist, die ohnehin als politisch interessiert galten, vor allem also unter gut Gebildeten wie Gymnasiasten und Studenten. Allen aber ist ein wenig ausgeprägtes Vertrauen in Parteien und Politik gemeinsam: Zwei Drittel glauben nicht, dass sich Parteien und Politik ausreichend „um unsere Belange kümmern“. Außerdem genießt die Politik ein deutlich schlechteres Ansehen als andere Institutionen wie etwa die Polizei. Die Studie sieht folglich trotz der starken Artikulation politischer Interessen eine politikverdrossene Jugend. Unterm Strich ist das politische Interesse sogar erstmals seit der Jahrtausendwende gesunken. Nur noch 41 Prozent (2015: 43) behaupten von sich, politisch interessiert zu sein.

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Mit Wissen gegen Populismus

Weil sich nur die wenigsten gern selbst als Populisten bezeichnen, gehen Forscher einen Umweg: Auch für die Shell-Studie fragten sie die Zustimmung zu Thesen ab, die sie wegen unzulässiger Vereinfachung als populistisch einordnen – und haben danach drei große Gruppen unter den Jugendlichen in Ost und West definiert. Ergebnis: Sätze wie „Deutschland ginge es ohne die EU besser“ oder „Deutschland wird durch den Islam unterwandert“ fanden keine Mehrheiten. Die beruhigende Erkenntnis: Nur 9 Prozent stimmten allen angebotenen Populismusthesen zu. Das Alarmsignal: Einzelne Aussagen haben in der Jugend eine größere Anschlussfähigkeit als unter der Gesamtbevölkerung. Die größte Zustimmung findet etwa die Ansicht, dass man „nichts Negatives über Ausländer sagen darf, ohne als Rassist zu gelten“. So sehen es 68 Prozent der Jugendlichen. Studienleiter Albert gibt auch einer „stiefmütterlichen Situation der politischen Bildung“ die Schuld.

So international wie nie

In Deutschland gab es noch nie eine so internationale junge Generation wie heute. „Wir haben eine sehr bunte und vielfältige Jugend“, sagt Familienministerin Giffey. So ist der Anteil der Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln stetig gewachsen – besonders mit Beginn der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015. Aber: Mehr als die Hälfte (51 Prozent) aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist in Deutschland geboren. Die Jugendlichen mit Migrationsgeschichte erfahren wachsende Akzeptanz. Ressentiments gegenüber bestimmten sozialen Gruppen oder Minderheiten gehen zurück. So sind etwa die Vorbehalte gegenüber einer türkischen Familie als potenzielle Nachbarn von 27 Prozent (2010) auf 18 Prozent gesunken. Im Osten Deutschlands sind Vorurteile allerdings weiter verbreitet als im Westen. Die heutige Generation gilt als toleranteste und weltoffenste, die es je in Deutschland gab – auch eine Folge studentischer Austauschprogramme mit anderen Ländern, die den Dialog fördern.

Junge Familie, altes Modell

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Bei der Frage, wer bei der Kindererziehung beruflich zurückstecken sollte, bevorzugen viele die traditionelle Rollenverteilung. Wenn sie ein zweijähriges Kind hätten, sagen 54 Prozent, würden sie ein „männliches Versorgermodell“ befürworten. Demnach soll der Mann 30 oder 40 Stunden arbeiten, die Frau hingegen gar nicht oder maximal halbtags. Der Wunsch nach einer traditionellen Mutterrolle und der Rolle des Vaters als Ernährer ist im Westen besonders stark ausgeprägt – und zwar sowohl unter Männern (58 Prozent) als auch unter Frauen (56). Im Osten sind gleichgewichtete Familienmodelle deutlich beliebter. Jüngere und ältere Befragte sind sich recht einig, was die gewünschte Arbeitszeit für Mütter angeht. Allerdings steigt mit zunehmendem Alter die Erwartung, dass der Vater eines zweijährigen Kindes in Vollzeit arbeiten sollte.

Nicht ohne mein Handy

Umwelt hin oder her – auf Konsum will kaum jemand verzichten. Und schon gar nicht aufs Smartphone. Ohne das Handy, sagen 38 Prozent, „fehlt mir mein halbes Leben“. Es ist das von Jugendlichen mit Abstand am meisten genutzte Gerät für das Surfen im Netz. Fast alle nutzen mindestens einmal täglich Messengerdienste wie Whatsapp (94 Prozent) und soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube (81). Zwei Drittel sind mindestens zwei Stunden täglich im Internet. Wenn es um Informationen und deren Vertrauenswürdigkeit geht, vertrauen aber die meisten nicht Twitter und Co., sondern den klassischen Medien wie Fernsehkanälen und Tageszeitungen. In sozialen Netzwerken geht es häufiger um Unterhaltung, Kommunikation und Selbstdarstellung. Eine kritisch-kompetente Mediennutzung ist trotz des hohen Konsums im Internet selten. Weniger als ein Drittel der Jugendlichen überprüft die Sicherheitseinstellungen zum Schutz ihrer Daten.

Ein Land, zwei Meinungen

Der Mauerfall ist 30 Jahre her – doch die innerdeutsche Grenze zeigt sich in nach wie vor sehr unterschiedlichen Meinungen im Ost-West-Vergleich. So ist die Zufriedenheit mit der Demokratie im Westen größer (78 Prozent sind zufrieden) als im Osten (66). Allerdings ist sie auch in Ostdeutschland stark gestiegen: Vor vier Jahren waren nur 44 Prozent der jungen Ostdeutschen glücklich damit. Selbst beim Thema Kinderwunsch bestehen noch Unterschiede: 71 Prozent der jungen Ostdeutschen möchten später einmal Kinder, nur 67 Prozent sind es im Westen. Doch auch dieser Wert hat sich seit 2002 angeglichen – weil der Kinderwunsch ostdeutscher Frauen immer weiter abnimmt. Erreicht ist die Einigkeit dagegen beim Thema Gerechtigkeit: 59 Prozent finden demnach, dass es in Deutschland insgesamt gerecht zugehe. Das gilt für West- und Ostdeutschland gleichermaßen.

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Schichten spalten

Als größter Spaltfaktor innerhalb der Jugendgeneration stellt sich die soziale Herkunft und mit ihr die Bildungs- und Einkommensschicht heraus. Einerseits hält der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen an. Das Gymnasium ist unangefochten populärste Schulform und das Abitur der mit Abstand am häufigsten angestrebte Schulabschluss. Andererseits hängt die Erfüllung dieses Wunsches nach wie vor in erheblichem Maße vom Bildungsgrad der Eltern ab. Auch politische und persönliche Einstellungen lassen sich oft entlang der Linie zwischen Bildungsschichten ableiten. So sind Jugendliche aus bildungsnahen Schichten zufriedener, schauen optimistisch in die Zukunft und würden ihre Kinder ähnlich oder genauso erziehen, wie es die Eltern mit ihnen gemacht haben. Außerdem sind besser Gebildete deutlich umweltbewusster und weniger anfällig für populistische Thesen.

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