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Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Das Monströse lauert nebenan

  • Die Fallzahlen von an Kindern verübter sexueller Gewalt sind im vergangenen Jahr gestiegen.
  • Das liegt zum einen an erfolgreicher Aufdeckung durch Ermittler, zum anderen aber auch an der Sorglosigkeit der Gesellschaft.
  • Sie muss aber gerade jetzt, in Corona-Zeiten, aufmerksamer gegenüber Kindern sein, kommentiert Thoralf Cleven.
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Es sind Fälle wie die in Staufen, in Lügde oder in Bergisch-Gladbach, die die Deutschen in dunkle Abgründe der eigenen Nachbarschaft blicken lassen. Fälle, in denen Kinder meistbietend an Vergewaltiger ausgeliehen werden. Fälle, in denen Foltervideos von Kindern angeboten werden und reißenden Absatz finden. Fälle, in denen Minderjährige die abartigsten Gelüste Erwachsener befriedigen müssen.

Monströs sind solche Vorkommnisse, heißt es dann, ekelerregend oder einfach nur krank. Damit versuchen wir Distanz zum Geschehen zu schaffen – als gehöre es nicht in unsere Welt. Wir lehnen selbstverständlich Taten und Täter ab. Doch wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die unter uns leben. Und dass der Verfolgungsdruck offensichtlich nicht hoch genug ist.

Die jüngste Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik zu kindlichen Gewaltopfern zeigt jedenfalls eindeutig, dass die Zahl der bekannt gewordenen Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder unaufhörlich steigt. Kinderpornografische Delikte, also die Herstellung und Verbreitung von Darstellungen sexueller Gewalt an Minderjährigen, haben sich seit 2016 – binnen drei Jahren – sogar verdoppelt.

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Ermittler machen einen guten Job

Die Aufdeckung dieser Taten in dieser Höhe ist zweifellos auch eine gute Nachricht. Sie zeigt: Die Ermittler machen im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen guten Job, denn sie bringen mehr Licht in die Machenschaften solcher Verbrecher. Vermutlich, und dieser Gedanke ist schwer zu ertragen, sehen sie jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Viele, viele Taten und noch viel mehr Leid bleiben verborgen, weil Verdächtige schweigen, Datenschutzbestimmungen Ermittler fesseln und sie legal kaum Zugang in immer ausgefeilter agierende Netzwerke finden.

Dass viele Kinder in Deutschland ihren Peinigern entrinnen können, haben sie allein amerikanischen und kanadischen Politikern sowie Strafverfolgern zu verdanken. In Nordamerika sind Provider gesetzlich verpflichtet, den Behörden verdächtigen Datenverkehr auf ihren Servern zu melden. Und die informieren umgehend ihre europäischen Kollegen.

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Ermittler in Deutschland träumen von diesen Möglichkeiten. Hierzulande liegt die bereits 2015 beschlossene Vorratsdatenspeicherung bekanntermaßen bis heute juristisch auf Eis. Ärzte dürfen in Verdachtsfällen nicht ohne Zustimmung der Sorgeberechtigten Kollegen zur Beratung konsultieren. Und erst jetzt sollen sich Verfolger mit Fake-Fotos Zutritt zu verschlossenen Gewaltnetzwerken im Darknet verschaffen dürfen.

Datenschutz wird so – bei all seiner Bedeutung – zum Täterschutz. Und Kinderschutz zum Lippenbekenntnis.

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Noch mehr Leid in der Corona-Krise

Mit der Corona-Krise und all ihren Folgen in Zeiten des Lockdowns ist mutmaßlich noch mehr Leid über viele ungeschützte Kinder und Frauen gekommen. Bislang gibt es zwar nach Polizeierkenntnissen keine signifikante Zunahme von Gewalt oder Missbrauch im häuslichen Umfeld. Damit ist jedoch zu rechnen, denn zum einen passieren Gewalttaten gegen Frauen und Kinder zu zwei Dritteln in den eigenen vier Wänden. Zum anderen führen die Isolation in Wohnungen und die damit einhergehende Zunahme von Stressfaktoren wie Beengtheit oder Existenzangst erfahrungsgemäß zu noch mehr Gewalt, als ohnehin schon vorhanden ist.

Allein aus diesem Grund ist es notwendig, Schulen und Kindertagesstätten im Zuge gelockerter Beschränkungen rasch wieder in funktionierende soziale Netzwerke zu verwandeln und als Auffangstationen für bedrohte oder missbrauchte Kinder zu integrieren. Dazu gehört mit Sicherheit, das Personal trotz aller ohnehin vorhandenen Schwierigkeiten entsprechend zu qualifizieren. Letztlich werden es auch die Jugendämter mit mehr Betreuungsfällen zu tun bekommen. Sind sie dafür personell ausreichend ausgestattet?

Lehrer, Erzieher oder Betreuer sind in den letzten Monaten weitestgehend ausgefallen, um Auffälligkeiten im Verhalten von Kindern oder Verletzungen wahrzunehmen. Darum kommt es trotz aller Lockerungen jetzt und künftig auf Nachbarn an. Darauf, aufeinander zu achten.

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Das Monströse, das haben alle bekannt gewordenen Fälle gezeigt, lauert nebenan. Betroffene Kinder, die sich ohnehin mutterseelenallein fühlen, dürfen nicht auch noch alleingelassen werden.

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