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Sexualverbrechen an Kindern: Missbrauchsbeauftragter sieht “neue Abgründe”

  • Auch zehn Jahre nach Beginn der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche sieht der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung noch erheblichen Handlungsbedarf zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.
  • Mädchen und Jungen seien in Deutschland auch im Jahr 2020 zu wenig vor sexuellen Gewalttaten geschützt, sagt Johannes-Wilhelm Rörig im Interview.
  • Mit digitalen Medien und dem Darknet erreiche die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen neue Dimensionen.
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Berlin. Herr Rörig, vor zehn Jahren kamen etliche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ans Licht. Sind Kinder und Jugendliche heute besser vor Missbrauch geschützt?

Mädchen und Jungen sind in Deutschland auch im Jahr 2020 zu wenig vor sexuellen Gewalttaten geschützt. Die maximale Reduzierung der Fallzahlen muss höchste Priorität haben. Der Kampf gegen Missbrauch und seine Folgen muss in Deutschland endlich als nationale Aufgabe begriffen werden.

Politik, Kirchen und Sportvereine gelobten, genauer hinzuschauen. Hat es nichts genützt?

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Es ist bitter festzustellen, aber alle bisherigen Anstrengungen von Bund, Ländern, Kommunen, Kirchen, Wohlfahrt und dem organisierten Sport haben nicht gereicht, das unerträgliche Leid vieler tausend Mädchen und Jungen einzudämmen. Die Fallzahlen sind seit Jahren unverändert hoch. Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet jährlich über 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und Missbrauchsabbildungen von Kindern, sogenannte Kinderpornografie. Das sind über 50 Fälle pro Tag. Hinzu kommen tausende Fälle, von denen wir keine Kenntnis erlangen.

Wie wirkt sich die Digitalisierung des Alltagslebens auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder aus?

Durch die digitalen Medien und das Darknet sind neue Abgründe dieser Sexualverbrechen hinzugekommen. Vergewaltigungen von Kindern, oft von nahestehenden Familienangehörigen, werden immer häufiger gefilmt und als sogenannte Kinderpornografie ins Netz eingestellt, in unvorstellbaren Terrabyte-Dimensionen, wie uns die Missbrauchsfälle von Lügde und Bergisch-Gladbach erneut schmerzhaft gezeigt haben. Diese grausamen Missbrauchsabbildungen dürfen nicht weiterhin „Bestseller“ im Internet sein. Hinter jedem dieser Bilder steht das Schicksal eines Kindes, das dem Täter ohnmächtig ausgeliefert ist.

Was fordern Sie?

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Täter müssen sich überall viel stärker vor Entdeckung fürchten, im Netz und in ihrem sozialen Umfeld. Auch die politischen Parteien müssen sich in ihren Programmen und Koalitionsvereinbarungen endlich klipp und klar und mit konkreten Festlegungen dem Kampf gegen sexuellen Missbrauch verschreiben. Konsequenteres Vorgehen und zusätzliche personelle und finanzielle Kraftanstrengungen sind überall erforderlich, nicht nur dort, wo Fälle zu Skandalen werden, wie aktuell in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder dem Saarland.

Macht sich die Politik mitschuldig?

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Wer dauerhaft verantwortet, dass nichts oder zu wenig für Schutz und Hilfe getan wird, läuft Gefahr, sich dem Vorwurf der Duldung auszusetzen.