Berühmtes Zitat: Manuela Schwesig baut auf “gute Mächte”

  • Manuela Schwesig bedankt sich nach Krebserkrankung für Unterstützung.
  • In den sozialen Medien zitiert sie ein Gedicht von Dietrich Bonhoeffer.
  • Der Theologe war Teil des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und wurde hingerichtet.
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Manuela Schwesig sucht in schweren Zeiten Halt im Christentum. Als die SPD-Spitzenpolitikerin am Dienstag ihre Brustkrebserkrankung auch in den sozialen Medien öffentlich machte, schrieb sie: „Von guten Mächten wunderbar geborgen...Darauf vertraue ich. Vielen Dank für die guten Wünsche! Das berührt mich sehr und gibt mir viel Kraft.“ Damit bezieht sie sich auf ein Gedicht und Kirchenlied des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Das Gedicht wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der populärsten Kirchenlieder des 20. Jahrhunderts - und ist auf auf zahlreichen geistlichen Festen wie Konfirmationen und Taufen zu hören.

Anders als viele andere Protestanten hatte Bonhoeffer die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten von Beginn an sehr kritisch betrachtet. Unter anderem gemeinsam mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi - dem Vater des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und Bundesministers Klaus von Dohnanyi - engagierte er sich ab 1938 im Widerstand gegen Hitler. Nach zwei gescheiterten Attentatsversuchen, an denen auch Bonhoeffers Bruder Klaus beteiligt war, wurde Dietrich Bonhoeffer am 5. April 1943 von der Gestapo verhaftet.

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Bonhoeffer schrieb Gedicht im Gefängnis

Sein siebenstrophiges Gedicht "Von guten Mächten treu und still umgeben" - eine Weihnachtsbotschaft an seine Verlobte und seine Familie - schrieb Bonhoeffer Ende 1944 im Kellergefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Seine drohende Hinrichtung muss er in diesen Tagen schon geahnt haben. Eingebettet ist das Gedicht in einen Brief, den der Theologe kurz vor dem Weihnachtsfest 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schrieb. Es war Bonhoeffers letzte Nachricht an Maria. Er wurde am 9. April 1945 erhängt.

Mehr lesen: SPD mit Herzensbotschaft an Manuel Schwesig

Die Zeile, die Manuela Schwesig in ihrem Tweet und auf Facebook zitiert, ist die erste Zeile der letzten Strophe:

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"Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiß an jedem neuen Tag."

In dem Gedicht geht es um schlimme Zeiten und Hoffnung

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Die Strophen davor handeln von der schwierigen Zeit der Gegenwart und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die schwierigen Zeiten - bei Bonhoeffer sind es die Grausamkeiten der Nationalsozialisten, das Wissen um die inhaftierten Mitstreiter, die Toten; bei Schwesig ist es die Krebserkrankung - werden in dem Gedicht nicht verschwiegen. Die Gegenwart wird nicht schöngeredet, das schwere Los wird aus der Hand Gottes, der hier mit "du" Angesprochene, entgegengenommen und letztlich auch wieder in seine Hände gelegt:

"Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern / des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, / so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / aus deiner guten und geliebten Hand."

Aus der vierten Strophe spricht dann die Hoffnung:

"Doch willst du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, / dann wolln wir des Vergangenen gedenken, / und dann gehört dir unser Leben ganz."

Schwesig hat sich als Erwachsene taufen lassen

In diesem Kontext kann man erahnen, warum Manuela Schwesig, die in einem atheistischen Haushalt aufgewachsen ist, sich dann aber 2010 gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Schweriner Dom taufen lassen hat, diese Zeile "Von guten Mächten wunderbar geborgen..." ausgewählt hat. "Von guten Mächten", das bedeutet für Schwesig Gott, aber auch ihre Familie, Weggefährten und ihre Freunde.

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Auch Bonhoeffer hatte in seinem Brief an seine Verlobte, dem das Gedicht beigelegt war, die Kraft thematisiert, die er aus der Familie schöpft. "Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt", schreibt Bonhoeffer an Maria von Wedemeyer, an seine Familie und seine Freunde. "Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe bildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt." Und weiter: "Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Ich bin jeden Tag froh, dass ich Dich, Euch habe und das macht mich glücklich froh …"

Schwesig will Zeit mit der Familie haben

Manuela Schwesig will nicht nur die gefühlte Anwesenheit der Familie spüren, sondern bei ihr sein. Deshalb ist sie als kommissarische SPD-Vorsitzende zurücktreten. Es sei klar, "dass ich in den kommenden Monaten meine Kräfte auf Mecklenburg-Vorpommern, meine Gesundheit und meine Familie konzentrieren muss. Deshalb werde ich meine Parteiämter auf Bundesebene niederlegen", sagte Schwesig am Dienstag.

Wie groß die Anteilnahme an ihrer Erkrankung ist, zeigen die zahlreichen Bekundungen der Unterstützung, mit denen Hunderte auf Twitter antworteten.

Gedicht wurde berühmtes Kirchenlied

Bonhoeffers Gedicht ist das wohl bekannteste protestantische Kirchenlied des 20. Jahrhunderts. Es wurde inzwischen von mehr als 70 Komponisten vertont. Es ist Bestandteil des evangelischen Gesangbuchs, aber auch in der katholischen Kirche wird es mittlerweile gesungen. 2009 vertonte es die Popgruppe Glashaus.

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Der thüringische CDU-Chef Mike Mohring hatte nach dem erfolgreichen Kampf gegen seine Krebserkrankung in diesem Jahr seinem Tweet dasselbe Bonhoeffer-Zitat wie Schwesig vorangestellt:

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