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Schwerin statt Rio: Warum in Deutschland plötzlich Brasilianer pflegen

  • Deutsche Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Sie verlieren Aufträge, weil sie zu wenig Personal haben.
  • Jetzt werben sie aktiv Techniker, Handwerker, Pfleger im Ausland an. In der Not wird die Bundesrepublik zum Einwanderungsland.
  • Ein neues Gesetz macht es möglich. Wird es helfen?
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Berlin. “Guten Morgen, wie geht es Ihnen?”, fragt Marcone Albino die alte Dame mit dem gebrochenen Arm. Es ist noch früh am Tag in der Kurzzeitpflege Gartenhöhe in Schwerin. Der 33-Jährige hilft ihr beim Aufstehen, Waschen, Anziehen. Ganz normaler Pflegealltag.

Ungewöhnlich aber ist die Geschichte von Marcone José Lima Albino. Er kommt aus dem Amazonasgebiet. Er hat sich in seinem Heimatland Brasilien vier Jahre lang zum Krankenpfleger ausbilden lassen. Er machte Weiterbildungen, arbeitete schließlich in Rio der Janeiro in Krankenhäusern.

Dann wurde er abgeworben – von den “Sozius Pflege- und Betreuungsdiensten” im fernen Mecklenburg-Vorpommern.

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Unbefristeter Arbeitsvertrag, dauerhaftes Bleiberecht

Seit einem halben Jahr ist Marcone Albino inzwischen in Deutschland. Schwerin statt Copacabana. Kurzzeitpflege statt Klinik. Wenige Wochen noch, dann wird seine Ausbildung voll anerkannt sein. Dann bekommt er einen unbefristeten Arbeitsvertrag und ein dauerhaftes Bleiberecht.

Pfleger Marcone Albino mit einer Patientin in einer Kurzzeitpflege in Schwerin.

In einem anderen Land arbeiten, das wollte er schon immer. Bezahlten Urlaub gebe es in Brasilien nicht. Und um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, brauchte er in seinem Heimatland gleich zwei Pflegejobs. Manchmal schuftete er 36 Stunden durch. “Das Leben in Brasilien ist total anders als hier”, sagt Albino. Nun hat er geregelte Arbeitszeiten und kann sich vorstellen, für immer in Deutschland zu bleiben. Auch wenn die Winter kalt und dunkel sind, die Grammatik schwer, und nicht überall Samba getanzt wird.

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Geht es nach der Bundesregierung, kommen Menschen wie Marcone Albino künftig in Scharen nach Deutschland. Bis zu 25.000 sollen es pro Jahr sein: Arbeitskräfte nicht nur für Pflegeheime und Krankenhäuser, sondern auch für Industrie, Mittelstand und Dienstleistungssektor. Im Schnitt dauert es heute 124 Tage, um eine freie Stelle zu besetzen. Zum Vergleich: 2010 waren es noch weniger als halb so viele.

Deshalb wirbt Deutschland wieder aktiv um Arbeitskräfte aus anderen Ländern, wie vor 50 Jahren.

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Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das am 1. März in Kraft tritt, werden die Hürden für Arbeitsmigranten ohne Hochschulabschluss gesenkt. Wenn ein Ausländer aus sogenannten Drittstaaten wie Indien, China oder Brasilien eine Anstellung in Aussicht hat, entfällt in Zukunft die ebenso langwierige wie aufwändige Prüfung, ob nicht auch ein Deutscher oder ein EU-Ausländer den Job machen könnte. Deutschland will künftig systematisch anwerben, rund um den Globus Partnerschaftsabkommen abschließen.

“So wie andere Länder auch”

Was in anderen Industrieländern längst gängige Praxis ist, hat die Republik lange versäumt. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist Schlusspunkt einer langen, zähen Debatte. Deutschland benötige “dauerhafte und befristete Zuwanderung für den Arbeitsmarkt, so wie andere Länder auch”, befand eine Regierungskommission schon im Sommer 2001. Die Forderung führte zu viel Streit in der Politik. Zu mehr aber auch nicht.

Inzwischen ist allerorten Not am Mann. Politik und Experten ahnen, dass es nicht genügen wird, Arbeitslose nachzuqualifizieren sowie dafür zu sorgen, dass mehr Ältere und Frauen arbeiten. Dafür ist der Bedarf mittlerweile zu groß. Und die demografische Falle schnappt zu.

Man muss mit Unternehmern wie Gaetano Foti sprechen, um zu verstehen, warum das so ist. Der Sohn eines Italieners, der in den Sechzigerjahren der Liebe wegen nach Deutschland kam, führt ein Autohaus in Berlin-Zehlendorf. Zwölf Mitarbeiter hat der 55-Jährige. Seine Firma könnte wachsen. Potenzial und Nachfrage wären da.

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“Quasi leergefegt”

Doch Foti findet keine Automechaniker mehr für sein Team: “Der Markt bei Mechanikern ist quasi leergefegt.” Mit den beiden Flüchtlingen, die er seit einiger Zeit beschäftigt, der eine Syrer, der andere Palästinenser, ist der Autohauschef aber zufrieden.

Wann immer Verbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag Mitglieder zur Zukunft ihrer Unternehmen befragte, kam heraus: Fast jede zweite Firma hat Probleme, offene Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Jede Dritte gibt an, aus diesem Grund Aufträge ablehnen zu müssen.

Deutschland 2020 – das ist ein Land, in dem Pflegestationen dichtmachen müssen, der Handwerker um die Ecke Termine nur noch mit wochenlanger Wartezeit vergibt und Spediteure Mühe haben, ihre Fahrten zu disponieren. Alles nur, weil es an Personal fehlt.

Anwerbung am Flughafen

“Wir sehen, dass der Fachkräftemangel schon heute in vielen Bereichen eine echte Wachstumsbremse darstellt”, sagt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Vor allem müssten die inländischen Potenziale genutzt werden, als Ergänzung aber brauche das Land qualifizierte Zuwanderung. Wirtschaft und Staat müssten das neue Gesetz gemeinsam mit Leben füllen.

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Dass das alles kein Selbstläufer ist, zeigt die Geschichte von Pfleger Albino in Schwerin. Es braucht Arbeitgeber, die sich engagieren und es nicht dabei belassen, die Fachkräftekrise zu beklagen. Und es braucht Behörden, die unterstützen statt neue Hürden aufzubauen.

Begonnen hatte alles im November 2018. Bei Facebook war Albino auf die Veranstaltung aufmerksam geworden: Der Arbeitgeber aus Schwerin stellt sich in einem Hotel am Flughafen von Rio de Janeiro vor. Der junge Mann saß mit leuchtenden Augen ganz vorn. Ein paar Tage später unterzeichnet er schon den Arbeitsvertrag. Kurz darauf beginnt der Sprachkurs in Rio, finanziert vom künftigen Arbeitgeber.

Willkommenskultur einmal anders

Parallel dazu läuft die Anerkennung seiner Zeugnisse, das Verfahren für den Aufenthaltstitel in Deutschland. Ende Juli 2019 landen Albino und zwölf weitere Brasilianer in Berlin. Am Flughafen steht ein Empfangskomitee des Arbeitgebers. In Schwerin sind bereits Wohnungen für die Neuankömmlinge angemietet, die Kühlschränke sind gefüllt fürs erste Wochenende. Willkommenskultur einmal ganz anders. Aus Pragmatismus.

Wer sich nicht damit auskennt, wie Deutschland funktioniert, wer nicht mit seinen Ämtern, seinen Vorschriften und Fristen vertraut ist, kann schnell Geduld und Übersicht verlieren. Und womöglich rasch das Ziel aufgeben, einen Job in einem deutschen Unternehmen zu bekommen. Für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse sind zwischen Flensburg und Garmisch rund 1400 Stellen zuständig, bei Landratsämtern, Ministerien, Kammern, mit jeweils unterschiedlichen Standards für Dokumente und Bescheinigungen. 60 davon beschäftigen sich nur mit Pflegeberufen.

Auf dem Weg durch diesen Dschungel helfen soll nun die Zentrale Servicestelle Berufsanerkennung, die Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Arbeitsminister Heil gestern in Bonn eröffnet haben. Effiziente Anerkennungsverfahren seien für den Erfolg zentral, sagt Heil. Die Mitarbeiter der Zentralstelle “begleiten ausländische Fachkräfte als Lotse und führen sie zu den richtigen Stellen, um ihren Berufsabschluss anerkennen zu lassen”. Per Telefon, Mail oder Chat können die Interessenten ihre Arbeitssuche mit den 25 Mitarbeitern vorantreiben – während sie noch in ihrer Heimat sind.

Wer Statistiken wälzt, bekommt einen Eindruck davon, dass die Herausforderungen weit über die Pflegebranche hinausgehen. Und wie mehr Zuwanderer aus Ländern außerhalb Europas für Entlastung sorgen könnten. Jeder dritte sozialversicherungspflichtige Job, der zuletzt in Deutschland neu entstanden ist, ging an Arbeitsmigranten aus sogenannten Drittstaaten.

Auch eine Frage der Ethik

Es gibt allerdings auch Sorgen, die mit dieser Entwicklung verbunden sind. Etwa die, dass niedrigere Hürden für Arbeitsmigration zur Zuwanderung in die Sozialsysteme führen könnten. Das neue Gesetz ist da extrem restriktiv: Der Aufenthalt zur Jobsuche ist nur für sechs Monate erlaubt. Länger bleiben darf nur, wer einen Arbeitsvertrag hat.

Eine weitere Sorge ist, dass das Gesetz zu Dumping führen könnte. Und dazu, dass dubiose Vermittler mit großen Versprechungen Ausländer nach Deutschland holen, die sich erst hoch verschulden müssen, um die große Reise zu finanzieren und dann in Niedrigstlohnjobs landen. Die Gewerkschaften pochen daher auf klare Standards für Vermittler und garantierte Arbeitsbedingungen.

Längst nicht jeder ist glücklich beim Gedanken, dass es nun zu einer groß angelegten Anwerbeoffensive kommt. Es stellen sich schließlich auch ethische Fragen, wenn das wirtschaftlich so starke Deutschland Fachkräfte aus Ländern abzieht, die gut ausgebildete Arbeitnehmer selbst dringend benötigt. Wohin solcher Brain Drain führen kann, weiß der Berliner Autohaus-Besitzer Foti aus Kalabrien zu berichten, der Heimat seines Vaters. Die Jungen und die gut Ausgebildeten zogen weg, die Region blutete wirtschaftlich aus.

Foti ist deshalb auch gegen Anwerben in großem Stil. Aber er hält viel davon, die Hürden für Migranten zu senken und sie mit offenen Armen zu empfangen. “Berlin hat immer viel von Zuwanderern aus der ganzen Welt profitiert”, sagt der Familienunternehmer. Sie hätten zu Wohlstand und Wachstum beigetragen. Offenheit sei eben ein Wert an sich. Bewusst habe er sich entschieden, keinen Zaun um sein Autohaus bauen zu lassen. Und er hofft, dass – im übertragenen Sinne – die Zeiten allzu großer Abschottung des deutschen Arbeitsmarkts nun endgültig vorbei sind.

“Staat, Sex, Amen”
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