Schwere Unruhen in den USA: Die Sprache der Überhörten

  • Die schweren Unruhen in den USA halten weiter an – und US-Präsident Donald Trump setzt auf Konfrontation.
  • Das fiktive “amerikanische Blutvergießen”, das Trump bei seiner Amtseinführung als Hinterlassenschaft Obamas beschwor, wird nun in seiner eigenen Amtszeit Realität.
  • Ein Kommentar unseres US-Korrespondenten Thomas Spang.
Thomas Spang
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Wenn Unruhen die Sprache der Überhörten sind, machen diese nun mehr als deutlich auf sich aufmerksam. Zuerst gingen nach dem gewaltsamen Tod George Floyds in Minneapolis ein Polizeirevier, Supermärkte und Restaurants in Flammen auf. Nun scheint das ganze Land zu brennen – wie zuletzt 1968 nach dem Tod Martin Luther Kings.

Heute wie damals mahnen wohlmeinende Bürgermeister und Gouverneure dazu, friedlich zu demonstrieren. Gewalt, so predigen sie den Demonstranten, sei keine Lösung. Ein Appell, der bei vielen verpufft, die darin einen empörenden Doppelstandard erkennen, sehen sich Afroamerikaner doch permanent einem ungerechten System staatlicher Gewalt ausgesetzt.

Mehr noch droht der US-Präsident damit, “bissige Hunde” auf Demonstranten loszulassen. Donald Trump gebraucht sogar eine rassistisch konnotierte Redewendung, um vor Unruhen zu warnen. “Wenn das Plündern beginnt, fängt das Schießen an”, twittert er und fängt sich damit zu Recht eine Rüge des Kurznachrichtendienstes wegen Gewaltverherrlichung ein.

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Minneapolis: Truck fährt in Menschenmenge
1:19 min
In der Stadt, die seit einer Woche nicht zur Ruhe kommt, ist ein Truckfahrer in eine große Gruppe Demonstranten gefahren.  © Thomas Spang/Reuters

Heftige Ausschreitungen erschrecken nur Weggucker

Statt die Nation zusammenzubringen, schürt der “Spalter-in-Chief” Konflikte. Das fiktive “amerikanische Blutvergießen”, das Trump bei seiner Amtseinführung als Hinterlassenschaft Barack Obamas beschwor, wird ironischerweise mit der Doppelkrise aus Pandemie und Polizeigewalt nun in seiner eigenen Amtszeit Realität.

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Die Heftigkeit, mit der die Unruhen ausbrechen, kann nur überraschen, wer die Augen vor den Konsequenzen des strukturellen Rassismus fest zugedrückt hat. Im wohlhabenden Minneapolis verdienen Schwarze im Schnitt nur ein Drittel von dem, was weiße Stadtbewohner verdienen, während Afroamerikaner dem Covid-19-Erreger dreimal so häufig erliegen.

Die Justiz in den USA war selten blind, vielmehr sieht sie nur auf einem Auge. Wie das Virus nicht der große Gleichmacher ist, sondern überproportional arme Amerikaner trifft, von denen viele Schwarz sind. Covid-19 hat bereits einen von 2000 Afroamerikanern dahingerafft.

Nation wartet vergeblich auf heilende Worte

Die im Video festgehaltene Brutalität steht für ein System, in dem der Staat routiniert auf Gewalt als Lösung gesellschaftlicher Probleme setzt. Die martialisch aufgerüsteten Polizeitruppen gehören dazu. Die Unruhen in den Straßen der amerikanischen Großstädte sind die Antwort darauf.

Schmerzlich vermisst wird in dieser existenziellen Doppelkrise die Führung aus dem Weißen Haus. Die Nation wartet vergeblich auf heilende Worte aus dem Oval Office. Im Gegenteil droht Trump via Twitter mit dem Einsatz von Schusswaffen, will antifaschistische Demonstranten zu Terroristen abstempeln und droht damit, seine “MAGA”-Rotkappen aufmarschieren zu lassen.

Das Spektakel um den Raketenstart von Space X steht in seltsamem Kontrast zu den ganz irdischen Problemen des hartnäckigen Rassismus, der wie ein Krebsgeschwür die Gesellschaft von innen bedroht. George Floyd war das jüngste, gewiss aber nicht letzte Opfer.

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