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„Das wirkt unseriös“

Die Schweiz will ein Atommülllager an deutscher Grenze bauen – und erntet viel Kritik

Das Haberstal in Windlach in der Gemeinde Stadel, fotografiert mit einer Drohne am Freitag, 9. September 2022. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat entschieden, ein geologisches Tiefenlager im Gebiet Nördlich Lägern im Stadeler Haberstal im Kanton Zürich und Aargau zu errichten - wenige Kilometer südlich der baden-württembergischen Gemeinde Hohentengen.

Das Haberstal in Windlach in der Gemeinde Stadel, fotografiert mit einer Drohne am Freitag, 9. September 2022. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat entschieden, ein geologisches Tiefenlager im Gebiet Nördlich Lägern im Stadeler Haberstal im Kanton Zürich und Aargau zu errichten - wenige Kilometer südlich der baden-württembergischen Gemeinde Hohentengen.

Bern. Die Entscheidung der Schweiz für den Standort ihres Atommüll-Endlagers nahe der baden-württembergischen Ortschaft Hohentengen ist auf beiden Seiten der Grenze skeptisch aufgenommen worden.

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Das Gebiet Nördlich Lägern war vor einigen Jahren als eher nicht geeignet eingestuft worden, wurde nun aber doch unter den drei verbliebenen Standorten ausgewählt, wie die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) am Samstagabend mitteilte. Genauer erläutern will die Nagra dies am Montag.

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Der Bürgermeister von Hohentengen, Martin Benz, will den Entscheidungsträgern sehr genau „auf den Zahn fühlen“, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Sie müssen sehr gut begründen, warum ein zurückgestellter Standort plötzlich zum präferierten Standort wird“, sagte er. Die Grenze ist dort teilweise nur wenige hundert Meter entfernt. Den Bewohnern sei klar, dass der radioaktive Müll vorhanden ist und entsorgt werden muss, sagte Benz. Auch sie seien für die Lagerung am sichersten Ort. „Aber diese Fragen müssen beantwortet werden: Was gibt es für Störfallszenarien und wie ist man darauf vorbereitet?“

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„Das wirkt unseriös“

Die sozialdemokratische Schweizer Politikerin Astrid Andermatt sprach von einer schockierenden Vorstellung. Sie engagierte sich jahrelang in dem Verein „Nördlich Lägern ohne Tiefenlager“. „Die Nagra hat offenbar mitten im Verfahren die Kriterien anders gewertet“, sagte Andermatt der Zeitung „Der Landbote“. „Das wirkt unseriös.“

Das Bundesumweltministerium bezeichnete die Entscheidung der Schweiz am Samstagabend als Belastung für die betroffenen Gemeinden. Die grenznahe Lage „stellt sowohl in der Errichtungsphase als auch beim Betrieb des Endlagers für diese und umliegende Gemeinden eine große Belastung dar“, sagte Christian Kühn, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium und Bundestagsabgeordneter aus Baden-Württemberg, auf Anfrage. „Ich setze mich bei der Schweiz dafür ein, dass die bisherige gute Einbindung der deutschen Nachbarn fortgesetzt wird.“ In Deutschland steht die Entscheidung für einen Endlager-Standort für hoch radioaktiven Atommüll frühestens 2031 an.

Zwei weitere Kandidaten für Atommülllager liegen nahe der deutschen Grenze

Auch die beiden anderen Schweizer Standorte, die zuletzt noch zur Auswahl standen, liegen sehr nah an der deutschen Grenze. Jura Ost liegt südöstlich von Bad Säckingen, Zürich Nordost westlich von Jestetten. Das liegt daran, dass sich dort im Untergrund Opalinuston befindet, der sich für die sichere Einlagerung radioaktiver Abfälle gut eignet. Die Abfälle sollen in mehreren hundert Metern Tiefe eingebettet werden. „Die benötigte Einschlusszeit beträgt bei hochaktiven Abfällen etwa 200.000 Jahre und bei schwach-​ und mittelaktiven Abfällen rund 30.000 Jahre“, heißt es auf der Webseite der Nagra.

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Konkret geht es um etwa 9300 Kubikmeter hoch radioaktive Abfälle und 72.000 Kubikmeter schwach-​ und mittelradioaktive Abfälle. Sie stammen aus den einst fünf Schweizer Atomkraftwerken sowie aus Medizin und Industrie. Vier Atomkraftwerke laufen noch. Sie dürfen betrieben werden, so lange ihre Sicherheit gewährleistet ist, sollen aber nicht ersetzt werden. Das kann bis in die 2040er Jahre gehen.

Für den Bau des Endlagers ist ein langes Genehmigungsverfahren vorgesehen. Wenn alles glatt geht, könnte er 2031 beginnen. Die mehrjährige Einlagerung begänne dann etwa 2050.

In Deutschland ist die Frage um ein Endlager noch nicht gelöst

Hoch radioaktiver Atommüll – vor allem verbrauchte Brennelemente aus Atomkraftwerken – sollte einigen Experten zufolge in Endlagern aufbewahrt werden, die für bis zu eine Million Jahre sicherstellen, dass Mensch und Umwelt vor der gefährlichen radioaktiven Strahlung geschützt bleiben. Deswegen kommen nur bestimmte geologisch geeignete Orte – oft tief unter der Erde – infrage.

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In Deutschland wird seit Jahrzehnten nach einem möglichen Standort gesucht. Während die Atomenergie lange Zeit eine große Rolle für die Stromversorgung spielte, wurde das problematische Thema der Entsorgung nicht gelöst. Die Brennelemente landen derzeit in Zwischenlagern, die sich meist an den Standorten der Atomkraftwerke befinden.

Das Verfahren in Deutschland wurde 2013 noch mal von vorn begonnen und soll bis 2031 abgeschlossen sein, ab 2050 könnte dann mit der Lagerung begonnen werden. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung hatte vor kurzem angemahnt, dass die Endlagersuche diesem Zeitplan hinterherhinke. Noch gibt es keine engere Auswahl von Standorten, so dass die betroffenen Bürgerinnen und Bürger mit einbezogen werden könnten. Ein Endlager für weniger stark radioaktiven Abfall soll 2027 im Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter in Betrieb gehen.

RND/dpa

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