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Wiederholt sich das Corona-Chaos an den Schulen? Was jetzt getan werden muss

  • Schülervertreter und Lehrerverbände fürchten: Das Corona-Chaos in den Schulen kann sich wiederholen.
  • Sie werfen der Politik mangelnde Vorbereitung auf das kommende Schuljahr vor.
  • Zahlen die Jungen noch einmal den höchsten Preis?
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Berlin. Dario Schramm hat gerade Abitur gemacht. Wenn man sich auf eine Klassenarbeit oder Klausur vorbereite, so sagt es der 20-Jährige, könne man entweder mit dem Anspruch herangehen, möglichst alles zu lernen. Oder aber man beschäftige sich nur mit einem Teil des Stoffs – und hoffe, genau der werde schon drankommen.

So weit, so gewöhnlich. Das Ungewöhnliche ist, dass Schramm, der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz ist, beim Sprechen über lässiges Lernverhalten an die Kultusminister denkt. „Die Politik erinnert mich in der Corona-Krise immer wieder an einen Schüler, der bei der Vorbereitung auf gut Glück setzt“, sagt er.

Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, der Titel klingt bürokratisch. Er bedeutet aber, dass Schramm der gewählte oberste Interessenvertreter der Schüler auf Bundesebene ist. Was erwartet Schramm vom nächsten Schuljahr? „Statt die Schulen auf alle Eventualitäten so gut wie möglich vorzubereiten, hoffen die Kultusminister, es werde schon alles nicht so schlimm kommen“, sagt der 20-Jährige. „Das ist zu wenig.“

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Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer stellen sich in diesen Wochen fast überall im Land die Frage: Passiert im kommenden Schuljahr womöglich genau dasselbe wie im letzten? Was, wenn es in den Schulen nach den Ferien zwar mit normalem Präsenzunterricht in den Klassen losgeht, doch dann wieder die Reißleine gezogen werden muss? Was bedeutet die Delta-Variante des Coronavirus für die Schulen?

Spahn warnt vor „Sorgenherbst“

Der Bundesgesundheitsminister hat schon vor einem „Sorgenherbst“ gewarnt. Wechselunterricht werde nicht angestrebt, sagte Jens Spahn, stattdessen solle das normale Schulleben „so lange wie möglich aufrechterhalten werden“.

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Die Kultusministerkonferenz indes hat zum Prinzip erhoben: Es soll im gesamten Schuljahr ganz normalen Unterricht für alle geben – mit Arbeitsgemeinschaften und Klassenfahrten. Die Argumente sind von Gewicht: Kinder und Jugendliche haben in der Corona-Krise darunter gelitten, Mitschüler und Freunde lange Zeit kaum oder gar nicht gesehen zu haben. Die ohnehin große Bildungsungerechtigkeit hat sich weiter verschärft. Wer zu Hause nicht gefördert werden konnte, hatte es besonders schwer.

Lehrergewerkschaften, Schülervertreter und Experten nennen fünf Punkte

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Viele Politiker haben sich zuversichtlich geäußert, dass das kommende Schuljahr ein weitgehend normales sein werde. Doch wie kann man jetzt noch ein möglichst gutes Schuljahr vorbereiten? Lehrergewerkschaften, Schülervertreter und Experten nennen immer wieder fünf Punkte:

Vorsicht in den Ferien

Trotz Impffortschritten und niedrigen Inzidenzen sorgt die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus für neue Gefahr – auch weitere Mutationen sind denkbar und könnten Probleme verursachen. Die Politik muss deshalb die Regeln für Reisen immer wieder prüfen und anpassen. Jeder Einzelne ist gehalten, sich von sich aus vorsichtig zu verhalten.

Dario Schramm wollte eigentlich zum Finale der Fußball-EM nach London reisen. 300 Euro hatte er dafür bereits ausgegeben, ohne Möglichkeit, das Geld zurückzubekommen. 300 Euro, das ist für einen 20-Jährigen, der im Baumarkt jobbt, viel Geld. „Ich wollte das Finale im Pub in London sehen, die Stimmung dort miterleben“, sagt Schramm.

„Am Ende habe ich mich aber entschieden, nicht zu fahren – weil ich es mit der Delta-Variante für mich nicht verantwortbar fand“, erklärt er. Er sagt aber auch: „Wenn man sich im Land und auf dem Kontinent so umschaut, hat man nicht das Gefühl, dass normaler Schulunterricht im nächsten Jahr wirklich die oberste Priorität ist.“

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Sicherheitsvorkehrungen in den Schulen

Ein normaler Schulbetrieb sei für die Kinder und Jugendlichen so wichtig, dass die Schülervertretungen bereit seien, dafür einiges in Kauf zu nehmen, sagt der Schülervertreter. Die Maßgabe müsse sein: „Lieber Unterricht mit Maske, notfalls auch noch über Monate, als die Schüler wieder nach Hause zu schicken.“

Schramm findet auch das Fortbestehen einer Testpflicht für Schülerinnen und Schüler in Ordnung, solange dies nötig sei. Gleichzeitig seien aber Impfangebote für die über Zwölfjährigen wichtig.

Beim Testen geht es allerdings auch um die Frage des Wie. Seitens der Lehrergewerkschaften gab es zwar immer wieder Protest dagegen, die Aufsicht über Tests den Lehrern zu übertragen. Doch wenn sichergestellt sein soll, dass auch wirklich getestet wird, führt wenig daran vorbei, die Tests in den Schulen durchzuführen.

Einen Selbsttest einfach von Eltern bescheinigen zu lassen, scheitert als Konzept spätestens dort, wo diese Corona-Leugner sind. Oder womöglich Angst vor einer Quarantänepflicht.

Die Debatte um Luftreiniger erstaunt Eltern und Schüler besonders. Erst hieß es, Luftreiniger seien keine Lösung – dann, sie seien kein Allheilmittel, brächten aber etwas. Der Bund hat ein Programm aufgelegt, um bestehende fest installierte Anlagen aufzurüsten.

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Einige Länder kritisieren aber, auf die Schnelle seien mobile Filter nötig, die würden aber nicht gefördert. Schülervertreter Schramm meint: „Der Landtag in Nordrhein-Westfalen ist gut mit Luftfiltern ausgestattet, bei den Schulen ist es angeblich schwieriger.“ Das spreche für sich.

Offene Fragen bei der Impfkampagne klären

Bei den Lehrerinnen und Lehrern ist die Impfkampagne weit. Damit im Herbst nicht ein Teil der Schülerschaft zu Hause bleiben muss, sollten diejenigen über Zwölfjährigen dringend Impfangebote erhalten, die Risikogruppen angehören oder bei deren Eltern dies der Fall ist.

Knifflig bleibt der Fall bei den anderen Zwölf- bis 17-Jährigen: Die Ständige Impfkommission empfiehlt ihre Impfung nicht generell, will die Frage aber noch einmal prüfen, wenn es neue Daten gibt. Eltern können ihre Kinder aber impfen lassen, wenn sie wollen.

Die eine Betrachtungsweise ist, dass Kinder in der Regel nicht schwer an Corona erkranken. Die andere, dass man über die Risiken von Long Covid auch bei Kindern bisher noch nicht sehr viel weiß.

Daniel Vilser, Leiter der Long-Covid-Ambulanz für Kinder an der Uniklinik Jena, sagt, aus seiner Sicht werde die Gefahr für Kinder „ganz klar unterschätzt“. Kinder litten im Fall von Long Covid wie Erwachsene oft unter verminderter Belastbarkeit, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Schlaf- und Konzentrationsproblemen.

Verschiedene Szenarien vorbereiten

Es gebe niemanden, der nicht für Präsenzunterricht sei, wenn die Infektionslage das zulasse, sagt der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann.

„Alle wollen Plan A: möglichst normalen Schulbetrieb“, führt Beckmann aus. „Aber für Plan A zu sein heißt nicht, dass man darauf verzichten kann, Plan B und C vorzubereiten.“ Der Lehrergewerkschafter kritisiert: „Genau das passiert aber gerade wieder, wie in den vergangenen Sommerferien.“

Er warnt: „Es ist möglich, dass wir wegen der Delta-Variante oder anderer Entwicklungen im Lauf des Schuljahres wieder in den Wechselunterricht müssen.“ Ein solcher Schritt sei aber gerade für die Kinder aus bildungsfernen Familien umso schlimmer, wenn er nicht vernünftig vorbereitet werde. So fehle es immer noch an Fortbildungen für Lehrer für das digitale Unterrichten. „Es ist absurd, wenn die Politik sich ernsthaft selbst einredet, sie könnte Regen abwenden, indem sie einfach keine Schirme kauft.“

Insgesamt gilt: Der Digitalpakt Schule läuft an – aber nicht schnell genug. Die Schulen sind zwar besser auf den Digitalunterricht vorbereitet als im vergangenen Jahr, haben aber bei Weitem nicht so große Fortschritte gemacht wie nötig.

Transparenz und offene Kommunikation

Wer weiß wann was an den Schulen? „Das Schlimme für Lehrerinnen und Lehrer, aber auch für Eltern und Schüler war im vergangenen Jahr, dass sie oft erst sehr kurzfristig erfahren haben, was passiert“, sagt Beckmann. Der Unmut der Eltern darüber habe sich dann – weil eben kein anderer greifbar gewesen sei – gegenüber Lehrerschaft und Schulleitung entladen. „Die Schulen brauchen ein Minimum von einigen Werktagen an Vorbereitungszeit.“

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher fordert, auch die Schüler müssten besser eingebunden werden – die Digitalisierung biete dazu jede Menge Chancen. „Schulleiter, die sich regelmäßig mit ihren Klassensprechern abgesprochen haben, haben es auch mit der Umsetzung schwieriger Maßnahmen leichter gehabt.“

Der OECD-Bildungsexperte rät: „Auch die Kultusminister und-ministerinnen sollten mehr gemeinsam mit Schülervertretern tagen – nicht nur in Pandemiezeiten, sondern generell.“ Es werde unterschätzt, dass oft die Kinder und Jugendlichen die innovativsten Ideen zur Weiterentwicklung von Schule hätten.

Das sieht Dario Schramm natürlich ganz genauso. Und eine innovative Idee hat er auch. „Die Kultusminister müssen das neue Schuljahr mindestens so gut vorbereiten, wie die meisten Schüler unter widrigen Bedingungen für das Abitur gelernt haben.“ Schüler wüssten gegen Ende ihrer Schulzeit genau, dass man bei einer einzelnen Arbeit zwar mal darauf setzen könne, mit Glück durchzukommen. „Aufs Ganze betrachtet ist das aber eine grottenschlechte Strategie.“

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