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Zahl der Schulabbrecher im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt – Tendenz steigend

  • Laut Prognosen hat sich die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland aufgrund der Pandemie verdoppelt.
  • Ausgefallener Unterricht, überlastete Schulserver und der Verlust von sozialen Kontakten durch das Homeschooling sind nur die sichtbaren Probleme.
  • Einer der führenden Forscher im sozialpädagogischen Bereich, Heinz Müller, nimmt nun die Schule und das Bildungssystem in die Pflicht.
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Berlin. Die schulischen Einrichtungen in Deutschland wurden während der Corona-Pandemie vor massive Heraus­forderungen gestellt. Nun schlagen jedoch auch die Jugendämter Alarm. „Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Schulabbrecher verdoppelt.“ Das sagte der Präsident des Kinderschutz­bundes, Heinz Hilgers, dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) – und warnte: „Davon kommt der ganz überwiegende Teil aus dem Armutsmilieu.“ Für dieses Jahr rechnet Hilgers sogar mit einer erneuten Verdoppelung.

Konkret werden in diesem Jahr rund 104.000 Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss erwartet. Das geht aus einer Prognose der Bundesarbeits­gemeinschaft der Landesjugendämter in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozial­pädagogische Forschung in Mainz (ISM) hervor. Nach Einschätzung von Fachleuten werden demnach in den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 rund 210.000 Jugendliche die Schule vorzeitig abbrechen.

Diese Entwicklung bereitet auch ISM-Leiter Heinz Müller große Sorgen. „Es steht außer Frage, dass im neuen Schuljahr in erheblichem Ausmaß mit Schulabbrüchen und Schulabstinenz zu rechnen ist.“ Nach Aussagen einzelner Schulen gebe es Klassen, in denen ein Drittel der Schülerinnen und Schüler „verloren gegangen ist“, so Müller. Kinder zwischen sechs und 13 Jahren sind laut einer Umfrage des Instituts unter Jugendämtern besonders stark von den Auswirkungen der Pandemie betroffen – aber auch Alleinerziehende und psychisch erkrankte Elternteile sowie Familien in prekären Lebenslagen.

Heinz Müller, Leiter des Instituts für Sozialpädagogische Forschung in Mainz (ISM). © Quelle: Privat

Für die hohe Quote an Abgängen sieht Diplom-Pädagoge Müller drei entscheidende Ursachen. „Für eine bestimmte Gruppe von Schülerinnen und Schülern ist eine geregelte Tages- oder Wochenstruktur besonders wichtig. Mit den Schul­schließungen ist genau diese teilweise über Monate weggefallen.“

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10 Prozent der Schüler wegen Homeschooling verhindert

Hinzu komme, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler freien Zugang zu digitalem Unterricht haben. Dazu führte das ISM eine Jugend­befragung in Rheinland-Pfalz durch, an der sich circa 6400 junge Menschen zwischen 14 und 21 Jahren beteiligt haben. „Etwa 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben kein stabiles Internet oder besitzen keine digitalen Endgeräte. Für sie ist das Homeschooling schlichtweg ausgefallen“, kritisiert Müller. Diese 10 Prozent seien bereits deutlich mehr als die 52.000 Schülerinnen und Schüler, die in jedem Jahr regulär als absehbare Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher gezählt werden.

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Auch die psychische Verfassung spielt laut Müller eine große Rolle. „Die jungen Menschen schauen pessimistisch in die Zukunft. Weil sie nicht wissen, was jetzt auf sie zukommt.“ Das treffe vor allem Jugendliche, „die ohnehin eine schwierige Perspektive haben“.

Dem Leiter des ISM zufolge sei das nicht allein ein Problem an weiterführenden Schulen. „Das fängt schon in der Grundschule an. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die haben seit ihrer Einschulung gar keinen richtigen Regelbetrieb kennengelernt. Das wird eine riesige Baustelle.“

Müller: Großteil braucht „ganz anderen Schuleinstieg“

Beim Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen bestehe die größte Herausforderung darin, „die Kinder und Jugendlichen überhaupt wieder für den Regelschulbetrieb gewinnen zu können“, so Müller.

Um diese Vorstellung umsetzen zu können, äußerte der Diplom-Pädagoge konkrete Lösungsansätze: „Ein großer Teil der jungen Menschen braucht jetzt einen ganz anderen Schuleinstieg. Mit mehr Freiräumen und eben nicht mit dem Ziel, dass alles nachgeholt werden muss, was das Bildungssystem in den letzten 18 Monaten nicht auf die Reihe bekommen hat.“ Der Druck werde nun auf die Schülerinnen und Schüler übertragen. „Das ist der komplett falsche Ansatz. Die jungen Menschen können nichts dafür, dass das Bildungssystem nicht auf die Pandemie eingestellt war.“

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Insgesamt brauche es mehr Ruhe und Gelassenheit zum Einstieg ins neue Schuljahr. „Ich nehme da vor allem die Schulen in die Pflicht. Was während der Pandemie versäumt wurde, darf nicht auf Kosten der Schüler aufgearbeitet werden”, sagt Müller.

Er plädiert zudem dafür, dass im Herbst zu Beginn des neuen Schuljahres eine Bestands­aufnahme durchgeführt wird – „um dann nach geeigneten Möglichkeiten zu schauen, die Schülerinnen und Schüler abzuholen und zu unterstützen, die über die Schließung verloren gegangen sind“.

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