Schreiben im Regierungsviertel: Bücher als Accessoire

  • Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat ein Buch geschrieben.
  • Sie ist nicht die einzige Politikerin, die es tat.
  • Dabei sind die Motive unterschiedlich: Manche schreiben gern, andere wollen Karriere machen – oder einfach rückblickend prahlen.
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Liebe Leserin, lieber Leser,

mitten im Regierungsviertel gibt es eine kleine Buchhandlung. Die Regale sind neben vielen anderen Büchern voll mit Werken, die Menschen in der Politik geschrieben haben. Schon vor Jahren hörte ich in der Buchhandlung freilich, dass gerade diese sich nicht besonders gut verkauften. Dasselbe kann man übrigens – hinter vorgehaltener Hand natürlich – von jenen Politikerinnen und Politikern hören, die selbst als Urheber firmieren. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

Nun fragt man sich im Lichte der Kontroverse um das Buch von Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock „Jetzt – Wie wir unser Land erneuern“, warum Jahr um Jahr ein Politikerbuch nach dem anderen vom Band läuft wie Autos in den Produktionshallen von Volkswagen. Die Antworten darauf sind vielfältig.

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Da gibt es zunächst jene Gruppe von Politikerinnen und Politikern, die ein intellektuelles Sendungsbewusstsein haben – und eine Lust zu schreiben. Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck gehört gewiss dazu; schließlich war er Schriftsteller, bevor er in die Politik ging.

Erst vor einem halben Jahr fiel mir ein Buch mit essayistischen Texten des amerikanischen Romanautors Paul Auster in die Hände: „Mit Fremden sprechen“; als Übersetzer werden neben anderen Habeck und seine Frau Andrea Paluch genannt. Die ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht, gehört wohl ebenfalls in diese Kategorie. Sie schreibt eine Menge. Und das heißt auch: Sie kann schreiben.

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Plagiatsjäger erhebt Vorwürfe gegen Baerbock
1:00 min
Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock hat erneut Ärger. Ein Medienwissenschaftler aus Österreich wirft ihr vor, in ihrem Buch gebe es Plagiate.  © dpa

Da gibt es eine weitere Gruppe, und es ist die größte, die Bücher als eine Art Accessoire betrachtet – als schmückendes Beiwerk, von dem die Autorin oder der Autor meint, dass es ihr oder ihm gut zu Gesicht stünde. Das gilt besonders auf dem Sprung zur nächsten Karrierestufe. Baerbocks Buch ist dafür ein klassisches Beispiel.

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Derweil ist das Ziel weniger, dass solche Bücher tatsächlich Leser finden, als dass sie einfach existieren. Zuweilen noch wichtiger, so scheint es, sind seit Jahren die Termine, bei denen die Bücher präsentiert werden – und zwar meistens von Mitgliedern konkurrierender Parteien. So ging bei der Vorstellung des umstrittenen Buches von Grünen-Renegat Boris Palmer „Wir können nicht allen helfen“ die heutige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU in die Bütt.

Der einstige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) ließ zur Premiere von „Regieren: Innenansichten der Politik“ den heutigen SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz kommen. Man erhofft sich davon ein bisschen Kontroverse und damit zusätzliches Aufsehen. Die Beteiligten signalisieren überdies: Wir gehören zwar unterschiedlichen Parteien an, aber wir sind trotzdem dicke Kumpels.

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Durch die Publicity werden zusätzliche Politikerinnen und Politiker zum Bücher schreiben animiert, die es sonst womöglich nicht tun würden, es vielleicht auch gar nicht vermögen oder gar keine Zeit dazu haben – es mithin besser lassen würden. Unter anderem deshalb kommen – mal ganz offen, mal eher verdeckt – Ghostwriter ins Spiel.

Eine letzte Kategorie sind Bücher von Politikerinnen und Politikern, die nicht am Beginn einer gewünscht großen Karriere entstehen, sondern an deren Ende – als Versuche der Rückschau, Rechtfertigung und Überhöhung. Es handelt sich um selbst errichtete Denkmäler in Papierform. Der ehrpusselige Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) mit seinen mehrbändigen Erinnerungen war ein Großmeister darin.

In einer ganz eigenen Liga spielt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Er gilt als ausgesprochen bibliophil und ist im Besitz einer enormen Bibliothek. Doch auf die Veröffentlichung eines eigenen Buches zumindest in Deutschland hat ausgerechnet Altmaier bislang verzichtet. Dafür firmiert er als Autor eines 2018 in den Niederlanden erschienenen Werkes mit dem Titel: „Rots in de branding? Blaadjes in de wind? Nadenken over de plaats van Europa in onze wereld.“ – „Fels in der Brandung oder Blätter im Wind? Nachdenken über den Platz Europas in unserer Welt.“

Altmaier, der unter Umständen auch ein Buch über Berlins schönste Konditoreien schreiben könnte, ist des Niederländischen mächtig. Jene, die es nicht sind, können gleichwohl aufatmen: Das Buch ist vergriffen.

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Wahlkampfsprech – Deutsch: Was Politikschaffende wirklich sagen

Solche Debatten schaden uns.

Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union, über die jüngsten Äußerungen von Hans-Georg Maaßen

Der einstige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hat am Wochenende wieder für Aufsehen und Entrüstung gesorgt. Der 58-Jährige, der für die CDU in Südthüringen für den Bundestag kandidiert, hatte bei einem Gespräch mit dem Sender TV Berlin unterstellt, dass es Verbindungen zwischen Mitarbeitern der „Tagesschau“ und der linken und linksextremen Szene gebe. Er forderte darüber hinaus einen Gesinnungstest für Redakteure des öffentlich-rechtlichen Mediums. Später relativierte Maaßen dies wieder.

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Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet sagte nun am Montag in einer Sitzung des CDU-Vorstandes: „Solche Debatten schaden uns.“ Das passt ins Bild. Wenn SPD, Grüne und Linke Maaßen nicht hätten – sie würden ihn erfinden.

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet spricht bei der Inbetriebnahme der Wasserstoffelektrolyse REFHYNE Anlage von Shell am Standort in Wesseling. © Quelle: imago images/Future Image

Zwar betont Laschet ein ums andere Mal, dass die Brandmauer zur AfD stehe; bei Maaßen ist das alles andere als klar. Doch inhaltliche Bewertungen dessen, was Maaßen zum Besten gibt, scheut Laschet. Und er sagt immer wieder, dass es eine Entscheidung der Basis gewesen sei, den Rechtsausleger zu nominieren.

Unter dem Strich muss man das wohl so deuten: Laschet ist es durchaus recht, dass Maaßen bei der Bundestagswahl für die Union am rechten Rand ihrer potenziellen Wählerschaft 1, 2 oder 3 Prozentpunkte holen könnte. Er soll es aber offenbar so geräuschlos tun, dass die Union am linken Rand dieser Wählerschaft nicht 1, 2 oder 3 Prozentpunkte verliert. Was Maaßen in der Sache sagt, scheint dabei herzlich egal zu sein.

Wie das Ausland auf die Wahl schaut

Die konservative norwegische Tageszeitung „Aftenposten“ (Oslo) kommentiert die politische Lage in Deutschland vor der Bundestagswahl im September:

„Die Kandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, steckt in der Krise. Bis zur Bundestagswahl am 26. September bleibt weiterhin Zeit für weitere Krisen und Wendungen. Gleichzeitig erscheint es aber wahrscheinlich, dass die nächste Regierung in Deutschland vom neuen CDU-Chef Armin Laschet geführt wird. Veränderung wird es trotzdem geben. Der Kanzlerkandidat ist neu, alle sehen es zudem als gegeben an, dass die langjährige Koalition zwischen CDU/CSU und SPD Geschichte sein wird. Laschet will mit den Grünen als Partner regieren, Baerbock und ihre Leute sind bereit, auch mit dem konservativen Block zusammenzuarbeiten. Stetiger Kurs und Veränderung zugleich also – das kann für die Wähler attraktiv genug sein.“

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Herzlich

Markus Decker

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