Schottland vor der Wahl: Ungewiss ist alle Wiederkehr

  • Der Brexit und seine Folgen: Überall im Vereinigten Königreich brechen alte Grenzen wieder auf.
  • Am Donnerstag wählen Schottinnen und Schotten ein neues Regionalparlament.
  • Der Weg zu einem neuen Unabhängigkeitsreferendum ist kaum noch aufzuhalten, kommentiert RND-Korrespondent Jan Sternberg.
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Edinburgh. Es war einer der berührendsten Momente der jahrelangen Brexit-Saga: Vor gut einem Jahr, im Anschluss an die Abstimmung über den Austritt des Vereinigten Königreichs, sang ein Großteil der Europaabgeordneten gemeinsam „Auld Lang Syne“, das Lied über Freundschaft und Gemeinsamkeit, über Hoffnung und Abschied. Populär gemacht hat es der schottische Nationaldichter Robert Burns.

Die deutsche Fassung dieses Liedes traf noch passender die Stimmung der Schottinnen und Schotten, die mit großer Mehrheit gegen den Brexit gestimmt hatten: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr. Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer“.

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Das Gemäuer des Vereinigten Königreichs bröckelt

Der Hauch von Finsternis, der sich über die Aussichten des Vereinigten Königreichs gelegt hat, zeigt sich in den Rauchschwaden brennender Autos im nordirischen Belfast ebenso wie im Wiederaufflammen schottischer Unabhängigkeitsbestrebungen. Immer deutlicher wird, wie fragil das Gebilde des Vereinigten Königreichs ist, welche Bruchlinien sich als Brexit-Folgen auftun.

Zwei Referenden über die Zukunft des Landes hat der fast vergessene Premier David Cameron angesetzt, beide sollten ein Befreiungsschlag sein, um ein Thema für die Dauer einer Generation zu den Akten zu legen. 2014 stimmten Schottinnen und Schotten mit 55 zu 45 Prozent für den Verbleib im Königreich – eines Königreichs, das damals noch Teil der Europäischen Union war.

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Ein Argument gegen die Unabhängigkeit war damals, dass ein neuer schottischer Staat erst den Beitritt zur EU beantragen müsste – und ohne Europa wollten viele Menschen in den Highlands und Lowlands nicht leben. 2016 hatte sich Cameron verzockt – der Brexit ging mit 52 zu 48 Prozent durch. Damit schlich sich auch die schottische Frage wieder auf die Agenda.

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Johnson könnte sich einem neuen Referendum kaum verweigern

Am Donnerstag wählen die Schottinnen und Schotten ein neues Regionalparlament. Die Unabhängigkeit steht dabei – noch – nicht zur Debatte. Aber wenn die Befürworter eines zweiten Referendums eine klare Mehrheit bekommen, ist der Weg zu einer neuen Abstimmung so gut wie frei.

Darüber entscheidet zwar der britische Premier Boris Johnson in London, aber bei einer absoluten Mehrheit für Nicola Sturgeons Schottische Nationalpartei wird er sich einem erneuten Urnengang nicht verweigern können.

Und was passiert dann? Ein Blick über die Irische See kann als Warnung dienen, welche ungelösten Konflikte durch die handwerklichen Fehler beim Brexit wieder aufbrechen können. Vor 100 Jahren wurde Irland in die Republik und Nordirland geteilt.

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Und wie damals sei die Gesellschaft tief gespalten über internationale Verträge, die über ihren Kopf hinweg verhandelt würden, erklärte gerade Konfliktforscherin Katy Hayward. Die Beziehung Schottlands zum Rest des Königreichs ist eine andere, engere, es ist eine Koexistenz auf Augenhöhe. Dennoch wird eine neue Grenze in Europa immer wahrscheinlicher.

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