Schöne Träume in Washington und Rom

  • Die Welt mag düster wirken in diesen Tagen.
  • Doch es gibt frohe Kunde: Zwei ältere Herren haben sich aufgemacht, sie zu verbessern.
  • Der eine, Joe Biden, träumt vom Klimaschutz. Der andere, Papst Franziskus, vom Grundeinkommen für alle.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

jeden Tag eine böse Tat – ist das jetzt das Motto für die restliche Amtszeit von Donald Trump bis zum 20. Januar?

Es sieht fast danach aus. Mal stößt der abgewählte Präsident düstere Verschwörungs­theorien aus. Mal begnadigt er finstere Verfassungsverächter wie seinen zeitweiligen Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn. Mal sinniert er auch über seine eigene Begnadigung.

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Ex-Berater Flynn übrigens gibt seinem Ex-Chef Trump dieser Tage schon wieder tolle Tipps, diesmal sogar öffentlich: Trump solle das Kriegsrecht verhängen und auf diese Art im Amt bleiben. Ist doch alles ganz einfach.

Der scheidende Präsident aber hat sich offenbar schon abgefunden damit, dass er am 20. Januar 2021 um 12 Uhr das Weiße Haus verlassen muss. Bis dahin allerdings will er einen möglichst tiefen und breiten Fußabdruck hinterlassen, auch mit Blick aufs Kohlendioxid.

Allen Ernstes ist es Trump jetzt ein sehr dringendes Anliegen, nur ja noch vor Ende seiner Amtszeit etwas zu ermöglichen, was alle Präsidenten vor ihm abgelehnt haben: Bohrungen nach Öl und Gas im Nordosten von Alaska, in Gebieten, wo aussterbende Arten einen immer noch wilden Lebensraum finden.

Wie weit kann Biden die Dinge drehen?

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In seiner Reportage beschreibt unser USA-Korrespondent Karl Doemens die große Kollision in Amerika: Krachend wie zwei Eisberge stoßen in der Umweltpolitik Donald Trump und Joe Biden aufeinander. Der eine hat die Erderwärmung als Hirngespinst abgetan und 100 Umwelt­verordnungen seines Vorgängers kurzerhand aufgehoben. Der andere will die Umsteuerung weg von Kohle, Gas und Öl zu einem bleibenden Merkmal seiner Präsidentschaft machen – und schon am ersten Amtstag den Wiedereintritt der USA ins Pariser Klimaabkommen unterzeichnen.

Was aber wird Biden wirklich schaffen? Wie weit kann er die Dinge drehen? Schon Obama scheiterte mit seinem American Clean Energy and Security Act am immer noch republikanisch beherrschten Senat. Dort wurde das Thema, wie Doemens anmerkt, mangels Mehrheit gar nicht erst aufgerufen: „Heute kann man das 1428-seitige Paragrafenwerk im Archiv des Parlaments bestaunen.“

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Zitat des Tages

Ich liebe die Briten, sie sind großartig, sie sind gute Wissenschaftler, aber sie haben die Daten von der Firma Pfizer einfach übernommen, anstatt sie wirklich, wirklich sorgfältig zu prüfen.

Anthony Fauci, amerikanischer Immunologe und Berater aller US-Präsidenten seit Ronald Reagan

Leseempfehlungen

Wie teuer ist Homeoffice? Wer morgens im Homeoffice den Computer startet und die Heizung aufdreht, hat mehr Kosten, als wenn er im Büro arbeitet – und soll deshalb entlastet werden. Eine Steuerpauschale bis zu 600 Euro will die große Koalition gewähren. Doch wie groß sind die Kosten wirklich?

„Nur Weihnachten ist hart“: Von Menschen, die uns nicht guttun, sollten wir uns fernhalten. Das ist leichter gesagt als getan, wenn es dabei um die eigene Mutter geht. Manuela Beck (29) entschied sich zum totalen Kontaktabbruch und ist seitdem glücklich – jedenfalls meistens.

Rettung nur für Reiche? Experten auf der Nordhalbkugel der Erde haben es seit Monaten immer gesagt: Vergesst bitte beim Impfen nicht die armen Staaten dieser Welt! Genau dies scheint aber jetzt zu geschehen. Jörg Kallmeyer zieht in seinem Leitartikel eine kritische Zwischenbilanz der globalen Impfstoffpolitik.

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Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kommt nicht zur Ruhe. Nachdem der Streit um Bundestrainer Joachim Löw mühsam wegmoderiert wurde, könnte es heute auf der Präsidiums­sitzung zum nächsten Showdown kommen: Einige fordern die Wachablösung von Präsident Fritz Keller.

George Clooney wurde schon mehrfach wegen seines Engagements für soziale Gerechtigkeit und gegen Rassismus ausgezeichnet. Diese Einstellung will er auch an seine Kinder weitergeben, betont der 59-Jährige im Interview mit dem RND: „Es ist das Vermächtnis von meiner Frau und mir an sie, dass sie sich für die Dinge offen einsetzen, an die sie glauben.“ Clooney spricht auch über seinen neuen Film „Midnight Sky“ (ab 23. Dezember bei Netflix).

Themen des Tages

Im Dannenröder Forst protestieren heute wieder Umweltschützer gegen Grüne. Um 9.30 Uhr haut der Pianist Igor Levit in die Tasten, Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer hält eine Rede. Die Demonstranten fordern den Stopp der Abholzung für die A49 – und wenden sich damit auch gegen die in Hessen mitregierenden Grünen. Die verweisen darauf, dass Umweltschützer den Rechtsweg bei dem seit mehr als 20 Jahren geplanten Projekt seit Langem ausgeschöpft haben. Befürworter der A49 hoffen auf weniger Ortsdurchfahrten mit Lastwagen zwischen Kassel und Gießen.

Konflikt im Dannenröder Forst: Die Polizei räumt derzeit ein Baumhaus nach dem anderen. © Quelle: imago images/Hartenfelser

Ab 10 Uhr beleuchtet heute die Justiz Rechtsterrorismus im Frühstadium. Vor der Staats­schutz­kammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth muss sich ein 23-Jähriger Dorfbewohner aus der Oberpfalz verantworten, dem die Justiz die „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ vorwirft. In Chats nannte er sich Heydrich, bei der international aktiven Feuerkrieg-Division soll er sich nach Anschlagszielen erkundigt haben. Interessant ist die Frage, wo das Gericht die Grenze ziehen wird zwischen straflosen Fantasien, die im Internet ausgetauscht wurden, und strafbaren Vorbereitungen im Sinne der Antiterrorgesetze.

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Um 14.30 Uhr MEZ gibt die scheidende Trump-Regierung neue Zahlen zur Arbeitslosigkeit in den USA bekannt. In den zurückliegenden Monaten hatte es mitunter eine erstaunliche Erholung gegeben. Sorge macht den Experten aber ein wachsender Anteil von Langzeit­arbeitslosen, die an das schnell getaktete amerikanische Hire-and-fire-System inzwischen den Anschluss verloren haben.

Heute beginnen auf Betreiben von Bundeskanzler Sebastian Kurz die nicht ganz unumstrittenen Massentests in Österreich. Sie sollen ein genaues Bild der Pandemielage bieten. Allein in Wien wurden Testkapazitäten für bis zu 150.000 Menschen pro Tag aufgebaut. Da allenfalls 60 Prozent der Österreicher sich testen lassen wollen, dürfte der Erkenntnisgewinn der Momentaufnahme begrenzt sein. Auch das Bundesheer hilft mit bei der Mammutaktion, nicht zuletzt muss dafür Sorge getragen werden, dass es beim Testen nicht zu kontraproduktiven Massen­ansammlungen kommt.

Wer heute wichtig wird

In Deutschland erscheint heute das Buch „Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise“ von Papst Franziskus (Kösel-Verlag, 192 Seiten, 20 Euro).

Wird der aus Argentinien stammende Kirchenführer in Deutschland zu einem Bestsellerautor? Der Buchtitel jedenfalls klingt, das ist clever, mehr nach Klangschale als nach katholischer Kirche – das müsste den Verkauf eigentlich fördern, gerade zur Weihnachtszeit.

Ein neuer Streiter für das Grundeinkommen: Papst Franziskus. © Quelle: imago images/Independent Photo Agency Int.

Doch im Ernst: Der Papst liefert interessanteren Diskussionsstoff, als viele denken. Seine Sorge um den Planeten wird immer größer, seine Kapitalismuskritik härter. Und seine Alternativ­vorschläge, von mehr Zeit des Einzelnen für die Allgemeinheit bis zu mehr Biolandbau, sind nun konkreter denn je: „Durch die Bereitstellung eines universellen Grundeinkommens befreien und befähigen wir die Menschen, in würdiger Weise für die Gemeinschaft zu arbeiten.“

In Deutschland werden sich Liberale an die Stirn tippen. Aber viele Schwarze und Grüne werden aufhorchen angesichts der neuen päpstlichen Tagträume: „Indem wir uns auf Land, Arbeit und Wohnraum konzentrieren, können wir wieder eine gesunde Beziehung zur Welt aufbauen und selbst wachsen, indem wir anderen dienen. Auf diese Weise überwinden wir den engen individualistischen Rahmen des liberalen Paradigmas, ohne in die Falle des Populismus zu tappen.“

In der „Süddeutschen Zeitung“ erlaubte sich Heribert Prantl trotz Corona eine innige Umarmung: „Ich mag diesen Papst, der sich nach dem beliebtesten und dem radikalsten aller Heiligen benannt hat, nach Franz von Assisi, einem Mann, der ein erbitterter Feind von Hab- und Raffsucht war.“

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag!

Aus dem RND-Newsroom: Matthias Koch

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