Schlussrunde mit sieben Kämpfern

  • ARD und ZDF senden heute live eine Debatte mit allen im Bundestag vertretenen Parteien.
  • Die Diskussion dürfte sich als spannender erweisen als die drei zurückliegenden Trielle – wobei die Latte da nicht sehr hoch liegt.
  • Für Armin Laschet und Olaf Scholz könnte es heute, aus ganz unterschiedlichen Gründen, ein schwieriger Abend werden.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Sendung heute Abend ist eine Premiere und eine Schlussrunde zugleich: Ab 20.15 Uhr übertragen ARD und ZDF die erste und letzte Livedebatte mit Politikern aller sieben im Bundestag vertretenen Parteien.

Sieben? Manche stutzen da und fangen an, ungläubig nachzurechnen. Doch so ist es. Neben SPD, Grünen, Linken, FDP und AfD werden CDU und CSU als zwei Parteien gezählt. Diesmal darf deshalb neben Olaf Scholz, Annalena Baerbock, Janine Wissler, Christian Lindner, Alice Weidel und Armin Laschet auch Markus Söder auf die ganz große Bühne.

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Als die Sendung geplant wurde, erschien sie allen Beteiligten wie eine Art Pflichtübung, die man nach den drei Triellen notgedrungen eben auch absolviert. Da aber in diesem Jahr rund 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler sogar auf den allerletzten Metern noch unentschlossen sind, könnten Impulse aus der heutigen 90-Minuten-Sendung tatsächlich noch diesen oder jene in seinem oder ihrem Urteil in die eine oder andere Richtung kippen lassen.

Die Spannung wächst. Und die Moderatoren, Tina Hassel (ARD) und Theo Koll (ZDF), stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Bekommen sie die sieben Kämpferinnen und Kämpfer, die da heute in die Arena gehen, überhaupt in den Griff?

Neu immerhin wird aber der optische Eindruck sein: Die Trielle mit Scholz, Baerbock und Laschet kündeten schon ohne Worte von rot-grüner Dominanz: Meist standen da zwei gegen einen.

Schwarz und Rot könnten heute kleiner wirken

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Heute Abend wird es komplizierter – und in gewisser Hinsicht auch realistischer. Der FDP vor allem könnte das heutige Format helfen. Sie hatte keinen Kanzlerkandidaten aufgestellt und blieb deshalb auch von den Triellen ausgeschlossen – liegt aber neuerdings in manchen Umfragen nur noch drei Punkte hinter den Grünen. Interessant ist auch, wie die Linkspartei, deren angebliche oder tatsächliche Haltung zur Nato in den Triellen oft eine Rolle spielte, selbst ihre Position beschreibt.

Optisch etwas kleiner wirken dürften indessen heute Abend die Kandidaten von SPD und Union. Scholz könnte, wenn von den Affären um Cum-ex, Wirecard und Geldwäsche die Rede ist, erstmals geradewegs verloren wirken – in einem Kreis, in dem dann sage und schreibe sechs andere streng den Kopf schütteln angesichts der Versäumnisse des Bundes­finanzministers.

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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Mittwoch in Bonn. © Quelle: imago images/photothek

Laschet wiederum muss ein neues Psychodrama aushalten. Heute Abend wird, das ist sein Pech, derjenige mit auf der Bühne stehen, den eine Mehrheit der Unionswählerinnen und ‑wähler viel lieber als Kanzlerkandidaten gesehen hätte: Söder. Daraus folgt für die beiden Schwesterparteien ein unentrinnbares Dilemma. Je mehr Söder heute Abend Punkte sammelt beim Publikum, was prinzipiell sein Interesse sein muss drei Tage vor der Wahl, umso stärker wird der Eindruck verfestigt, die Union habe sich für den Falschen entschieden.

Das unendliche Drama des Armin Laschet

„Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident hat sich die Kanzlerkandidatur offenbar leichter vorgestellt“, schreibt Kristina Dunz aus unserem Berliner Büro heute in einem großen Feature über Laschet. „Er kon­zen­triert sich schlecht, er fokussiert sich nicht auf das gerade Wichtigste. Wenn man ins Kanzleramt will, ist aber jede Minute das aktuell Wichtigste, jeder Schritt und Tritt.“

Unvergesslich bleibt Laschets Lachen im Flutkatastrophen­gebiet im Juli in einem vermeintlich unbeobachteten Moment, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Opfer spricht. „Wenn ihm etwas die Chancen auf die Kanzlerschaft so richtig versaut haben wird, dann dieses eine Lachen“, schreibt Dunz.

Sind wir Journalisten zu streng? Eher ist es wohl so, dass Laschet alles viel zu lässig anging. Wo eigentlich war seine Strategie? Was genau ist der Inhalt seines Wahlkampfs? Sein Problem ist: Weil die Menschen inhaltlich so wenig mit ihm verbinden, hat die Kritik an Äußerlichem umso mehr Gewicht bekommen. Es ist die Relativität aller Dinge, die seinen Wahlkampf zu einem unendlichen Drama macht.

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Zitat des Tages

Ich halte es inzwischen für wahrscheinlich, dass Armin Laschet – ja, genau der – die Bundestagswahl 2021 gewinnen oder fast gewinnen könnte, Kopf an Kopf gewissermaßen.

Sascha Lobo, Blogger und „Spiegel“-Kolumnist

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Luisa Neubauer von Fridays for Future klagt im RND-Interview, im Bundestags­wahlkampf werde nicht ehrlich über Klimaschutz gesprochen. Alle Parteien erzählten „das Märchen von einer Welt, in der man alles im Griff hat“. Dabei müsse die Politik die Wählerinnen und Wähler auf harte Einschnitte vorbereiten, sagt die Klimaaktivistin im Gespräch mit unseren Reportern Jan Sternberg und Alisha Mendgen.

Mit Netflix kam das Binge-Watching – frei übersetzt: das Komaglotzen. Ganze Serien wurden oft auf einen Schlag veröffentlicht – und auch genau so konsumiert: als großes Event. Doch Netflix hat inzwischen harte Konkurrenz bekommen. Anbieter wie Apple TV+ und Disney+ setzen neuerdings lieber auf die klassische, wöchentliche Veröffentlichung. Matthias Schwarzer erklärt den neuen Trend zum Maßhalten.

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