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Bis zu elf Millionen mehr Menschen betroffen

Krieg in der Ukraine treibt Welthunger: Wie lässt sich das stoppen?

Mitarbeiter des World Food Programme (WFP) verladen Grundnahrungsmittel an einem Logistikstützpunkt in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik, Foto aus dem Jahr 2014.

Berlin. Die Hungerschocks kommen in regelmäßigen Abständen. Dürren oder Kriege sind oft die Ursache. 2007/2008 stiegen die Lebensmittelpreise weltweit drastisch an, die Zahl der Hungernden stieg. Vor wenigen Jahren explodierten die Brotpreise in Nordafrika, die Region geriet ins Wanken. Nun sorgt der Krieg in der Ukraine für steigende Preise. Die Ukraine und Russland gehören zu den größten Exporteuren von Weizen und Sonnenblumenöl. Die Uno warnt bereits: Bis zu elf Millionen Menschen könnten durch den Ukraine-Krieg zusätzlich in den Hunger getrieben werden.

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Diese Zahl dockt an einem bereits beträchtlichen Sockel an: Rund 800 Millionen Menschen weltweit gelten als nicht ausreichend ernährt. Wegen Finanzproblemen hat das UN-Welternährungsprogramm (World Food Programme/WFP) vergangenes Jahr die Lieferungen in den kriegsgeplanten Jemen umstellen müssen. In Syrien müssen Hilfsbedürftige mit geringeren Lieferungen zurechtkommen.

Weizen aus Australien

Was lässt sich also tun? „Kurzfristig ist eine Umstellung auf alternative Lieferanten unumgänglich“, sagt die Agrarökonomin Christine Wieck von der Universität Hohenheim mit Blick auf den Lieferausfall aus Russland und der Ukraine dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Den Ländern bleibt nichts anderes übrig, als den Ausfall durch Import von Weizen aus Australien, den USA, Europa oder Kanada zu ersetzen. Um den Weizenpreis nicht weiter in die Höhe zu treiben, sollten andere Exportländer auf Exportbeschränkungen verzichten. Außerdem braucht es Finanzhilfen. Vor allem das World Food Programme muss mit ausreichend Geld ausgestattet werden.“

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Der stellvertretende politische Leiter der Welthungerhilfe, Rafael Schneider.

Der stellvertretende politische Leiter der Welthungerhilfe, Rafael Schneider.

Ziel in allen ärmeren Ländern müsse es mittelfristig sein, ihre Agrarproduktion zu steigern. „Da ist der aktuelle Düngermangel ein riesiges Problem, das unterschätzt wird. Während in Europa der Fokus auf Abbau von Überdüngung liegt, brauchen ärmere Länder eher mehr und bessere Düngemittel“, sagt Wieck, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Agrarpolitik in Hohenheim.

Ratten in Maislagern

Die Welthungerhilfe drängt darauf, zur langfristigen Verbesserung der Lebensmittelversorgung in ärmeren Ländern einen Schwerpunkt auf den Ausbau der Lagerkapazitäten zu legen. „Es löst das Problem nicht, nur die Ernten zu steigern“, sagte der stellvertretende politische Leiter der Hilfsorganisation, Rafael Schneider, dem RND. „Auch Transportmöglichkeiten und Lagerkapazitäten müssen verbessert werden, wenn sich etwas ändern soll.“

Es gebe in Afrika Ernteverluste von 50 Prozent, weil die Lagerung nicht sichergestellt sei. „Da wird mal ein Maislager von Ratten befallen oder die Baumwollernte wird vom Regen nass und damit unverkäuflich, weil es kein Dach gibt“, sagt Schneider.

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Dürre und Krieg: Hilfsorganisation Oxfam befürchtet Hungerkrise in Ostafrika

Die Entwicklungsorganisation Oxfam warnt vor einer Hungerkrise in Ostafrika. Gründe dafür seien unter anderem der Krieg in der Ukraine und eine anhaltende Dürre.

Zur Verbesserung der Ernte sei es sinnvoll, „auf klimatisch besser an die Region angepasste Getreide umzusteigen, etwa von Mais auf Hirse oder auch auf Reis“. Zudem ließen sich mit dem gezielteren Einsatz von Dünger Böden verbessern. „Man muss allerdings aufpassen, da nicht in neue Abhängigkeiten zu geraten, diesmal von Düngemitteln“, sagt Schneider.

Vorwurf des Experten

Es sei wichtig, die Möglichkeit der Länder zu Selbstversorgung zu verbessern. „Der Selbstversorgungsgrad ist in vielen Ländern zu gering. Dadurch steigt die Abhängigkeit vom Weltmarkt. Wenn es dort zu Schocks kommt, wird es schwierig.“

Es sei ärgerlich, dass dieses Problem schon lange erkannt sei. Schon bei der letzten großen Hungerkrise in den Jahren 2007/2008 habe man entsprechende Gegenmaßnahmen geplant. „Aber danach war man zu zaghaft, international wie in den betroffenen Ländern“, sagt Schneider.

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Die Agrarökonomin Wieck gibt zu bedenken: „Eine reine Selbstversorgung ist in vielen Länder nicht möglich und diese sind natürlich auf ein funktionierendes Handelssystem und Exporte aus anderen Ländern angewiesen. Wenn alle Länder sich wieder auf reine Selbstversorgung konzentrieren, gehen viele Vorteile unserer Arbeitsteilung verloren.“

Es sei wichtig, die heimische Agrarproduktion so gut es geht aufzustellen und aufzubauen. „Aber es ist ein sehr westlicher Blick auf die Dinge, allen zum Beispiel Ökolandbau oder indigenes Saatgut überstülpen zu wollen.“

In der afrikanischen landwirtschaftlichen Entwicklungsagenda und den nationalen Entwicklungsplänen seien indigene Pflanzen ein Element von vielen. „Gut gezüchtetes, standortangepasstes Saatgut, das resistent ist gegen Trockenheit und Schädlinge, ist ein großer Fortschritt. Das hat hierzulande über Jahre die Entwicklung befördert.“ Auch Afrika wolle seine Landwirtschaft intensivieren und professionalisieren.

Wieck fordert, den Blick in den Industrieländern auch darauf zu lenken, was dort geändert werden könne: „Wir sollten klimabewusster konsumieren, weil durch den Klimawandel die Lage in den armen Ländern noch schwieriger wird“, sagt die Professorin. „Wenn der Weizen knapp ist, sollten wir die Schlussfolgerung ziehen, nicht mehr so viel davon als Futtermittel oder für Biogas zu verwenden.“

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