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„Kurzsichtig und inakzeptabel“

Pegel auf Rekordtief: Umweltverbände strikt gegen Fahrrinnenvertiefung

Das Niedrigwasser am Rhein könnte dramatisch Folgen für die Wirtschaft haben.

Das Niedrigwasser am Rhein könnte dramatisch Folgen für die Wirtschaft haben.

Die deutschen Flüsse führen Niedrigwasser, selbst der Rhein trocknet aus, die Binnenschifffahrt ist schwer gestört. Aus Politik und Wirtschaft kommen deshalb zunehmend Rufe danach, die Flüsse weiter zu vertiefen, um sie befahrbar zu halten. Dagegen melden sich nun vehement die Umwelt- und Naturschützer zu Wort. „Europäische Abkommen verpflichten uns, unsere Flüsse und Seen wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Symptombekämpfung, wie der weitere Ausbau von Gewässern, bringen aber weitere Zerstörung. Das ist kurzsichtig und inakzeptabel“, sagt etwa die Geschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Antje von Broock, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Sie sei entschieden gegen eine Rheinvertiefung. Das Denken müsse umgekehrt werden: „Schiffe und Logistik müssen dem Fluss angepasst werden, nicht der Fluss dem Schiff.“

„Verheerende“ Auswirkungen

Auch der Umweltverband WWF warnt vor einer Fahrrinnenvertiefung: „Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel, die Strömungsgeschwindigkeit erhöht sich, das Wasser fließt schneller ab und die Auswirkung auf die Flusssohle, ein wichtiger besiedelbarer Raum für Kleinstlebewesen, ist verheerend“, sagt WWF-Expertin Beatrice Claus dem RND.

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An der wichtigsten Wasserstraße Deutschlands, dem Rhein, wurden am Mittwoch Negativrekorde gebrochen: In Emmerich fiel der Pegel unter die Nullmarke, hier wurden auch am Donnerstag noch minus zwei Zentimeter gemessen, in Duisburg waren es am Mittwoch 1,51 Meter, der bisher niedrigste Wasserstand lag hier bei 1,53 Meter. Der für die Rheinschifffahrt besonders relevante Pegel in Kaub lag am Donnerstag bei 37 Zentimetern.

Durch die anhaltend niedrigen Wasserstände können Schiffe nicht voll beladen werden, hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie am Dienstag gewarnt: „Die anhaltende Trockenperiode und das Niedrigwasser bedrohen die Versorgungssicherheit der Industrie“, so Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) will deshalb jetzt eine Rheinvertiefung vorantreiben. „Die Fahrrinne muss dort dringend vertieft werden, damit man auch bei niedrigem Wasserstand die Binnenschifffahrt am Laufen halten kann“, sagte der FDP-Politiker am Mittwoch in der ARD. „Das wurde lange diskutiert, aber nicht umgesetzt. Und das gehen wir jetzt an.“ Auch der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) hat eine rasche Umsetzung geplanter Baumaßnahmen gefordert. Insbesondere die Vertiefung der Fahrrinnen in Rhein und Donau müssten jetzt vorangetrieben werden.

NRW-Umweltminister Krischer gegen Rheinvertiefung

Nordrhein-Westfalens Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) hat sich dagegen ausgesprochen, den Rhein zu vertiefen. „Denn auch eine tiefere Fahrrinne hilft nichts, wenn der Fluss kein Wasser führt. Zum Teil würde dadurch das Problem auch verschlimmert“, sagte er der Rheinischen Post. WWF-Expertin Claus stimmt zu: „Mit der Betonpolitik von gestern werden wir die Probleme von heute nicht lösen und keine nachhaltige Zukunft für unsere Flüsse sichern können.“

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Auch in Rheinland-Pfalz soll zwischen Mainz und St. Goar die Fahrrinnentiefe im Rhein erhöht werden, es handele sich aber nicht um eine großflächige Vertiefung, sondern um wasserspiegelstützende Maßnahmen. „Die Anpassung der Fahrrinne kann jedoch nur unter Beachtung ökologischer Aspekte und der Hochwasserneutralität erfolgen“, erklärte das rheinland-pfälzische Umweltministerium gegenüber dem RND. Die Auswirkungen müssten durch Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen minimiert werden: „Diese Aspekte werden in dem vorgeschriebenen Planfeststellungsverfahren, welches auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung umfasst, ausführlich untersucht.“

Streit um Weser und Außenems

Auch für die Weser wird seit Jahren über eine Vertiefung gestritten. Die sei laut dem niedersächsischen Umweltministerium wichtig für die Verkehrsinfrastruktur Niedersachsens, neben der Ökonomie spiele aber eine „ökologisch gesunde Weserregion“ eine gleichbedeutende Rolle. „Das müssen und werden wir im Verfahren in Einklang bringen. Dass und wie dies unter Beteiligung auch von Umweltverbänden möglich ist, machen wir gerade deutlich mit der Entwicklung im Zuge der geplanten Fahrrinnenanpassung Außenems“, heißt es aus dem Umweltministerium gegenüber dem RND. Die geplante Vertiefung der Außenems soll jetzt Fahrt aufnehmen, bis Ende des Jahres sollen die noch nötigen Planfeststellungsunterlagen vorliegen.

Eisfjord und Häuser der Stadt Ilulissat, Grönland, Nordamerika *** Eisfjord and Houses the City Ilulissat, Greenland, North America Copyright: imageBROKER/StephanxLaude ibxssl08344868.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung!

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Umweltverbände wie der WWF, die an den Planungen beteiligt sind, sehen jedoch die Außenemsvertiefung weiter kritisch. Durch die Vertiefung der Ems sei sie „über viele Monate des Jahres kein Lebensraum für Fische mehr“ gewesen, sagt Claus dem RND. „Eine weitere Vertiefung der Außenems ist ein Schritt in die falsche Richtung.“ Auch die Weservertiefung sieht sie kritisch: „Und anstatt die Weser erneut für die Containerschifffahrt zu vertiefen und die innerdeutsche Konkurrenz auf Kosten der Natur und der Steuerzahler zu befördern, brauchen wir ein nationales Hafenkonzept, um die Hafenstandorte zu sichern.“

In den nächsten Tagen könnte sich die Niedrigwassersituation vorerst verbessern, es soll laut Deutschem Wetterdienst regnen. Laut WSV deutet sich an, dass die Wasserstände in Mittel- und Niederrhein bis Ende der nächsten Woche um 50 Zentimeter und mehr steigen. Trotzdem bleibe die Lage angespannt, da dieser Effekt „nach dem Durchlauf der Welle aber wieder abklingen“ würde.

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