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  • Schadet das Coronavirus der Wirtschaft? Experte warnt vor Rezession

Top-Ökonom: “Corona lässt Rezessionsgefahr massiv steigen”

  • Unternehmen, die ihre Belegschaft in Quarantäne schicken müssen, Lieferketten aus Übersee, die unterbrochen werden – Corona infiziert auch unsere Wirtschaft.
  • Marcel Fratzscher, einer der führenden Wirtschaftsforscher der Republik, warnt vor einer Rezession.
  • Die Regierung müsse jetzt rasch ein Konjunkturpaket auf den Weg bringen.
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Herr Fratzscher, lassen die Auswirkungen des Coronavirus Deutschland endgültig in die Rezession abstürzen?

Die Rezessionsgefahr steigt massiv. Ohne Corona hätte ich gesagt: Es wird in diesem Jahr bei uns eine wirtschaftliche Stabilisierung geben.

Und nun?

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Corona trifft die deutsche Wirtschaft zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Sie ist eh schon sehr verletzlich. Das ist die Folge der großen globalen Handelskonflikte und des Brexits. Außerdem steckt die Automobilwirtschaft in einer sehr grundlegenden Transformation. Zu alledem kommt jetzt noch ein weiterer Schock hinzu.

Eine Rezession ist nicht mehr abzuwenden?

Um ehrlich zu sein: Wir wissen es nicht. Wenn sich der Erreger in Deutschland nicht viel weiter ausbreiten würde als zum jetzigen Zeitpunkt, könnte die deutsche Wirtschaft sicher sehr gut ohne Rezession durchs Jahr kommen. Aber wenn es zu einer unkontrollierbaren Ansteckung weiter Teile der Bevölkerung käme und diese Situation über Wochen und Monate anhielte, sähe es anders aus.

Kommt es nicht immer wieder vor, dass Lieferketten mal vorübergehend unterbrochen werden – aus welchen Gründen auch immer?

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Unterbrochene Lieferketten sind ein Problem – allerdings das kleinere, verglichen mit dem Vertrauensverlust, den wir gerade erleben. Aber bleiben wir mal bei den Lieferketten. Die Unternehmen haben gewisse Reserven, finanziell gesehen und was die benötigten Teile der Zulieferer angeht. Sind diese Reserven aufgebraucht, wird es sehr schwierig. Bisher sehen wir bei den Lieferschwierigkeiten chinesischer Hersteller nur die Spitze des Eisbergs.

Inwiefern?

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Die Containerschiffe aus China brauchen zu uns etwa vier bis sechs Wochen. Was jetzt in Deutschland ankommt, ist Ende Januar verschifft worden – und damit vor den großen Produktionsstilllegungen in China. Die Stunde der Wahrheit wird erst in den nächsten Wochen kommen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. © Quelle: Gregor Fischer/dpa

Verloren gehendes Vertrauens ist ein größeres Problem als Lieferschwierigkeiten, sagen Sie. Sind Hamsterkäufe in Supermärkten das erste sichtbare Zeichen für schwindendes Vertrauen?

Wenn Kunden hamstern und mehr kaufen, als sie benötigen, ist das natürlich ein Problem. Vertrauensverlust kann sich allerdings auch anders zeigen: Zum Beispiel, indem Menschen ihr Verhalten grundlegend ändern und deutlich weniger konsumieren – aus Angst vor dem Ungewissen.

Ungewissheit worüber?

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Stecke ich mich selbst an oder meine Freunde oder jemand aus der Familie? Was ist mit meinem Lohn? Ist mein Arbeitsplatz noch sicher? Wenn sich viele plötzlich solche Fragen stellen, äußert sich das auch in ihrem wirtschaftlichen Handeln. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Anschaffungen oder Reisen verschoben werden oder man ganz darauf verzichtet. Wir Ökonomen reden in solchen Fällen von sich selbst erfüllenden Erwartungen.

Demnach wird die Krise nicht dadurch bestimmt, dass Produkte fehlen, weil weniger hergestellt werden kann, sondern durch Konsumzurückhaltung als Folge von Angst?

Wir haben es mit einem Angebots- und mit einem Nachfrageproblem zu tun. Aber das Nachfrageproblem ist erheblicher.

Wie sollte Deutschland reagieren?

Eine möglichst umfassende Reaktion ist notwendig. Der Drei-Stufen-Plan des Wirtschaftsministeriums geht in die richtige Richtung. In der ersten Stufe wird darauf gesetzt, Unternehmen Überbrückungskredite und Kurzarbeitergeld zu gewähren. Zinssenkungen wie die in den USA sind ein wichtiges Signal. Ich denke, die Europäische Zentralbank wird da nachziehen müssen.

Und wenn das nicht reicht?

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Vertrauen wieder herzustellen erfordert starke Signale. Dazu gehört ein langfristiges Investitionsprogramm. Unternehmen und Verbraucher müssen wissen: In den nächsten Monaten wird es hart, aber langfristig können wir uns darauf verlassen, dass ein Schub kommt. Kurzfristig wäre wichtig, Konsumenten zu entlasten. Das könnte man über eine temporäre Reduzierung der Mehrwertsteuer erreichen. Im Ergebnis würde das dazu führen, dass größere Anschaffungen vorgezogen werden. Es ist jetzt Zeit für ein Konjunkturprogramm. Wir sollten besser früh handeln als zu spät.

Geht es hier nicht nur darum, Forderungen zu erfüllen, die schon lange auf den Wunschzetteln von Ökonomen, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden stehen?

Da muss man genau hinschauen. Es gibt starke Lobbyinteressen. Jeder spürt, dass etwas verteilt werden könnte. Aber nun wegen Corona den Soli komplett abzuschaffen, davon halte ich nichts, auch nichts von Steuerentlastungen für Unternehmen. Möglich wäre aber, Unternehmen, die als Folge von Corona in Probleme geraten, fällige Steuern zu stunden. Und höhere öffentliche Investitionen würden auch das Vertrauen stärken.


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